Ist Ernährung die neue Religion?

  • Statt auf die Barrikaden zu gehen, kaufen wir Hafermilch und Goji-Beeren.
  • Unser Essen soll die Welt retten – und uns selbst auch. Auf dem Teller hoffen wir das reine Gute und Wahre zu finden, das uns sonst überall abhandengekommen ist.
  • Aber kann das gelingen? Und warum überhöhen wir unser Essen so oft?
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In einem der erfolgreichsten Sachbücher der vergangenen Jahre schildert der Autor Bas Kast gleich zu Beginn ein äußerst einschneidendes Erlebnis. Er beschreibt, wie er im Alter von 40 Jahren an einem Frühlingsabend joggen ging – und nach gerade mal einem Kilometer regelrecht zusammenbrach.

Bis dahin, schreibt er, habe er sich vollkommen fit gefühlt, regelmäßig habe er bis dahin Sport getrieben. In diesem Moment jedoch kam es ihm vor, als wäre er “mit vollem Tempo auf eine unsichtbare Mauer zugerannt ... als würde eine stählerne Hand dein Herz fest anpacken und ruckartig zusammendrücken”.

Logisch wäre es nun gewesen, sogleich einen Arzt aufzusuchen, vielleicht sogar einen Krankenwagen zu rufen. Kast, studierter Biologe und Psychologe, von Beruf Wissenschaftsredakteur, muss gewusst haben, um was es sich handelte: einen schweren Herzanfall, der unbedingt der Abklärung bedurfte.

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Bas Kast las sich durch Hunderte Ernährungsstudien und schrieb einen Bestseller

Doch Kast, so schildert er es, ging nicht zum Arzt. Er rief auch keinen Krankenwagen. Stattdessen, schreibt er an anderer Stelle, fasste er einen Entschluss. “Ich wollte mich selbst heilen. Wieder fit werden. Dem unausweichlichen Altern die Stirn bieten.” Sein entscheidendes Vehikel dazu sollte die Ernährung sein. Bas Kast wollte anders essen. Statt ins Krankenhaus ging er also in den nächsten Supermarkt. Oder eher: Biomarkt.

Der Rest ist Geschichte. Kast las sich durch Hunderte Ernährungsstudien, schrieb das kluge, erfreulich undogmatische, nur im Untertitel etwas großspurige Buch “Der Ernährungskompass. Das Fazit aller wissenschaftlichen Studien zum Thema Ernährung” und steht damit seit vielen Monaten ganz oben auf den Bestsellerlisten, Hunderttausende Exemplare seines Buches sind verkauft.

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Nur die Geschichte am Anfang ist etwas rätselhaft. Entweder sie stimmt. Dann wäre der Autor ziemlich fahrlässig mit der eigenen Gesundheit umgegangen. In diesem Fall gäbe es guten Grund, mit all seinen Tipps zum Thema Gesundheit, Körper etc. ziemlich vorsichtig zu sein.

Oder sie stimmt nicht. Jedenfalls nicht so dramatisch, wie er sie schildert. Dann wäre sie eine Metapher, oder jedenfalls eine tüchtige Übertreibung, aufgeschrieben und verwendet, weil er das Gefühl hatte, ein paar quasireligiöse Rauchschwaden würden dem Buch am Anfang ganz gut tun. Ein klassisches Erweckungserlebnis, das das Buch beglaubigt und zugleich überhöht: Und Gott sandte mir ein Zeichen, dass ich künftig keine Chips, keine Pommes und keine Burger mehr essen sollte.

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Es war ganz offensichtlich eine sehr erfolgreiche Strategie. Längst gibt es auch das Kochbuch zum Buch. Mit zumeist ziemlich sachlichen Rezepten, es geht von der After-Eight-Schokolade über Himbeermüsli bis zur Zwiebelsuppe, das Buch ist so eine Art Olaf Scholz der Ernährungsliteratur. Aber wer glaubt, der kauft. Zumal wenn es um ein so großes Versprechen geht: geheilt zu werden. Dem Altern die Stirn bieten. Man folge Kasts Rat, dann wird sich das Heil schon einstellen. Bei ihm hat es ja auch geholfen.

Religion und Essen hängen zusammen

Der Zusammenhang von Essen und Religion ist nicht neu. Nur ging es bislang immer umgekehrt: Die Religion erließ die Regeln, an die sich die Gläubigen dann zu halten hatten. Esst geschächtetes Fleisch, trennt Fleischliches vom Milchigen, fastet. Das Essen war Mittel zum Zweck, es ging (und oft geht es auch noch) darum, dass man gemeinsam hungerte, gemeinsam wieder aß, sich vertraute, dass das Essen, was der andere serviert, koscher oder halal ist. Essen schafft Zusammenhalt, Abgrenzung, Erkennbarkeit – an eurem Essen sollt ihr sie erkennen.

Das ist noch immer so. Essen ist noch immer Abgrenzung. Von dem Pöbel, der unfassbarerweise immer noch Chips, Leberwurst oder glutenhaltiges Brot isst. Neu ist nur, dass sich die Ernährung der religiösen Mechanismen bedient. Dass sie Propheten schafft, die ihre Jünger um sich scharen. Nur dass es nicht mehr darum geht, ein höheres Wesen anzubeten, das mächtiger ist als wir. Nein, wir huldigen nun uns selbst. Wir selbst sollen nun die Mächtigen sein. Wir sind es, die, allein indem wir essen, uns selbst retten – und wenn wir es richtig machen und auf Fleischlosigkeit, Regionalität und Bio achten, auch noch gleich die ganze Welt.

So viel Macht war nie – aber nicht bei einem Gott, sondern bei uns. Das ist das ganz und gar Areligiöse an der Ernährung als neuer Religion.

Das ist natürlich ein ziemlich attraktives Angebot, das der neue Ernährungsglaube uns macht. Wo es in einer Welt der globalen Konkurrenzen und der digitalen Revolutionen ziemlich selten geworden ist, dass wir uns mächtig fühlen. Ziemlich oft machen wir die genau gegenteilige Erfahrung. Wenn ich zum Beispiel merke, dass der Amazon-Algorithmus jedem Käufer viel besser sagen kann, was er gerne hätte, als es der Verkäufer in einem ganz realen Geschäft vielleicht je vermochte. Oder wenn ich merke, dass man mein schönes Wissen, wie man einen effizienten Motor baut, für ein E-Auto gar nicht mehr braucht. Oder wenn ich gern fürs Klima kämpfen würde – und akzeptieren muss, dass das politisch jedenfalls eine ziemlich lange, komplizierte Geschichte ist.

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Die Wahrheit rund um gute Ernährung wird schnell sehr kompliziert

Da geht mit Essen alles viel schneller. Es ist selten, dass man so viel Einfluss hat. Oder zu haben glaubt. Dass man so eindeutig das Gute und Richtige tut, einfach indem man Hafermilch und Goji-Beeren kauft. Nirgendwo ist so viel Sinn wie auf unserem Teller.

In Wahrheit allerdings wird alles schnell sehr kompliziert. Und dann geht vielleicht beides gar nicht so leicht zusammen: sich selbst und zugleich die Welt retten.

Ein schönes Beispiel ist die Avocado. Die ist, nach allem, was man weiß, ziemlich gut für die Gesundheit. Viele feine, ungesättigte Fette, gut fürs Herz, für Gefäße. „Gesunde Superfrucht aus Mexiko“, das ist das Attribut, das sie inzwischen trägt. Nur haben sich inzwischen auch mexikanische Drogenkartelle in den Anbau eingeklinkt. Die Avocado fordert Tote. Dazu hat sie einen ziemlich hohen Wasserbedarf und lange Transportwege.

Gut für mich, schlecht für die Welt, so könnte man das Dilemma mit der Avocado zusammenfassen. Am Ende entscheide ich mich im Supermarkt übrigens häufiger für als gegen die Avocado.

Mit Lachs verhält es sich auf gewisse Art ziemlich ähnlich. Antibiotika und Gensoja, das von Südamerika nach Norwegen gebracht werden muss, das alles landet im Lachs. Aber gute Fette soll er haben, heißt es, und gute Fette sind im Post-Kohlehydrate-Zeitalter so etwas wie der Goldstandard der richtigen Ernährung. Super für mich also, im Prinzip jedenfalls. Nur leider ziemlich schlecht für den Rest der Welt.

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Prophet des veganen Lebens in Deutschland: Attila Hildmann.

Das Versprechen der Ernährungspropheten auf die schöne neue Eindeutigkeit ist am Ende leider nicht zu halten. So wenig wie die großen Versprechen auf Verhinderung der großen Gebrechen. Attila Hildmann, der Prophet des veganen Lebens in Deutschland, beschreibt gern, wie sein Vater an einem Herzinfarkt starb – und er selbst dank veganer Ernährung seinen Cholesterinspiegel in den Griff bekam. Das ist, wenn es so stimmt, sehr erfreulich für ihn, und, ja, die Ernährung hat einen Einfluss auf den Cholesterinspiegel. Nur wie groß er wirklich ist, darüber streiten die Forscher längst wieder. Am Ende ist er wahrscheinlich deutlich kleiner, als man lange dachte.

Ist deshalb also egal, was man isst? Ganz sicher nicht. Es spricht am Ende ziemlich viel dafür, ab und zu mal ein paar Haferflöcklein auf seinen Teller rieseln zu lassen. Einen Apfel in Griffweite zu drapieren. Und das Ganze zu allem Überfluss dann auch noch um reichlich Gemüse, Fisch und Hülsenfrüchte zu ergänzen (womit dann, Achtung Spoiler, ein paar wesentliche Regeln von Kasts Buch auch schon zusammengefasst wären).

Es spricht allerdings alles dagegen, allein davon das eigene Heil zu erwarten, die Haferflocke zu überhöhen und die neuen Propheten zu vergöttern. Ob wir geheilt werden, wie wir alt werden, ob wir alt werden, über all das bestimmt nicht nur das, was wir auf dem Teller haben. Da sind noch ein paar andere Faktoren im Spiel. Man kann auch sagen: Mächte. Es muss ja nicht gleich Gott sein.

Und Bas Kast hatte am Ende vielleicht einfach nur Seitenstechen.

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