Depressionen haben sich durch Corona-Maßnahmen verschlimmert

  • Durch die Corona-Maßnahmen hat sich der Zustand von Menschen mit Depression deutlich verschlechtert.
  • Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe geht von etwa 140.000 Suizidversuchen bei Betroffenen im vergangenen Herbst und Winter aus.
  • Der Stiftungs-Vorsitzende Ulrich Hegerl fordert, den möglichen Nutzen von Corona-Maßnahmen künftig besser gegen deren negative Folgen abzuwägen.
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Bei fast der Hälfte aller Menschen mit Depression hat sich ihr Zustand durch die Corona-Maßnahmen verschlechtert, bis hin zum Suizidversuch. Das geht aus den Daten der Stiftung Deutsche Depressionshilfe hervor. Sie warnt davor, die negativen Folgen von Lockdowns zu übersehen.

Die Stiftung hatte eine Sondererhebung des „Deutschland-Barometer Depression“ veröffentlicht, einer jährlich stattfindenden Bevölkerungsumfrage zu Depression, bei der es um die Auswirkungen der Corona-Maßnahmen ging. Während des zweiten Lockdowns zu Beginn diesen Jahres waren dafür 5135 Personen zwischen 18 und 69 Jahren befragt worden.

„Was wir in unserer repräsentativen Befragung gesehen haben, ist sehr bedrückend“, sagt Ulrich Hegerl, Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Professor an der Goethe-Universität Frankfurt/Main. „44 % der Menschen mit Depression haben berichtet, dass sich ihr Zustand durch die Maßnahmen gegen Corona so massiv verschlechtert hat, dass sie einen Rückfall erlitten haben, die Schwere der Depression zugenommen hat oder sie Suizidgedanken entwickelt haben. Das würde hochgerechnet bei 5.3 Millionen Menschen mit Depression gut zwei Millionen Menschen betreffen.“

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Behandlungstermine fielen aus

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Die Maßnahmen hätten Konsequenzen, die ganz speziell für depressiv Erkrankte fatal seien: „Fehlende Tagesstruktur mit vermehrtem Grübeln während eines Lockdowns, vermehrter Rückzug ins Bett und vermehrtes Schlafen sowie weniger Bewegung und Sport, das sind drei Aspekte, die erwiesenermaßen Depressionen verschlechtern“, sagt Hegerl.

Der zweite Lockdown hatte sich der Befragung zufolge noch stärker als der erste auf das Leben der Betroffenen ausgewirkt. 89 Prozent der Menschen, die sich gerade in einer depressiven Krankheitsphase befanden, berichteten in dieser Zeit über fehlende soziale Kontakte (15 Prozent mehr als im ersten Lockdown), 87 Prozent über Bewegungsmangel (7 Prozent mehr als im ersten Lockdown) und 64 Prozent über verlängerte Bettzeiten (9 Prozent mehr als im ersten Lockdown).

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Noch viel schlimmer sei, dass Behandlungen ausgefallen seien, sagt Hegerl: „Oder die Menschen waren durch die Medienberichterstattung so verschüchtert, dass sie die Termine von sich aus abgesagt haben. All das sind die Gründe dafür, dass sich bei so vielen Menschen ihr Zustand verschlechtert hat.“ 22 Prozent der Befragten in einer depressiven Phase berichteten von ausgefallenen Facharzt-Terminen in den letzten sechs Monaten, bei 18 Prozent waren Termine beim Psychotherapeuten ausgefallen. Und 21 Prozent der Betroffenen hatten angegeben, von sich aus Behandlungstermine aus Angst vor Ansteckung abgesagt zu haben.

Acht Prozent hatten Suizidgedanken

Acht Prozent der an Depression Erkrankten gaben an, Suizidgedanken oder suizidale Impulse zu haben. Von fast 2000 im zweiten Lockdown Befragten mit diagnostizierter oder selbst-diagnostizierter Depression berichteten sogar 13 Personen, im letzten halben Jahr einen Suizidversuch unternommen zu haben. Hochgerechnet auf die Gesamtbevölkerung würde das allein für diese Gruppe etwa 140.000 Suizidversuche innerhalb von sechs Monaten ergeben.

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„Das ist eine erschreckend hohe Zahl“, sagt Hegerl. Die Zahl der Suizidversuche wird in Deutschland nicht systematisch erfasst, weshalb kein Vergleich zu den vergangenen Jahren möglich ist. Registriert wird lediglich die Zahl der Suizide, diese wurde für das vergangene Jahr noch nicht veröffentlicht.

Auch Sucht-Abstürze berücksichtigen

Der Professor fordert, eine Expertengruppe einzurichten, die systematisch Daten zu den wichtigsten negativen gesundheitlichen Folgen der Corona-Maßnahmen auswertet und erhebt. „Erfasst werden müssten aus psychiatrischer Sicht nicht nur die Suizidversuche und negative Folgen für depressiv erkrankte Menschen, sondern auch die Folgen für Menschen mit anderen psychischen Erkrankungen“, sagt Hegerl. „Nur ein Beispiel: wie viele suchtgefährdete Menschen sind im Rahmen der Lockdown-Maßnahmen ‚abgestürzt?‘“ Auch diese Fälle müssten von der Politik künftig berücksichtigt werden: „Nur so lässt sich sicherstellen, dass durch die Maßnahmen nicht letztendlich mehr Leid und Tod verursacht wird als man verhindert.“

Informations- und Hilfsangebote für Menschen mit Depression

  • Wissen, Selbsttest und Adressen rund um das Thema Depression unter www.deutsche-depressionshilfe.de
  • Deutschlandweites Info-Telefon Depression 0800 33 44 5 33 (kostenfrei)

• Fachlich moderierte Online-Foren zum Erfahrungsaustausch für Erwachsene www.diskussionsforum-depression.de und junge Menschen ab 14 Jahren www.fideo.de

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