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Erhebung: Zweiter Lockdown belastet drei von vier Menschen psychisch, Depressionen verschlimmern sich

  • Eine aktuelle Befragung zeigt: Der zweite Lockdown schlägt deutlich mehr Menschen auf die Psyche als der erste vor einem Jahr.
  • Bei fast der Hälfte der Patienten verschlechtert sich die Depression. Auch die Allgemeinbevölkerung fühlt sich so belastet wie nie zuvor in der Pandemie.
  • Ein Experte der Stiftung Deutsche Depressionshilfe fordert, bei Corona-Maßnahmen das Verhältnis von Nutzen und gesundheitlichem Schaden zu erfassen und abzuwägen.
Katrin Schreiter
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Leipzig. Der zweite Lockdown ist für die Allgemeinbevölkerung und insbesondere für Menschen mit Depression eine große psychische Herausforderung. Das geht aus einer bundesweit repräsentativen Befragung der Stiftung Deutsche Depressionshilfe hervor, die am Dienstag in Leipzig vorgestellt wurde. Für die Sondererhebung des sogenannten „Deutschland-Barometers Depression“ wurden rund 5100 Menschen zwischen 18 und 69 Jahren befragt – mit und ohne diagnostizierter Depression.

Isolation und Versorgungslage

Der zweite Lockdown schlägt demnach deutlich mehr Menschen in Deutschland auf die Psyche als der erste vor einem Jahr. 44 Prozent der Befragten mit diagnostizierter Depression bestätigen das. Ulrich Hegerl, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe, sieht dafür zwei Gründe: Zum einen „sind das die Auswirkungen der häuslichen Isolation“ mit noch weniger Kontakten und weniger Bewegung. Zum anderen würden die Corona-Maßnahmen zu massiven Einschnitten in den Therapieangeboten führen, so Hegerl. „Die schon vor der Pandemie angespannte Versorgungslage psychisch erkrankter Menschen hat sich weiter verschärft: 22 Prozent der Menschen in einer akuten depressiven Krankheitsphase geben an, keinen Behandlungstermin zu bekommen.“

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Hegerl sorgt sich besonders wegen der Zahl der Suizidversuche. „8 Prozent der Befragten hatten Suizidgedanken oder suizidale Impulse“, sagt der Mediziner und mahnt, „den Blick nicht nur auf das Infektionsgeschehen zu verengen.“ Es müssen auch Leid und Tod systematisch erfasst werden, die durch die Maßnahmen verursacht werden“, so Hegerl. Das müsste Aufgabe eines unabhängigen Expertengremiums sein, dass sich aus Medizinern unterschiedlichster Fachrichtungen sowie Soziologen und Gesundheitspolitikern zusammensetzt. „Eine repräsentative Erhebung der Suizidversuche wäre hier ein wichtiger Baustein.“

Nähe zu anderen Menschen fehlt

Nach Angaben der Stiftung sind in Deutschland mehr als fünf Millionen Menschen depressiv erkrankt. Sarah Spieker ist eine von ihnen. Die 36-Jährige leidet seit 13 Jahren immer wieder unter schweren Depressionen, die teilweise stationär behandelt werden. Seit der Pandemie fehlt ihr vor allem „die Nähe zu anderen Menschen“, erzählt sie. Auch die Therapietermine per Video hätten ihr nur zum Teil weiterhelfen können. „Schon das Hinfahren zur Therapie, sich dafür vernünftig anzuziehen, hat mir Tagesstruktur gegeben.“

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Belastend findet Sarah Spieker nach eigenen Aussagen, dass beim Thema Corona ständig „so viele Meinungen von so vielen Menschen“ auf sie einprasseln. „Fast nach jeder Tagesschau ein Corona spezial“, bei dem sie klare Entscheidungen vermisst. „Man weiß nie so richtig, was nun genau kommt.“

Auch Allgemeinbevölkerung betroffen

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Laut Befragung ist die Situation auch für die Allgemeinbevölkerung belastender als je zuvor: 71 Prozent der Bundesbürger empfinden die Maßnahmen im zweiten Lockdown bedrückend. Im ersten Lockdown waren es 59 Prozent, im Sommer 2020 sogar nur 36 Prozent. Fast die Hälfte (46 Prozent) der Deutschen erlebt seine Mitmenschen als rücksichtsloser – im ersten Lockdown waren es 40 Prozent. Und jeder dritte hat Sorgen um seine berufliche Zukunft.

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Tipps für die psychische Gesundheit

Um besser mit der belastenden Situation in der Corona-Krise umzugehen, kann ein Wochenplan hilfreich sein – das kann für Menschen mit und ohne Depression eine Unterstützung sein. Darin werden stundenweise die Aktivitäten für jeden Tag eingetragen, neben Pflichten sollte dabei auch Angenehmes eingeplant werden. Manche können in der Corona-Krise auch Chancen entdecken und sich einem neuen Hobby, Sport oder einem Buch zuwenden.

Wichtig sei auch ein geordneter Schlafwachrhythmus mit Bettzeiten, die nicht über acht bzw. neun Stunden liegen sollten, empfiehlt Hegerl. „Denn längere Bettzeiten und ein Sich-tagsüber-Hinlegen führen bei den meisten depressiv Erkrankten zu einer Verschlechterung der Depression und zunehmenden Schlafstörungen.“

Stiftung Deutsche Depressionshilfe

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Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe wurde 2008 gegründet. Ziel der Stiftung ist es, einen wesentlichen Beitrag zur besseren Versorgung depressiv erkrankter Menschen zu leisten. Neben Forschungsaktivitäten bietet die Stiftung Betroffenen und Angehörigen vielfältige Informations- und Hilfsangebote wie das Diskussionsforum Depression und das deutschlandweite Infotelefon Depression (0800 33 44 5 33).

Unter dem Dach der Stiftung Deutsche Depressionshilfe koordiniert das Deutsche Bündnis gegen Depression zahlreiche lokale Maßnahmen: In über 87 Städten und Kommunen haben sich Bündnisse gebildet, die auf lokaler Ebene Aufklärung über die Erkrankung leisten.

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