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  • Depression: Wie sollte man mit Erkrankten reden? Vier typische Sätze, die nach hinten losgehen - und wie es besser geht

Vier gut gemeinte Sätze, die an Depres­sionen Erkrankte oft hören – und was man besser sagen könnte

  • Wenn jemand im eigenen Umfeld Depressionen hat, möchte man der Person helfen.
  • Doch über die Krankheit existieren einige Miss­verständ­nisse – die manchmal in Ratschläge münden, die den Erkrankten gar nichts bringen.
  • Hier lesen Sie vier typische Sätze, die Depressive oft hören, und was man stattdessen sagen könnte.
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„Stell dich nicht so an.“ Dass man so einen Satz einem an Depres­sionen erkrankten Menschen nicht an den Kopf schmettern sollte, dürfte vielen Leuten mittlerweile klar sein. Doch auch andere, eigentlich gut gemeinte Worte und Ratschläge, können verletzend wirken oder schlichtweg nicht umsetzbar sein. Denn über die Krankheit existieren so einige Miss­verständ­nisse.

Anlässlich des Europäischen Tags der Depression am 1. Oktober haben wir typische Sätze gesammelt – samt Erklärungen und Vorschlägen, was man stattdessen sagen könnte. Die Informationen in diesem Text stammen von der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und der Deutschen Depressionsliga.

1. „Das kenne ich, ich bin manch­mal auch sehr traurig.“

Depressionen gehören zu den hinsichtlich ihrer Schwere am meisten unter­schätzten Krankheiten. „Die Erkrankung geht mit einer um zehn Jahre reduzierten Lebens­erwartung einher“, sagt Psychiater Prof. Ulrich Hegerl im Interview mit dem Redaktions­Netzwerk Deutschland.

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Die Symptome von Depressionen sind umfangreich – eine gedrückte Stimmung ist nur eines von vielen. An Depressionen Erkrankte können das Interesse an Dingen und Aktivitäten völlig verlieren, die ihnen früher wichtig waren. Ihr Antrieb kann vermindert sein, sie sind schnell müde. Einige können sich in den Krank­heitsphasen schlechter konzentrieren, andere entwickeln Schuld­gefühle. Manche Erkrankte leiden unter Suizid­gedanken. Auch körperliche Symptome wie Magen-, Kopf- oder Rücken­schmerzen können ein Hinweis auf eine Depression sein.

Mit „manchmal sehr traurig sein“ hat eine Depression also nichts zu tun. Stattdessen berichten einige Erkrankte von einer inneren Leere, und dass sie ihre Gefühle gar nicht mehr wahrnehmen könnten, also auch keine Traurigkeit. Außerdem sprechen Fachleute erst von einer Depression, wenn mehrere Symptome länger als 14 Tage anhalten.

Was man statt­dessen sagen könnte: „Ich gebe mir Mühe, die Erkrankung zu verstehen“ – und sich dann auch über Depressionen informieren. Der oder die Depressive ist nämlich vielleicht viel zu erschöpft, um selbst über seine Krankheit aufzuklären.

2. „Aber du hast doch gar keinen Grund, depressiv zu sein.“

Viele Menschen würden glauben, Depressionen seien vor allem eine Reaktion auf schwierige Lebens­umstände. Das sei ein weit verbreitetes Miss­verständnis, sagt Hegerl. Um zu erklären, woher es rührt, nimmt der Psychiater die Corona-Pandemie als Beispiel: „Der Stress, die Sorgen und Ängste, die mit der Corona-Pandemie einhergehen, sind normale menschliche Reaktionen. Sie sind Befindlich­keits­störungen und kein Zeichen einer depressiven Erkrankung.“ Gleichzeitig betont der Experte, dass die Situation während der Pandemie den Zustand vieler Erkrankter verschlechtert haben würde.

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Eine Depression hängt viel weniger von äußeren Umständen ab, als viele denken. Laut der Stiftung Deutsche Depressionshilfe ist entscheidend, dass eine Veranlagung zur Depression vorliegt. Diese kann genetisch bedingt sein, Folge eines Traumas sein oder von Miss­brauchs­erlebnissen in der Kindheit herrühren. Die Auslöser einer depressiven Episode – also der akuten Krankheitsphase – müssen zudem nicht immer negativ sein. Auch eigentlich positive Veränderungen, etwa ein Umzug oder der Start in den Urlaub, können dazu führen. Manche Menschen erkranken außerdem ganz ohne einen bestimmten Auslöser.

Was man stattdessen sagen könnte: „Es ist okay.“ Dieser simple Satz kann Erkrankte entlasten, die oft sowieso schon Schuld­gefühle empfinden.

3. „Geh mal an die frische Luft!“

Bewegung kann die professio­nelle Behandlung einer Depression tatsächlich unterstützen. Es gibt Studien, die belegen, dass regel­mäßiger Ausdauer­sport sich positiv auf die Behandlung auswirken und auch einer erneuten Episode vorbeugen kann. Eine professio­nelle Behandlung mittels Psycho­therapie und gegebe­nenfalls das Einnehmen von Medikamenten kann Sport aber nicht ersetzen.

Wer in einer akuten Krankheits­phase steckt, dem fällt es oft schon schwer, alltägliche Aufgaben wie Aufstehen, Hausarbeit oder Essen­kochen zu bewältigen. Denn oftmals ist der Antrieb dann gemindert. Raus gehen und einen Spaziergang machen kann sich anfühlen wie eine kaum zu bewältigende Aufgabe.

Was man stattdessen sagen könnte: „Nicht schlimm, wenn heute nichts geht.“ Wer krank ist, ist schließlich nicht so leistungs­fähig wie sonst. Die Expertinnen und Experten der Stiftung Deutsche Depres­sions­hilfe raten Angehörigen dazu, zurück­haltend mit Ratschlägen zu sein. Allerdings: Zeigt der oder die Erkrankte Eigen­initiative, sollte man sie oder ihn auf jeden Fall bestärken.

4. „Wenn du XY kannst, bist du doch nicht depressiv.“

Depressionen beginnen oft schleichend. Auch für Betroffene ist es schwierig zu unterscheiden: Habe ich gerade ein paar schlechte Tage, die zum Leben dazugehören? Oder ist das der Beginn einer depressiven Episode? Außerdem ist die Bandbreite der möglichen Symptome sehr vielfältig. „Die Krankheit verläuft generell in Phasen, die in Schweregrad und Dauer variieren können. Die Dauer einer Episode kann zwischen wenigen Wochen und vielen Monaten schwanken“, informiert die Deutsche Depressionsl­iga in einer Broschüre. Heißt: Unter welchen Symptomen ein Depressiver oder eine Depressive in welcher Ausprägung leidet, ist von Person zu Person unterschiedlich. Dement­sprechend fallen verschiedenen Erkrankten auch unter­schiedliche Tätigkeiten schwer oder leicht.

Was man stattdessen sagen könnte: „Kann ich dich unterstützen?“ Die Stiftung Deutsche Depressions­hilfe rät allerdings, dass man als Angehöriger oder Freundin die eigenen Grenzen und Belast­barkeit beachten sollte. Angehörige können die professio­nelle Behandlung durch Ärztinnen und Therapeuten nicht ersetzen.

Hinweis: Die Sätze aus der Rubrik „Was man stattdessen sagen könnte“ sind dem Mutmach-Bingo der Stiftung Deutsche Depressions­hilfe entnommen. Die Stiftung hat Betroffene gefragt, welche aufmunternden Worte sie in depressiven Phasen gern hören würden.

Sie leiden an Depressionen oder krankhafter Niedergeschlagenheit oder haben düstere Gedanken? Bitte holen Sie sich Hilfe. Bei Notfällen können Sie unter 112 den Notarzt rufen.

Das Infotelefon Depression hat die Telefonnummer (0800) 33 445 33. Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr erreichbar unter den Telefonnummern (0800) 11 10 111 oder (0800) 11 10 222 oder 116 123. Weitere Informationen für Betroffene und Angehörige gibt es etwa bei der Stiftung Deutsche Depressions­hilfe im Internet: www.deutsche-depressionshilfe.de.

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