Immer mehr Menschen sind wegen Depressionen in Behandlung – ein Corona-Effekt?

  • Laut Daten der Kaufmännischen Krankenkasse (KKH) sind immer mehr Menschen wegen Depressionen in Behandlung.
  • Welchen Effekt die Corona-Krise dabei habe, lasse sich allerdings noch nicht abschließend sagen.
  • Viele Beschäftigte empfinden das Arbeiten im Homeoffice als psychische Belastung.
Anzeige
Anzeige

Hannover. Immer mehr Menschen sind wegen Depressionen in Behandlung – das zeigen Daten der KKH. Bundesweit erhält mittlerweile jeder Siebte die Diagnose Depression – in Baden-Württemberg und Berlin sogar jeder Sechste. Die KKH hat die Zahl der Menschen, die im Jahr 2010 wegen Depressionen in Behandlung waren, mit der Zahl aus dem vergangenen Jahr 2020 verglichen. Außerdem wurde unterschieden zwischen einer einmaligen depressiven Episode und wiederkehrenden Depressionen.

Laut Daten der KKH ist in dem Zeitraum vor allem die Zahl der Patientinnen und Patienten gestiegen, bei denen Depressionen nicht einmalig auftreten, sondern immer wiederkehren: Bundesweit stieg diese Zahl von 2010 auf 2020 um rund 82 Prozent. Den im Ländervergleich größten Anstieg bei wiederkehrenden Depressionen verzeichnet die KKH mit rund 140 Prozent in Baden-Württemberg, den geringsten von rund 33 Prozent im Saarland. Bei depressiven Episoden, also einmaligen depressiven Phasen, verzeichnet die KKH im selben Zeitraum zwar auch ein starkes, aber deutlich geringeres Plus von gut 25 Prozent.

Die Pandemie und wir Unser Alltag mit Corona: In unserem Newsletter ordnen wir die Nachrichten der Woche, erklären die Wissenschaft und geben Tipps für das Leben in der Krise ‒ jeden Donnerstag.
Anzeige

Welchen Effekt hat nun die Corona-Krise?

Die Auswertung zeigt: Die Corona-Krise scheint besonders Menschen zu treffen, die schon vor der Pandemie unter psychischen Erkrankungen wie Depressionen gelitten haben. Vergleicht man das Jahr 2019 – also direkt vor der Pandemie – mit dem Jahr 2020, so wurde in Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt bei wiederkehrenden Depressionen bereits ein leichtes Plus von rund 6 beziehungsweise 4 Prozent registriert. In den übrigen Bundesländern sowie bei einmaligen depressiven Episoden zeichnet sich hingegen noch kein nennenswerter Corona-Effekt ab.

Noch sei es viel zu früh, diese Entwicklung zu bewerten, sagte Aileen Könitz, Ärztin und Expertin für psychiatrische Fragen bei der KKH. Welchen Einfluss die Pandemie wirklich habe, werde sich erst in einigen Jahren zeigen. Denn von den ersten Anzeichen einer Depression wie etwa Energiemangel, Lustlosigkeit und Reizbarkeit bis hin zu einer entsprechenden Diagnose kann viel Zeit vergehen. Hinzu kommt, dass viele Patientinnen und Patienten während der Lockdownphasen Arztbesuche gemieden haben – aus Angst vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus.

Jeder fünfte Beschäftigte mit Diagnose Depression

Laut dem Deutschland-Barometer Depression 2021, das am Dienstag in Berlin veröffentlicht worden ist, hat jeder fünfte Beschäftigte in Deutschland schon einmal die Diagnose Depression bekommen. Weitere 19 Prozent glauben – ohne ärztlichen Befund –, schon einmal daran erkrankt gewesen zu sein. An der repräsentativen Befragung der Deutschen Stiftung Depressionshilfe nahmen im September rund 5300 Erwachsene bis 69 Jahre teil, darunter über 3800 Beschäftigte.

Es handle sich um hohe Zahlen, sagte der Vorstandschef der Stiftung, Ulrich Hegerl. Wegen der Häufigkeit der Erkrankung sollten Unternehmen „dringend Basiswissen und auch Handlungskompetenz zu Depression und Suizidprävention aufbauen“, appellierte Hegerl. Es sei wichtig, dass Menschen rascher professionelle Hilfe bekommen, die sich noch zur Arbeit schleppten, aber ihre Leistung bei Weitem nicht mehr erbringen könnten. Depression sei gut behandelbar, dies bleibe jedoch oft aus. Ein Großteil der Befragten gab an, am Arbeitsplatz nicht über die Depression zu sprechen. „Das ist etwas, was man in jedem einzelnen Fall sich gut überlegen muss“, sagte Hegerl.

Homeoffice als psychische Belastung

Anzeige

Die Corona-Maßnahmen der vergangenen sechs Monate hatten laut der Befragung der Stiftung insbesondere für Menschen in einer depressiven Phase negative Folgen, beispielsweise verschlechterten sich die Symptome – bis hin zu Suizidversuchen. Zu den Homeoffice-Auswirkungen berichtete ein Drittel der 1123 Umfrageteilnehmer, die während der Pandemie überwiegend zu Hause waren, dass der Verzicht auf den Arbeitsplatz und den Umgang mit Kollegen sich negativ auf das psychische Befinden ausgewirkt habe.

Jeder Zehnte berichtete, dies treffe sogar „sehr zu“. Viele Befragte halten zwar die Belastung durch Arbeit oder Konflikte im Arbeitsumfeld für wichtige Ursachen von Depression. Die Bedeutung dieser Faktoren werde jedoch überschätzt – entscheidend sei die Veranlagung, machte Hegerl deutlich. Das Arbeiten im Homeoffice führt also nicht zwangsläufig zu einer depressiven Episode – geschweige denn zu wiederkehrenden Depressionen.

Wie entsteht eine Depression?

Eine Depression ist eine schwere Krankheit, die im schlimmsten Fall tödlich enden kann. Deshalb muss sie so früh wie möglich behandelt werden. Eine Depression wird diagnostiziert, wenn über zwei Wochen hinweg oder länger mindestens zwei der drei Hauptsymptome (Verlust von Interesse und Freude, depressive Stimmung, Antriebsmangel) und zusätzlich mindestens zwei Nebensymptome vorliegen (darunter zum Beispiel Schlafstörungen, Suizidgedanken, Appetitminderung).

Neben genetischen und neurobiologischen Faktoren können auch traumatische Erlebnisse wie Gewalt und Missbrauch, Krisen wie Trennungen und Jobverlust sowie schwere Krankheiten eine Rolle spielen. Betroffene fühlen sich extrem niedergeschlagen, sind erschöpft und antriebslos, verlieren ihre Interessen und können darüber hinaus von Schlaflosigkeit, Selbstzweifeln, Schuldgefühlen und Konzentrationsstörungen geplagt sein.

Anzeige

Informations- und Hilfsangebote für Menschen mit Depression

  • Wissen, Selbsttest und Adressen rund um das Thema Depression unter www.deutsche-depressionshilfe.de
  • Deutschlandweites Infotelefon Depression 0800 3 34 45 33 (kostenfrei)

RND/dpa/vtv

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen