Wie sinnvoll sind Tageslichtlampen für Menschen mit Depressionen im Winter?

  • Tageslichtlampen helfen besonders gut gegen saisonal abhängige Depressionen.
  • Glühbirnen in Innenräumen leuchten meist nur in einer Stärke von 500 Lux, Tageslichtlampen schaffen 2500 bis 10.000 Lux.
  • Psychiater Prof. Ulrich Hegerl empfiehlt jedoch, sich besser tagsüber draußen zu bewegen, statt sich vor eine Tageslichtlampe zu setzen.
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Insbesondere von saisonal bedingten Depressionen Betroffene profitieren von einer Tageslichtlampe. An dieser Form erkranken einige Menschen vorrangig in den dunklen Herbst- und Wintermonaten. Im Volksmund kennt man sie deshalb auch unter dem Begriff Winterdepression.

Viele Studien weisen darauf hin, dass Lichttherapie besonders bei dieser Form der Krankheit hilft, informiert die Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Das zeigt unter anderem eine Metastudie im Auftrag des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Wissenschaftler der Donau-Universität Krems haben 21 Studien durchleuchtet. Das Ergebnis: Es gebe Hinweise, dass über zwei bis acht Wochen die Lichttherapie gegen saisonal bedingte Depressionen besser helfe als ein Placebo. Im Vergleich zum Antidepressivum und zur Verhaltenstherapie schnitten die sehr hellen Lampen ähnlich gut ab. Allerdings fehlten bisher Langzeitdaten, merken die Wissenschaftler an.

Patienten, die Lichttherapie nutzen wollen, sollten sich laut der Stiftung Deutsche Depressionshilfe jeden Tag für eine halbe bis Dreiviertelstunde nah vor eine sehr helle Lampe setzen, am besten morgens. Sehr hell meint eine Stärke von 2500 bis 10.000 Lux. Zum Vergleich: Sonst schaffen Lampen in Innenräumen oft nur um die 500 Lux. Die Stärke des Tageslichtes variiert stark. An einem wolkenfreien Sommertag schafft die Sonne bis zu 100.000 Lux, an einem bewölkten Wintertag teils nur noch 3000 Lux.

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Künstliches Licht statt Sonne

Warum wirkt Lichttherapie? Durch den Einsatz einer Tageslichtlampe werde die innere Uhr beeinflusst, schreibt die Ärztin Valeria Dahm auf Netdoktor.de. Diesen Job übernehme sonst die Sonne. „Werden die Tage im Herbst und Winter kürzer, reagiert der Körper mit einer erhöhten Melatonin-Produktion“, erklärt Dahm.

Dieses Hormon kenne man auch unter dem Namen Schlafhormon, es mache müde und könne in zu großen Mengen zu Depressionen führen. Außerdem sinke der Serotonin-Spiegel im Körper, denn Serotonin werde in Melatonin umgewandelt. „Serotonin gilt als Glückshormon und hebt unter anderem die Stimmung“, schreibt die Expertin.

Nebenwirkungen von Lichttherapie

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Ernsthafte Nebenwirkungen einer Lichttherapie sind laut der Göttinger Uniklinik für Psychiatrie und Psychotherapie nicht bekannt. Selten würden Kopfschmerzen, Augenbrennen oder Hautreizungen auftreten. Ein Augenarzt sollte die Augen untersuchen, bevor man mit der Lichttherapie startet, empfiehlt die Uni.

Dem stimmt der Berufsverband der Augenärzte Deutschland (BVA) zu. „Licht kann das Auge schädigen“, sagt dessen Pressesprecher Ludger Wollring. Wer zu lange in sehr helles Licht starre, könne seine Netzhaut irreversibel schädigen. „Normalerweise schützt der Blinzelreflex uns jedoch“, so der Experte. Wer beispielsweise eine entzündete Netz- oder Bindehaut habe, dem könnte Lichttherapie Beschwerden verursachen. Der Augenarzt Prof. Dr. Bernhard Lachenmayr sagt: „Nach meiner Einschätzung geht von LED-Licht nicht mehr oder weniger Gefährdung aus als von Halogen- oder Leuchtstoffröhrenlicht.“

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Auch im Herbst und Winter rausgehen

Viele Risiken beim Benutzen einer Tageslichtlampe gibt es also nicht. Trotzdem empfiehlt Psychiater Prof. Ulrich Hegerl seinen Patienten und darüber hinaus von Herbstmüdigkeit geplagten, aber ansonsten gesunden Menschen in der Regel nicht, sich solch eine Lampe anzuschaffen. „Am besten man geht raus und bewegt sich tagsüber an der frischen Luft. Das ist besser, als sich vor eine Tageslichtlampe zu setzen“, erklärt der Vorsitzende der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Allerdings: Sei ein Mensch aus irgendwelchen Gründen, beispielsweise einer schweren Depression, nicht in der Lage, vor die Tür zu gehen, sei so eine Lampe besser als nichts.

„Wichtiger ist, den Zusammenhang zwischen Bettzeit und Schlaf bei sich selbst zu verstehen“, sagt Hegerl. Den könne man beispielsweise mittels einer App oder auf Papier dokumentieren: Man notiere jeden Tag, wie lange man im Bett gelegen habe, ob schlafend oder nicht. Außerdem erfasse man, wie die Stimmung am nächsten Tag sei. So ließe sich erkennen, ob man zu den vielen Patienten gehört, bei denen längere Bettzeit nicht mit Erholung, sondern mit gedrückterer Stimmung und größerer Erschöpfung einhergeht. „Ich muss dazu allerdings sagen: Gute Ratschläge kann man leicht machen. Nicht alles lässt sich von einem an Depressionen erkrankten Menschen so leicht umsetzen“, fügt der Psychiater hinzu.

Übrigens: Die Diagnose saisonal bedingte Depression sollte wie bei jeder Krankheit immer ein Arzt nach gründlicher Untersuchung stellen. Sich an eisig-grauen Wintertagen erst nach dem vierten Weckerklingeln mit einem Seufzer aus dem Bett zu wälzen – das kennen wohl viele Menschen. Wen dunkle Tage deprimieren, der ist aber nicht gleich depressiv. Laut der Stiftung Deutsche Depressionshilfe müssen zwei der Haupt- und mindestens zwei Nebensymptome über einen Zeitraum von zwei Wochen vorhanden sein, um die Krankheit zu diagnostizieren. Zu den Hauptsymptomen zählen gedrückte Stimmung, Interessenlosigkeit und Antriebsmangel. Als Nebensymptome gelten beispielsweise verminderte Konzentration, Schuldgefühle und Appetitlosigkeit.

Unterschiede bei der Winterdepression

Die saisonal abhängige Depression weist einige Besonderheiten auf. Laut der Stiftung Deutsche Depressionshilfe würden neben klassischen Symptomen wie gedrückte Stimmung oder verminderte Konzentrationsfähigkeit einige atypische Symptome auftreten. An saisonal bedingten Depressionen leidende Patienten quält Heißhunger statt Appetitverlust und sie schlafen mehr, statt unter Ein- und Durchschlafstörungen zu leiden.

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Wer sich krank fühlt und den Verdacht hegt, an einer Depression welcher Form auch immer zu leiden, sollte zeitnah mit seinem Hausarzt darüber sprechen. „Die saisonal abhängigen Depressionen sind jedoch meist weniger schwer ausgeprägt und weniger häufig als andere depressive Störungen“, informiert die Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Bei der Mehrzahl der depressiven Erkrankungen im Winter handele es sich nicht um Winterdepressionen.

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