Großdemos trotz Corona: RND-Experte Stoll fürchtet steigende Infektionsrisiken

  • Zehntausende Menschen haben am Wochenende deutschlandweit gegen Rassismus und Polizeigewalt demonstriert.
  • Der Infektiologe Matthias Stoll sorgt sich angesichts hoher Teilnehmerzahlen auf engem Raum – das sei ein Risikofaktor für sogenannte Superspreading-Ereignisse.
  • Der Mediziner fordert klare, überregionale Auflagen für größere Demonstrationen.
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In den USA gehen Zehntausende Menschen auf die Straße und demonstrieren gegen Rassismus. Auch in anderen Ländern zeigen zunehmend mehr Menschen Flagge gegen die Diskriminierung – so auch in Deutschland. Corona-Maßnahmen und Hygienevorschriften scheinen jedoch nur eine untergeordnete Rolle zu spielen. Auf Fotos der bundesweit stattfindenden Anti-Rassismus-Demonstrationen in vielen deutschen Städten sind Zehntausende Teilnehmer bei den Kundgebungen zu sehen – ohne Mundschutz und dicht gedrängt.

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Seibert zu Demos - Bekenntnis gegen Rassismus ist gut
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Steffen Seibert, Sprecher der Bundesregierung hat sich am Montag in Berlin zu den Demonstrationen gegen Rassismus und Polizeigewalt geäußert.  © Saskia Bücker/Reuters

Doch was bedeutet das für die Ausbreitung des Coronavirus und Covid-19? RND-Experte Matthias Stoll ordnet das Geschehen im Interview für uns ein.

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Zeigen Sie sich mit Blick auf Großdemonstrationen besorgt, dass das Infektionsgeschehen in Deutschland wieder zunehmen könnte? Ist Demonstrieren während der Corona-Pandemie überhaupt eine gute Idee?

Wir leben seit Monaten in Zeiten, in denen dieselben Fragen immer wieder neu bewertet werden. Da das Demonstrationsrecht ein sehr hohes Rechtsgut ist, müssen dessen Einschränkungen sehr gut begründet sein. Wenn die Politik im steigenden Umfang die Regeln für Urlaubsreisen, Gaststätten- und Fitnessstudiobesuche lockert, wird es für die Ordnungsbehörden immer schwerer, mit Hinweis auf Covid-19 weiterhin Einschränkungen des Versammlungsrechts begründen zu können.

Dennoch mache ich mir Sorgen bei den Bildern von den teilweise großen Demonstrationsveranstaltungen mit bis zu fünfstelligen Teilnehmerzahlen, auf denen die wünschenswerten Abstände nicht eingehalten wurden. Die üblicherweise laut skandierten Sprechchöre in Demonstrationsversammlungen und die hohen Teilnehmerzahlen auf engem Raum sind Risikofaktoren für sogenannte Superspreading-Ereignisse. Das ist die strukturelle Lehre aus den Ausbrüchen, die von Karnevals-, Kultur- und Kirchenveranstaltungen ausgingen.

Matthias Stoll, Infektiologe an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH), klärt gegenüber dem RND während der Corona-Pandemie immer wieder über aktuelle Entwicklungen auf. © Quelle: Ole Spata/dpa
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Welche Auswirkungen könnten Großdemos auf den Verlauf der Corona-Pandemie haben und wann würden wir diese Effekte frühestens sehen?

Ich möchte keinesfalls Panik verbreiten, aber zähle hier einmal auf, was potenziell an Großdemonstrationen gefährlich werden könnte. Erstens gilt erschwertes Tracing oder Tracking im Falle von Covid-Fällen im Umfeld der Veranstaltung: Da es keine Teilnehmerlisten gibt und die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sich untereinander meist nicht persönlich kennen, ist es fast unmöglich, die Kontaktpersonen von etwaigen Infektionsfällen zu identifizieren. Wenn doch, so nur unter Zeitverzögerungen, die wiederum das Risiko von sekundärer Ausbreitung weiter erhöhen.

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Zweitens wohnen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer möglicherweise weit auseinander und arbeiten an unterschiedlichen Stellen. Auch dadurch wird die Ausbreitung gefördert. In Deutschland sind Ausbrüche, die kommunale- und/oder Bundesländergrenzen überschreiten, aufgrund der abgegrenzten Zuständigkeiten der Gesundheitsbehörden viel schlechter zeitnah zu erfassen als lokal begrenzte Geschehen.

Drittens würden die Auswirkungen eines Infektionsausbruchs – entsprechend der Inkubationszeiten und der zusätzlichen Verzögerungen durch Zeiten für Testung, Meldung und Auswertung – erst nach einigen Tagen bis zu zwei Wochen später in ihrem Umfang erkennbar werden.

Corona-Infektionsrisiko bei Demonstrationen

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Die Großdemos finden an der frischen Luft statt, nicht in geschlossenen Räumen. Gibt es ein hohes Risiko, sich mit Sars-CoV-2 zu infizieren?

Das ist in der Tat das größte Plus: der freie Luftaustausch im Freien. Ideale Wetterbedingung für die Großdemo wären das statistisch eher unwahrscheinliche, zeitgleiche Zusammentreffen von strahlendem Sonnenschein und Sturm. Nach derzeitigem Wissenstand muss man aber leider auch im Freien mit Übertragungen rechnen.

Was sollte jeder Demonstrant während der Corona-Pandemie auf jeden Fall beachten, wie sollte er sich verhalten?

Körperkontakte meiden. Mindestabstand, wo immer möglich, einhalten. Vorsorglich sollte eine Mund-Nasenbedeckung getragen werden. Es kann auch lohnend sein, eine individuelle Einschätzung von Risiken der eigenen Person, des sozialen oder beruflichen Umfelds vorzunehmen: Habe ich selbst ein erhöhtes Risiko im Falle einer Covid-19 Erkrankung? Leben in meinem unmittelbaren Lebensumfeld besonders schutzbedürftige Menschen? Welche Folgen könnten sich an meinem Arbeitsplatz ergeben, falls ich als Covid-19 Fall oder als Kontaktperson ersten Grades identifiziert werden sollte?

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Chronologie des Coronavirus
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Der Beginn des verheerenden Coronavirus war vermutlich ein Tiermarkt in Wuhan/China. In nur wenigen Wochen erreichte das Virus auch Europa.  © Saskia Bücker/RND
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Können eingeübte Regeln im Rahmen von Demos aus Ihrer Sicht eingehalten werden, also Abstand halten, nur mit ausgewählten Menschen intensiven Kontakt haben? Oder sind Kontaktbeschränkungen hinfällig?

In Zeiten, in denen weiterhin überall auf der Welt Covid-19 Fälle neu auftreten, sind Kontaktbeschränkungen ein Gebot der Vernunft. Die Erfahrung lehrt, dass man gelegentlich auch einmal enttäuscht werden kann, wenn man allein auf die Vernunft aller Mitmenschen vertraut.

Es wäre deshalb wünschenswert, wenn für derartige Versammlungen überregionale, nachvollziehbare, klare und praktikable Empfehlungen gegeben würden, mit welchen definierten Auflagen eine Demonstration genehmigungsfähig ist. Bei Nichtbeachtung der Auflagen könnte die strikte Durchsetzung der unter anderem aus dem Infektionsschutzgesetz ableitbaren – bis zu fünfstelligen - Bußgelder ein wirksames Mittel zur Aufrechterhaltung der Ordnung sein.

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Oft sind es ja nicht die Veranstalter, sondern einzelne Teilnehmende, die durch Missachtung von Regeln ganze Demonstrationen in Misskredit bringen können. Um dem entgegen zu wirken, könnten zum Schutz der demokratisch wünschenswerten Versammlungsfreiheit und zur Stärkung der persönlichen Verantwortlichkeit entsprechende Bußgelder auch gegen einzelne, die Regeln übertretende Personen durchgesetzt werden.

Spannungsfeld zwischen sozialem Miteinander und Pandemie-Prävention

Was ist derzeit aus infektiologischer Sicht am wenigsten bedenklich - ein Kneipenbesuch, ein Gottesdienst oder Demonstrieren auf dem Marktplatz mit Tausenden anderen? Sollten wir lieber ganz darauf verzichten?

Die Infektiologie begreift sich als Teil der Medizin, also als eine empirisch begründete „Lebenswissenschaft“, und nicht als die Lehre, wie man um jeden Preis Infektionserkrankungen verhindern kann oder gar sollte. Der Besuch von Kneipe, Demo und/oder Kirche ist jeweils Ausdruck unserer wichtigsten gemeinsamen Werte, nämlich des sozialen Miteinanders, freier Meinungsäußerung, politischer Verantwortung oder religiösen Glaubens. Insofern gibt es zwischen diesen Alternativen für mich weder infektiologische Bedenken oder Priorisierungen.

Als Infektiologe kann ich bestenfalls Überlegungen anstellen und Begründungen geben, warum einige unserer gewohnten Handlungsmuster in Zeiten einer Pandemie noch einmal überdacht werden müssen. Die gute Nachricht ist somit: Mit entsprechendem Bedacht kann man meines Erachtens und sogar direkt nacheinander Gaststätte, Gottesdienst und Großdemo besuchen. Vielleicht mit einer Einschränkung: Mir fällt derzeit kein Marktplatz in Deutschland ein, der groß genug wäre für tausende Demonstrantinnen und Demonstranten, ohne dass die Mindestabstände dann eklatant unterschritten würden.

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