Die bösen Tricks der Delta-Variante: Wie konnte das Coronavirus noch gefährlicher werden?

  • Die Delta-Variante beschleunigt die Pandemie gerade weltweit erneut.
  • Das primäre Ziel des Erregers ist es, sich trotz steigenden Impfdrucks rasant zu verbreiten.
  • Von tausendfach höherer Viruslast über veränderte Symptome bis hin zum ungünstigen Zeitpunkt: Die Manöver des mutierenden Coronavirus sind umfangreich.
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Ende Mai hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Delta-Variante als besorgniserregend klassifiziert. Im Oktober vergangenen Jahres wurde B.1.617.2 erstmals im indischen Bundesstaat Maharashtra registriert. Und innerhalb kürzester Zeit hat sich die Mutante dann weltweit ausgebreitet und durchgesetzt. In 124 Ländern wurden Infektionen mit Delta inzwischen registriert – Tendenz steigend.

Corona-Expertinnen und ‑Experten war schnell klar, dass diese Variante im Gegensatz zum Ursprungstyp von Sars-CoV-2 und auch anderen Varianten wie Alpha einen entscheidenden Vorteil haben musste. Aber woran liegt es genau, dass Delta die Pandemie nun überall auf der Welt erneut beschleunigt? Welche Strategien nutzt das Coronavirus, um der Pandemiebekämpfung zum Trotz weiter zu bestehen? Die Wissenschaft kann inzwischen erste Antworten geben.

1) Die Viruslast ist wohl tausendfach höher

Im Frühjahr gingen epidemiologische Schätzungen bereits davon aus, dass die Delta-Variante rund doppelt so ansteckend sein könnte wie das Ursprungsvirus. Fachleute sprechen dann von einer anhand der Fallzahlentwicklung in der Bevölkerung zu beobachtenden höheren Übertragbarkeit oder Transmission. Die Frage, die daraufhin an die Virologie ging: Wie schafft das speziell diese Viruslinie?

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Eine erste Antwort dazu liefert eine Studie aus dem chinesischen Guangzhou. Dort untersuchten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler 62 Menschen, die nach Kontakt zu einer mit der Delta-Variante infizierten Person in Quarantäne waren. Diejenigen, bei denen der PCR-Test positiv ausfiel, wurden daraufhin während des gesamten Infektionszeitraums näher auf die sogenannte Viruslast untersucht. Das ist ein Maß, das die Menge an Viruspartikeln im Körper beschreibt.

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Die Forschenden kommen zu dem Schluss, dass die mit der Delta-Variante Infizierten weit mehr Viren produzierten als diejenigen aus einer Vergleichsgruppe, die sich mit dem Ursprungstyp von Sars-CoV-2 angesteckt hatten. Bis zu 1260-mal höher falle die Viruslast bei den Untersuchten im Gegensatz zu denen aus, die sich mit dem Ursprungsvirus infiziert hatten, heißt es in der Mitte Juli auf dem Preprint Server „Medrxiv“ veröffentlichten Untersuchung.

Diese noch von unabhängiger Seite zu begutachtenden Ergebnisse lassen vermuten, dass sich die Delta-Variante durch diesen Mechanismus stärker im Körper vermehrt. Die WHO sieht das bislang aber nur als Hinweis. Im jüngsten Wochenreport vom 20. Juli ist festgehalten, dass der genaue Mechanismus für die Erhöhung der Übertragbarkeit noch unklar bleibe.

2) Delta-Infizierte früher ansteckend als gedacht

In derselben Untersuchung entdeckte das chinesische Team zudem, dass die Inkubationszeit kürzer ausfiel – also der Zeitraum zwischen Ansteckung bis zum Beginn der Erkrankung. Mit der Delta-Variante Infizierte wurden schneller ansteckend als eigentlich erwartbar – und damit auch zu einem früheren Zeitpunkt potenziell gefährlich für andere.

Der PCR-Test sei bei den Studienteilnehmenden schon nach durchschnittlich vier statt wie bei frühen Varianten nach rund sechs Tagen positiv gewesen – ein Hinweis darauf, dass die Delta-Variante sich um einiges schneller vermehrt. Die Ergebnisse legten nahe, dass die Delta-Variante in den frühen Stadien der Infektion ansteckender ist, sagte dazu auch die WHO. Auch das Robert Koch-Institut schätzt dieses sogenannte „serielle Intervall“ für Sars-CoV-2 inzwischen auf durchschnittlich vier Tage. Das werde durch verschiedene Studien gestützt.

3) Noch diffusere Symptome bei Delta-Infizierten

Auch auf die Symptomatik hat es diese Variante abgesehen. „Gerade bei der Delta-Variante gibt es vermehrt die ‚normalen‘ Erkältungsbeschwerden, also eine laufende Nase oder ein kratzender Hals – auch ohne Husten“, erklärt der Virologe Marco Binder vom Deutschen Krebsforschungszentrum den Forschungsstand. Heißt also auch: Man selbst nimmt Symptome möglicherweise gar nicht mehr als mögliches Signal für eine bestehende Coronavirus-Infektion wahr.

Dass es bei einer Infektion mit der Delta-Variante eine andere Ausprägung der Symptome als beim Ursprungsvirus geben kann, zeigen Daten aus Großbritannien, wo sich die Delta-Variante bereits ab März und damit früher als in Deutschland ausbreitete. In einer britischen App zur Überwachung von Corona-Symptomen meldeten Teilnehmende am häufigsten Kopfschmerzen, eine laufende Nase und eine raue Kehle, wie unter anderem die BBC berichtete.

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Tim Spector vom King’s College London, der eine Studie zur Covid-19-Symptomatik leitet und die gemeldeten Symptome auswertet, sagte dem Sender: „Seit Anfang Mai haben wir uns die häufigsten Symptome der App-Nutzer angeschaut – und sie sind nicht mehr dieselben wie zuvor.“

Zwar gehöre Fieber noch immer dazu, aber der Verlust von Geruchs- und Geschmackssinn, der bislang als typisches Corona-Symptom galt, sei weniger gängig. Zeitlich passe dies mit der Verbreitung der Delta-Variante zusammen. Für einige jüngere Menschen könne sich Covid-19 somit stärker wie eine einfache Erkältung anfühlen, sagte Spector – und rief Betroffene auf, sich in jedem Fall testen zu lassen. Dafür plädiert auch Marco Binder. „Umgehend sollten Geimpfte zum Test greifen, wenn sie typische Symptome spüren“, sagt der Virologe. Das sei auch die Linie des Robert Koch-Instituts.

4) Delta kann vermutlich das Krankheits- und Sterberisiko erhöhen

Delta vermehrt nicht nur mehr Viruspartikel, und das schneller – sondern löst wohl auch eher Covid-19 aus. Die WHO verweist in ihrem aktuellen Wochenbericht auf eine neue Studie aus Kanada, der zufolge bei einer Infektion mit der Delta-Variante ein höheres Risiko für eine Krankenhauseinweisung entstehen kann als noch beim Wildtyp. Dafür wurden Daten von mehr als 200.000 Covid-19-Fällen analysiert und eine Zunahme der Virulenz der Delta-Variante im Vergleich zum Ursprungsvirus festgestellt.

Das heißt: Die Virusvariante löst wahrscheinlicher die Krankheit Covid-19 aus als noch der Ursprungstyp. In Zahlen aus Kanada ausgedrückt: Das Risiko für einen Krankenhaus­aufenthalt war bei den mit der Delta-Variante infizierten Studienteil­nehmenden um 120 Prozent, die Aufnahme auf eine Intensivstation um 287 Prozent und das Sterberisiko um 137 Prozent erhöht.

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RKI: Erreichen der Herdenimnunität im Herbst unrealistisch
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Das Robert Koch-Institut dringt darauf, im Hinblick auf den Herbst vorbeugende Maßnahmen in verschiedenen Bereichen zu ergreifen.  © dpa

Auch das Robert Koch-Institut hat darauf verwiesen, dass Infektionen mit der Delta-Variante bei fehlendem Immunschutz auch zu schwereren Krankheitsverläufen führen können. Das zeigen auch neuere Daten einer schottischen Studie, die Mitte Juni auch in der Fachzeitschrift „Lancet“ erschienen ist. Demnach hatten Infizierte mit der Delta-Variante doppelt so häufig krankenhauspflichtige Verläufe wie noch bei Alpha.

Eine klare Erklärung dafür, wie genau das Virus das anstellt, gibt es bislang noch nicht. Trotzdem: „Von allem, was wir bisher wissen, müssen wir davon ausgehen, dass die Delta-Variante sowohl ansteckender als auch tödlicher ist“, sagte am Donnerstag der Epidemiologe und SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach den Zeitungen der Funke-Mediengruppe.

5) Delta schwächt den Impfschutz

Neben der erhöhten Übertragbarkeit nutzt die Delta-Variante auch noch einen Immun-Escape als Strategie. Unter Verdacht steht eine Mutation an der strukturell wichtigen Stelle des viralen Spike-Proteins: L452R. Der menschliche Immunschutz kann dann trotz Impfung oder Genesung überlistet werden. Das Gute: Alle Impfstoffe, die aktuell in Deutschland zur Verfügung stehen, schützen nach derzeitigen Erkenntnissen bei vollständiger Impfung weiterhin zuverlässig vor einer Erkrankung durch die Delta-Variante. Aber eben nicht mehr so gut wie noch beim Ursprungstyp – und vor allem nach der ersten Dosis weniger gut, wie Daten aus Großbritannien zeigen.

Das heißt, auch wenn das persönliche Erkrankungsrisiko trotz Delta gering bleibt, nimmt die Wahrscheinlichkeit, andere anzustecken, zu – auch als geimpfte Person. Mit dieser Strategie sichert sich das Coronavirus ein längeres Überleben trotz steigendem Impfdruck.

6) Der ungünstige Zeitpunkt: Delta trifft auf erschöpfte Menschen

Eine Pandemie kommt immer zum falschen Zeitpunkt – aber die Ausbreitung der Delta-Variante Mitte 2021 ist besonders ungünstig. Trotz der Bemühungen, die Durchimpfungsrate auszuweiten, erleben laut WHO gerade wieder viele Länder einen Anstieg der Corona-Infektionen. So haben in der dritten Juliwoche beispielsweise Indonesien einen Anstieg von 44 Prozent, Großbritannien von 41 Prozent und die USA von 68 Prozent registriert. Die WHO macht für die Zunahme der Infektionen vier Faktoren aus – und neben den Strategien, die die besorgniserregende Variante im Gepäck hat, sind es menschliche:

  • die Lockerung der Maßnahmen, die ursprünglich zur Kontrolle der Übertragung gedacht waren
  • die Zunahme der „sozialen Durchmischung“ trotz einer großen Anzahl an Menschen, die noch für eine Corona-Infektion anfällig sind
  • die ungerechte Verteilung von Impfstoffen auf der ganzen Welt

Nach anderthalb Jahren, in denen die Corona-Pandemie zu massiven Einschränkungen im Alltag und öffentlichen Leben geführt hat, fehlt offensichtlich die Energie zur verstärkten Pandemiebekämpfung – obwohl Delta so viele ungünstige Strategien auf einmal fährt.

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