Delta macht wieder misstrauisch

  • Seit mehr als einem Jahr prägt die Corona-Pandemie unser Leben. Wie geht es nun weiter?
  • Das Autorenteam des RND-Newsletters „Die Pandemie und wir“ ordnet die Nachrichten der Woche ein, gibt Einblicke in wissenschaftliche Erkenntnisse und zeigt Wege in den postpandemischen Alltag.
  • In dieser Woche: Mythen auf dem Prüfstand.
|
Anzeige
Anzeige

Liebe Leserinnen und Leser,

die Corona-Zeit hat mich misstrauisch gemacht. Zu oft sind in den vergangenen Monaten meine Pläne von der Pandemie durchkreuzt worden. Geplante und dann wieder abgesagte Feiern, verschobene Treffen, ein bisschen Vorfreude und dann doch wieder die Einsicht: Wir lassen es besser. Warten wir lieber, bis Corona „vorbei“ ist. Am besten, so haben es wohl viele Menschen in der vergangenen Zeit erlebt, macht man erst mal keine großen Pläne. Dann kann man schon nicht enttäuscht werden.

Dieses Denken lässt sich gar nicht so leicht abstellen. Selbst jetzt, wo die Inzidenzen so niedrig sind wie seit Monaten nicht mehr. 1008 Corona-Neuinfektionen haben die Gesundheitsämter dem Robert Koch-Institut (RKI) zuletzt binnen eines Tages gemeldet. Es sind Zahlen, die plötzlich gänzlich unvertraut wirken. Darf man sich darüber jetzt freuen? Ist jetzt endlich Erleichterung angebracht? Nach Wochen im Lockdown fühlt sich das mitunter gar nicht so einfach an.

Anzeige

Da wirkt es fast wie eine bekannte Gewohnheit, ein altes Muster, wenn sich gerade wieder alle Augen auf eine neue Virusvariante richten. Delta wird wohl in Zukunft das Pandemiegeschehen in Deutschland maßgeblich bestimmen – mehr dazu lesen Sie in diesem Newsletter. Doch eines dürfen wir trotz allem nicht vergessen: Wir gehen in die nächste Pandemiephase mit einem starken Partner an unserer Seite: den Impfstoffen. Das erlaubt uns, ein bisschen weniger misstrauisch zu sein.

Bleiben Sie stark!

Anna Schughart

Die Pandemie und wir Der neue Alltag mit Corona: In unserem Newsletter ordnen wir die Nachrichten der Woche, erklären die Wissenschaft und geben Tipps für das Leben in der Krise ‒ jeden Donnerstag.
Anzeige

Erkenntnis der Woche

Die Virusvariante Delta wird wohl in den kommenden Wochen zum bestimmenden Faktor in der Pandemie werden. Ihr Anteil hat sich innerhalb einer Woche erneut verdoppelt, wie das Robert Koch-Institut am Mittwochabend berichtete. Die aktuelle Verbreitung der Varianten in Deutschland zeige, dass damit zu rechnen sei, dass Delta sich gegenüber den anderen Varianten durchsetzen werde, so das RKI. Sie bereitet in ganz Europa Sorgen: Großbritannien hat angekündigte Lockerungen verschoben, Portugal die Hauptstadt Lissabon abgeriegelt. Die gute Nachricht: Trotz wieder steigender Zahlen scheinen die Hospitalisierungen und Todesfälle in den meisten betroffenen Ländern nicht zu steigen. Das liegt wohl vor allem daran, dass die Risikogruppen häufig schon geimpft sind.

Anzeige

Doch wie Virologe Christian Drosten ganz richtig warnt, „Ungeimpften hilft das wenig“. Er plädiert angesichts der Entwicklung dafür, das Bewusstsein für die Bedeutung der Impfung zu stärken. „Das ist wirklich das, was wir jetzt machen müssen“, sagte der Experte der Berliner Charité im Podcast „Coronavirus-Update“ (NDR-Info). Erste Erkenntnisse stimmen zuversichtlich, dass nach einer vollständigen Impfung weiterhin mit einer ausreichenden Schutzwirkung gegen schwere Verläufe zu rechnen ist, fasst meine Kollegin Saskia Heinze in diesem Text zusammen.

Alltagswissen

Mythen und Ideen gibt es viele, doch welchen Einfluss die Ernährung auf einen Covid-19-Verlauf hat, dafür gibt es häufig kaum wissenschaftliche Belege. So legt etwa eine Studie aus Großbritannien nahe, dass eine vegetarische oder pescatarische Ernährung (Verzehr von Fisch, aber nicht Fleisch) mit einem geringeren Risiko für eine mittelschwere bis schwere Covid-19-Erkrankung verbunden sein könnte. Doch die Studie hat einige methodische Mängel, kritisieren Expertinnen und Experten. Menschen, die Wert auf eine gesunde Ernährung legten, hätten beispielsweise häufig generell einen „gesünderen Lebensstil“, erklärt der Ernährunsgwissenschaftler Gunter Kuhnle. Sie seien körperlich aktiver und besser ausgebildet und gehörten höheren sozioökonomischen Gruppen an. Das seien „alles Faktoren, die mit besserer Gesundheit und auch einem geringeren Risiko für Covid-19″ einhergingen. Allgemein ist eine ausreichende Versorgung mit Vitaminen und Mineralstoffen natürlich wichtig für die Immunfunktion des Menschen. Vor Corona schützt sie allerdings nicht.

Zitat der Woche

Wir dürfen jetzt das, was wir gemeinsam erreicht haben, nicht leichtfertig riskieren.

Bundeskanzlerin Angela Merkel angesichts der Delta-Variante bei ihrer letzten Regierungsbefragung im Bundestag.

Forschungsfortschritt

Anzeige

Medikamente gegen Covid-19 sind noch äußerst rar. Das bei Kranken eingesetzte, entzündungshemmende Dexamethason soll die überschießende Immunreaktion bremsen, die bei Covid-19 häufig eintritt. Vor allem Menschen mit geschwächtem Immunsystem werden zum Teil mit Antikörpertherapien behandelt. So konnte beispielsweise laut einer neuen Studie eine Medikamentenkombination des Herstellers Regeneron Pharmaceuticals unter anderem die Dauer des Krankenhausaufenthalts verkürzen. Bei Patientinnen und Patienten, die jedoch selbst Antikörper entwickelt hatten, zeigte das Medikament keine signifikante Auswirkung auf die Überlebenswahrscheinlichkeit.

Einen neue Ansatz haben diese Woche Forschende der Berliner Charité vorgestellt: Das Bandwurmmittel Niclosamid konnte die Produktion infektiöser Sars-CoV-2-Partikel in Zellen um mehr als 99 Prozent senken. Es soll nun hinsichtlich seiner Wirksamkeit gegen Covid-19 bei Menschen geprüft werden.

Pandemie im Ausland

Menschen in Santiago stehen Ende Mai Schlange, um sich impfen zu lassen. © Quelle: imago images/Aton Chile

Eigentlich ist Chile der Impfchampion Südamerikas. Mehr als 20 Millionen Menschen haben zumindest eine Impfung erhalten. Das ist weit mehr als die Hälfte der Bevölkerung. Ein Wert, von dem die allermeisten südamerikanischen Ländern, darunter Brasilien oder auch Mexiko, nur träumen können. Doch trotzdem steigen in Chile die Inzidenzen. Dafür gibt es Gründe, berichtet unser Korrespondent Tobias Käufer: „Der südamerikanische Winter, ein Nachlassen der Hygienedisziplin sowie eine Überfrachtung der Erwartungshaltung an die Impfstoffe.“ Denn eine einzige Impfdosis reicht nicht. Kein Land in Lateinamerika, auch nicht Chile, habe bislang den Prozentsatz von 70 Prozent der vollständigen Impfungen erreicht, um die Übertragung des Virus kontrollieren zu können, berichtet ein Experte.

Was kommt

Anzeige

Die Virusvariante Delta bereitet sich derzeit in Europa aus, da kommen schon die nächsten Warnungen aus Indien. Dort sorgt man sich über die sogenannte „Delta Plus“-Variante und will sie stärker untersuchen. Die Variante soll besonders ansteckend sein und stärker an Lungenzellen binden, hieß es in einer Pressemitteilung des Gesundheitsministeriums in Neu-Delhi. Doch noch gibt es sehr wenige Daten: Bisher sind rund 40 „Delta Plus“-Fälle in drei indischen Bundesstaaten sowie weitere Fälle in neun anderen Ländern erfasst worden. Deutschland gehört nicht dazu.

Was die Pandemie leichter macht

„Ice Ice Baby": Dieses sommerliche Stickmotiv macht Lust auf eine Kugel in der Waffel. © Quelle: Jennifer Dargel/EMF Verlag

Nicht nur Stricken, auch Sticken ist wieder voll im Trend. Wer trotz Lockdownende die Lust an neuen Hobbys nicht verloren hat, dem kann Jennifer Dargel weiterhelfen. „Ich habe das Gefühl, die Leute sehnen sich danach, wieder etwas Eigenes zu machen und nicht immer nur schnell zu kaufen“, sagt die Expertin im Interview mit meiner Kollegin Sarah Franke.

Beim Kreuzstich ist der Name Programm. Denn bei dieser Technik entsteht das Motiv aus vielen nebeneinander gestickten Kreuzen. Anfängerinnen und Anfänger arbeiten am besten mit sogenanntem Aida-Zählstoff, empfiehlt Jennifer Dargel. „Er ist gerade bei Anfängern sehr beliebt, da man die einzelnen Kästchen für den Kreuzstich sehr gut sehen und zählen kann“, erklärt die Expertin. Eine Anleitung, wie Sie die sommerlichen Motive Eis und Wassermelone sticken, finden Sie hier.

Was außer Corona noch interessant ist

Mal ist es eine Schürfwunde, mal ein Wespenstich, mal ein verstauchter Knöchel – im Alltag kommt es oft zu kleinen Zwischenfällen, bei denen rasche Hilfe nötig ist. Doch viele beliebte Hausmittel und Maßnahmen sind fragwürdig, manche sogar längst überholt. Peter Sefrin, Bundesarzt beim Deutschen Roten Kreuz (DRK), hat für das RND gängige Erste-Hilfe-Tipps bewertet. Eiswürfel auf verbrühte Haut? Bloß nicht, sagt Sefrin. Aber auch Tipps wie Honig auf kleine Wunden, Kopf in den Nacken legen bei Nasenbluten oder eiskalte Hände in heißem Wasser aufwärmen hält der Experte für wenig hilfreich.

Abonnieren Sie auch:

Crime Time: Welche Filme und Serien dürfen Krimifans nicht verpassen? Mit unserem Newsletter sind Sie up to date. Alle zwei Wochen neu.

Hauptstadt-Radar: Der RND-Newsletter aus dem Regierungsviertel mit dem 360-Grad-Blick auf die Politik im Superwahljahr. Immer dienstags, donnerstags und samstags.

What’s up, America? Der wöchentliche USA-Newsletter liefert Hintergründe zu den Entwicklungen in Politik, Gesellschaft und Kultur – immer dienstags.

Das Stream-Team: Die besten Serien- und Filmtipps für Netflix & Co. – jeden Monat neu.

Der Tag: Das Nachrichten-Briefing vom RedaktionsNetzwerk Deutschland. Jeden Morgen um 7 Uhr.

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen