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Debatte um Tests für Reiserückkehrer: Braucht es eine neue Strategie?

  • Testchaos, Kosten, Aussagekraft: Die kostenlosen Corona-Tests für Reiserückkehrer stehen erneut in der Diskussion.
  • Besonders die Engpässe bei den Corona-Testkapazitäten machen Experten Sorgen.
  • Es gibt daher Forderungen nach einer neuen Teststrategie.
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Die Testkapazitäten in Deutschland sind seit Beginn der Corona-Pandemie massiv ausgeweitet worden. Bisher sind in Deutschland nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (Datenstand 19. August) mehr als zehn Millionen Tests auf Sars-CoV-2 gemacht worden. Allein in der Kalenderwoche 33 (also in der Woche bis einschließlich 16. August) wurden mehr als 875.000 Tests ausgewertet.

”Wenig zu testen ist teurer als zu viel zu testen” ist die Strategie, die Gesundheitsminister Jens Spahn dabei seit einigen Wochen verfolgt. Dementsprechend ist auch der Kreis, der Menschen, die auf das Sars-CoV-2-Virus getestet werden, gewachsen. So werden inzwischen beispielsweise auch Menschen unter bestimmten Umständen ohne Symptome getestet. Etwa, wenn sie ins Krankenhaus eingewiesen werden oder Kontakt zu einem Infizierten hatten.

Im Fokus stehen derzeit aber vor allem die Tests von Reiserückkehrern: Seit Ende Juli können sich Urlauber kostenlos auf Corona testen lassen. Wer aus einer zum Risikogebiet erklärten Region kommt, muss das seit 8. August sogar tun. Dazu wurden an Flughäfen, Bahnhöfen und Autobahnen Testzentren eingerichtet.

Welche Kritik gibt es an den Tests für Reiserückkehrer?

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Die Frage, ob Reiserückkehrer Anspruch auf einen kostenlosen Corona-Test haben sollten, wird schon seit Wochen diskutiert. Solche Tests sollten “mittelfristig ähnlich wie Flughafengebühren auf den Reisepreis aufgeschlagen werden”, sagte etwa Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) den Zeitungen der Funke-Mediengruppe (Samstag). “Es ist nicht akzeptabel, dass dies auf Dauer die Allgemeinheit bezahlt.”

Gesundheitsminister Spahn lehnt das allerdings bislang ab. Die Befürchtung: Manche Reisende könnten dann versuchen, die Tests zu umgehen. Denn schon jetzt gibt es Schwierigkeiten bei der Umsetzung. Nach Angaben der Bundeswehr gibt es zum Beispiel mit den Ausstiegskarten von Flugreisenden Probleme: “Nicht wenige Donald Ducks aus Entenhausen kommen zurück”, sagte der Inspekteur der Streitkräfte, Martin Schelleis. Ob sich alle Betroffenen an die Testpflicht halten, lässt sich nur schwer überprüfen.

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Kurz erklärt: Corona-Tests für Reiserückkehrer
0:59 min
Die Bundesregierung hat eine Testpflicht für Reisende angekündigt, die aus Corona-Risikogebieten nach Deutschland zurückkehren.  © RND

Inzwischen wird die Testpflicht für Reiserückkehrer jedoch noch aus einem weiteren Grund kritisiert: Die immens gestiegene Zahl von Corona-Tests in Deutschland führt zu Kapazitätsproblemen. In der Woche vom 10. bis zum 16. August hätten die teilnehmenden Labore einen Rückstau von 17.142 abzuarbeitenden Proben angegeben, teilte das RKI am Freitag mit. Die Befürchtung: Am Ende könnten die Ressourcen zur Versorgung Erkrankter, in Kliniken und Pflegeheimen sowie bei der Aufdeckung von Infektionsketten fehlen.

Auch der Epidemiologe Christian Drosten fordert in einem Brief an den Berliner Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) und die Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD), die Tests an den Flughäfen wieder einzustellen. Die Testung von Reiserückkehrern im Umfang der vergangenen Wochen sei durch die Berliner Labore nicht mehr möglich.

Hinzu gesellen sich Zweifel, ob es sinnvoll ist, Reiserückkehrer direkt nach ihrer Ankunft zu testen. So plädiert etwa die Virologin Melanie Brinkmann dafür, Reiserückkehrer aus Risikogebieten erst einige Tage nach der Ankunft in Deutschland auf mögliche Corona-Infektionen zu testen. “Aktuell kann es sein, dass sich Menschen noch auf dem Rückflug oder im öffentlichen Nahverkehr vom Flughafen nach Hause anstecken”, sagte die Arbeitsgruppenleiterin des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung und Professorin an der TU Braunschweig der “Braunschweiger Zeitung”. Sie ist daher dafür, Reiserückkehrer erst später zu testen. Um Klarheit zu erhalten, sei zudem eine bis zu siebentägige Pflichtquarantäne sinnvoll.

Braucht Deutschland eine neue Teststrategie?

Inzwischen gibt es auch Forderungen, die deutsche Teststrategie spätestens für den Herbst noch einmal zu überdenken. “Das Problem der knappen Corona-Tests wird in den nächsten Wochen riesig werden”, twitterte der SPD-Gesundheisexperte Karl Lauterbach am Sonntag. Er forderte, im Herbst klar zu priorisieren, wer einen Test bekomme. Denn sollte es zu einer verspäteten Testauswertung kommen, seien die Test sinnlos, so Lauterbach. Das Problem sei seiner Meinung nach nur durch eine Fokussierung auf Cluster und mehr Kurzquarantäne lösbar. “Dazu muss eine neue Testpriorisierung und Empfehlung des RKI für die Gesundheitsämter vorbereitet werden.”

Auch der Ärztepräsident Klaus Reinhardt forderte “eine Generalüberholung unserer Corona-Teststrategie und geeignete Konzepte für die saisonale Influenzaimpfung”. Er plädierte in diesem Zusammenhang für einen verstärkten Einsatz von Schnelltests. Der PCR-Test sei zwar sehr genau, aber zeitaufwendig. Corona-Schnelltests seien vielleicht nicht ganz so exakt. “Dafür ließen sich aber viel mehr Menschen in kurzer Zeit unkompliziert testen und Infektionsketten schneller unterbrechen.”

Reinhardt forderte weiter: “Auch für das medizinische Personal selbst brauchen wir bundesweit einheitliche und verbindliche Teststrategien.” Gut und richtig sei es, “dass wir für Reiserückkehrer ausreichend Testmöglichkeiten schaffen”. Aber es könne nicht sein, dass Ärzte und andere Gesundheitsberufe außen vor blieben – gerade in der bevorstehenden Grippesaison.

RND/asu/dpa

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