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“Das war brutal”: Ein Bestatter erzählt vom Alltag mit dem Tod in Corona-Zeiten

  • Stefan Burmeister-Wiese ist Bestatter in sechster Generation. In Corona-Zeiten herrscht Ausnahmezustand in seinem Institut.
  • Viele Angehörige konnten sich nicht verabschieden von ihren Toten.
  • Das wird die Gesellschaft noch lange beschäftigen, sagt er. Bericht aus dem Alltag eines Bestatters in Zeiten der Corona-Pandemie.
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Als Kind spielte er Verstecken zwischen den Särgen im elterlichen Bestattungsinstitut – heute ist Stefan Burmeister-Wiese Bestatter in sechster Generation und Geschäftsführer des 1845 gegründeten Unternehmens Wiese Bestattungen. “Der Tod”, sagt er, “war nie ein Tabu für mich.”

Wir sitzen in einem Beratungsraum im Obergeschoss des hannöverschen Instituts, unten in der Sargausstellung findet sich unter anderem das aktuelle Vorzeigemodell: ein schadstofffreies, ökologisch untadeliges Holzmodell, gefertigt aus deutschem Holz in Deutschland, innen ausgeschlagen mit Jute und Schafwolle. “Das wird sehr gut angenommen”, sagt Burmeister-Wiese, Ende dreißig. Das Prinzip der Nachhaltigkeit hat auch das Bestattungswesen erreicht.

Was bedeutet die Corona-Pandemie für einen Bestatter? Und für die Trauernden? “Das war brutal”, sagt er ruhig. Es ist der 20. Mai, der Lockdown ist noch in vollem Gange, als wir miteinander sprechen für den Podcast “Corona und wir – Geschichten aus dem Leben”. Auf den Straßen sind wenige Menschen unterwegs. Es herrscht Ausnahmezustand, auch für einen Bestatter.

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Kein Abschied am offenen Sarg – über Monate

Seit Mitte März durften zunächst nur noch maximal zehn Personen von einem Verstorbenen Abschied nehmen – ohne größere Feier, direkt am Grab, und zugelassen waren nur Familienmitglieder. “Freunde waren außen vor. Das war eine wahnsinnige Einschränkung, und es entsprach auch nicht der Lebenswirklichkeit”, sagt Burmeister-Wiese. “Denn es gibt ja auch Menschen, die mit nicht verwandten Personen einen engen Kreis bilden – und das ist dann deren Familie.”

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Abschied nehmen ohne Feier. Keine Aufbahrung. Keine Möglichkeit des letzten Blickes. Wie soll man da verstehen, dass ein geliebter Mensch tatsächlich tot ist? “Das ist ein wichtiger Punkt. Es geht um das Begreifen, und zwar auch im wörtlichen Sinne. Ich spüre, dass der Mensch kühl ist, dass es sich nur noch um die Hülle der Person handelt. Das hilft enorm bei der Trauerbewältigung. Und das ging alles nicht, zwei Monate lang.”

“Es gibt da ein dickes Regelwerk”: Friedhofsarbeiter in Schutzkleidung tragen auf dem Friedhof Nov Iguacu in Argentinien den Sarg mit den sterblichen Überresten einer Covid-19-Patientin. Auch in Deutschland gelten strenge Auflagen für den Umgang mit infektiösen Körpern. © Quelle: Silvia Izquierdo/AP/dpa
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Auch Burmeister-Wiese beerdigte Menschen, die an Covid-19 verstorben waren. “Es gibt da ein dickes Regelwerk des Robert-Koch-Instituts.” Auch die Biostoffverordnung kommt ins Spiel, die Unfallverhütungsordnung. Im Kern bedeuteten all die Auflagen für das Institut: “Wir dürfen den Verstorbenen nicht offen aufbahren, wir sollen ihn nach Möglichkeit sogar in einem luftdichten Plastik-Bodybag einschließen. Da gibt’s aber ein Problem: Denn auf dem Friedhof dürfen diese nicht verrottbaren Behältnisse nicht vergraben werden. Das verbietet das Bestattungsgesetz. Er war schwierig.”

Ein kollektives Trauma für Jahrzehnte

Daraus ergibt sich ein logistisches Problem. Denn man kann den Toten ja nicht kurz vor der Beisetzung wieder aus dem Bodybag herausholen, erneut in den Sarg legen und dann in der Erde versenken. Die Lösung ist ein Rückgriff auf alte Bestattungsriten: Burmeister-Wiese lässt den toten Körper zum Schutz von Mitarbeitern und Angehörigen vor infektiösen Stoffen in in Desinfektionsmittel getränkte Leinentücher einschlagen. Es ist ein archaisches Bild, das im Kopf entsteht: Leichen wie Mumien, ganz in weißes Leinen eingeschlossen.

Das ist die Logistik des Abschieds. Und dann ist da noch die Psychologie des Abschieds. Der Bundesverband der Bestatter vertritt die Auffassung, dass der Schmerz, sich im Corona-Lockdown nicht persönlich verabschiedet haben zu können, die Gesellschaft noch Jahrzehnte lang als kollektives Trauma beschäftigen werde.

Glaubt er das auch? “Auf jeden Fall”, sagt der Bestatter. “Denn unsere Trauerkultur mit ihren Ritualen ist ja kein Luxus, es ist ein Bewältigungsmechanismus, den wir dringend brauchen, um zu verstehen, dass jemand nicht mehr da ist. Rituale sind auch ein Schutzkokon. Und wenn sie fehlen, fehlt etwas sehr Wichtiges. Das führt dazu, dass Menschen im Nachgang große Probleme haben werden, darüber hinwegzukommen.”

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“Rituale sind auch ein Schutzkokon. Und wenn sie fehlen, fehlt etwas sehr Wichtiges”: Särge mit Verstorbenen stehen in einem Krematorium in Essen bereit zur Einäscherung. © Quelle: picture alliance / imageBROKER

Das ist es, was das Abschiednehmen in Corona-Zeiten noch schwerer macht als sonst schon. “Es sind meist die Momente am offenen Sarg, an die man sich erinnert und auf die man später zurückgreifen kann.”

Ließen sich Trauerfeiern verschieben? Das Bestattungsgesetz ist da strikt: Bei einer Erdbestattung muss die Leiche spätestens nach acht Tagen unter der Erde sein, bei einer Urnenbestattung spätestens 30 Tage nach der Einäscherung. Mit der Beerdigung warten, bis die Pandemie abschwillt und ein normaler Abschied möglich ist? Undenkbar. Manche Behörde aber, sagt der Bestatter, drücke auch mal ein Auge zu.

Bestatter im Homeoffice? Wie sollte das gehen?

Hat sein Institut mehr zu tun als sonst? “Ja.” Aber Bestattungen haben ohnehin Konjunkturphasen, sagt Burmeister-Wiese. Es gebe große statistische Schwankungen. “Wir sind es gewohnt, dass wir zum Beispiel bei langen Hitzewellen oder Grippehäufungen mehr Sterbefälle haben”, sagt er. Und auch die aktuelle Pandemie sei spürbar. Überbucht ist das Institut aber nicht. Genaue Zahlen verrät er nicht.

Rund 3500 Bestattungshäuser gibt es in Deutschland, fast alle sind familiär geprägte Kleinstunternehmen. Und viele brachte Corona in Not, schon wegen der Kinderbetreuung. “Ich habe neulich mit einer alleinerziehenden Kollegin telefoniert, die war verzweifelt”, erzählt der Bestatter an diesem Tag im Mai. “Der hatten die Behörden vorgeschlagen, doch im Homeoffice zu arbeiten. Wie stellen die sich das vor? Soll sie ihren Sohn mit zur Abholung eines Toten im Krankenhaus nehmen?”

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Auch daran zeige sich: “Wir haben keine Lobby als Bestatter. Das Thema ist unsexy. Welcher Politiker kann sich damit schmücken, dass er für das Thema Bestattung, Tod und Abschied etwas Großartiges erreicht hat?” In einigen Bundesländern gehören Bestatter bis heute nicht zu den systemrelevanten Berufen. “Wir haben unser Desinfektionsmittel und unsere Schutzhandschuhe für unglaubliche Summen bei Ebay kaufen müssen. Und das, obwohl wir sehr oft Kontakt zu Risikogruppen haben, in Altersheimen, in Kliniken.”

“Bestatter ist ein sehr bunter Beruf”

Entschleuniger, Tröster, Helfer, Eventmanager und Problemlöser seien Bestatter, sagt er. “Die Menschen erwarten von uns Antworten auf Fragen, die sie vorher nie beschäftigt haben.” Reinigung und Aufbereitung des Verstorbenen, das Ausstopfen von Nase und Mund mit Watte, die Vorbereitung des Toten – all das gehört dazu. “Bestatter ist ein sehr bunter Beruf.”

Und auch das Trauern hat viele Gesichter. Corona hat vielen der Möglichkeiten, Abschied zu nehmen, einen Riegel vorgeschoben. Vor Jahren etwa stellten Burmeister-Wiese und seine Mitarbeiter einen Sarg in die Stammkneipe eines Verstorbenen. “Und alle Freunde und Gäste dort haben diesen Sarg gestaltet, wie auch immer. Im Zweifel mit einem Edding. Das war wahnsinnig persönlich.” Das geht im Moment nicht.

“Es wird dann auch mal gelacht”

Musste er schon mal lachen bei der Arbeit? “Wir haben das immer wieder, dass Angehörige in einer sehr positiven Stimmung zu uns kommen. Menschen, die nach einem langen, langen Leidensgang zu uns kommen, sind als Hinterbliebene auch erleichtert, dass jemand jetzt gehen durfte. Es ist ja nicht immer ein Gehenmüssen, häufig ist es auch ein Gehendürfen. Dann werden Anekdoten aus dem Leben erzählt, und es wird dann auch mal gelacht im Trauergespräch.”

Was soll man einem Menschen sagen, der gerade jemanden verloren hat? Wie kann man die Floskel “Mein Beileid” vermeiden? “Mein Tipp wäre: authentisch bleiben”, sagt Burmeister-Wiese. “Ich würde niemandem empfehlen, etwas zu sagen, mit dem er sich nicht wohlfühlt. Dann lieber gar nichts sagen. Es kann auch ein Händedruck sein. In den Arm nehmen, wenn es angebracht ist. Vielleicht auch eine Karte schreiben, wenn man sich das nicht zutraut, es persönlich zu sagen. Oder einfach da zu sein. Und nicht nur in dem Moment, sondern auch noch in den Monaten danach. Denn der Verlust endet ja nicht am Tag der Beerdigung.”














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