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Das Dilemma der vierten Welle: Wo stehen wir eigentlich – und wann ist die Pandemie vorbei?

  • In der vierten Welle zeigt sich ein Dilemma, mit dem vor wenigen Monaten noch nicht zu rechnen war.
  • Denn das Coronavirus hat sich verändert.
  • Wieso eine hohe Impfquote nicht mehr das Ende von Maßnahmen bedeutet – und was das mit dem Pandemieende zu tun hat.
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Mit der vierten Welle kommt das Déjà-vu. Zurück sind die rasant steigenden Fallzahlen. Zurück ist die besorgniserregende Sieben-Tage-Inzidenz, die seit Tagen immer weiter über den Schwellenwert von 50 klettert. Auch die unheilvollen Prognosen sind wieder da: In vier bis sieben Wochen könnte die 200 bis 500 erreicht werden. Die Folgen dieselben, bereits jetzt spürbar: Es müssen wieder mehr Corona-Patienten im Krankenhaus behandelt werden. Vor allem die 35- bis 59-Jährigen sind dem RKI zufolge im Moment betroffen.

Wie ist es möglich, dass uns das schon wieder passiert? Obwohl inzwischen rund 60 Prozent der Menschen im Land vollständig geimpft sind? Im Vergleich zu vielen anderen Ländern der Welt wirkt die deutsche Impfquote eigentlich geradezu luxuriös. Es war immerhin das Versprechen deutscher Corona-Politik: Wir organisieren den Impfstoff, ihr gebt uns durch das Einhalten der Maßnahmen mehr Zeit dafür und lasst euch impfen, wenn der Stoff da ist. Ab einer Impfquote von 70 bis 80 Prozent sollte sich spätestens das Licht am Ende des Tunnels zeigen.

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Kalkuliert wurde damit, dass dann der Großteil der Menschen immun wäre, immer weniger sich automatisch ansteckten. Das Leben würde normal, irgendwann ohne Abstand, Masken, Kontaktverzicht. Mit dieser Gleichung zwischen Impfung und dem Ende der Einschränkungen lässt sich die vierte Welle aber leider nicht mehr besiegen. Stattdessen werden Spätsommer, Herbst und Winter wohl erneut ungemütlich.

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50er-Inzidenz wird gestrichen - was kommt danach?
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Viele Landkreise sind längst wieder über der Inzidenzschwelle von 50. Die Zahl hat «ausgedient», sagt Gesundheitsminister Spahn. Doch was kommt danach?  © dpa

Die vierte Welle: Alles wie immer?

Die altbekannten Ängste und Sorgen aus anderthalb Jahren ungelöster Pandemiedebatten kommen an die Oberfläche. Statt alter Normalität ist die Sorge um die Kinder wieder da. Können Schülerinnen und Schüler im Präsenzunterricht geschützt werden? Was bringen die Tests, wie lüften und braucht es doch Wechselunterricht? Das bange Gefühl lässt sich nicht verdrängen, dass Schließungen notfalls zumindest denkbar sein könnten.

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Deutschland könnte die Kontrolle in der Tat noch einmal entgleiten. Modellberechnungen zeigen, dass das nicht unbedingt passiert, aber ein mögliches Szenario ist. In der vierten Welle könnten wieder viele Menschen erkranken und auch sterben. Es könnten auch so viele Menschen auf der Arbeit ausfallen oder in Quarantäne sein, dass die kritische Infrastruktur gefährdet ist und das Gesundheitssystem an seine Grenzen kommt.

Doch auch wenn sich die aktuelle Lage wie ein Déjà-vu anfühlt – die Pandemie steht unter anderen Vorzeichen als noch vor wenigen Monaten gedacht. Und damit die Art und Weise, wie nun die vierte Welle verläuft, ob und wie das alles endet. Schließlich hat sich das Virus selbst verändert.

Mit Delta hat niemand gerechnet

Wie schnell Delta andere Virusvarianten verdrängt hat, überrascht selbst Experten und Expertinnen. Es war immer klar, dass Sars-CoV-2 mutieren muss, wenn es in der Welt bestehen will. Dafür sorgen der steigende Selektionsdruck durch die Impfungen und die Genesenen. Aber so viel schneller als die gerade angelaufenen Impfkampagnen und in diesem Ausmaß? Eigentlich untypisch.

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„Sars-CoV-2 ist glücklicherweise relativ lahm und verändert sich nicht so schnell wie manch andere Viren“, sagte noch Ende Dezember der Zoonosenexperte Fabian Leendertz. „Mutationen sind nach heutigem Kenntnisstand kein großes Problem, auch nicht für die anstehenden Impfungen.“ Es kam dann – wie so oft in dieser Pandemie – anders. Gleich vier Varianten wurden im ersten Halbjahr 2021 als besorgniserregend klassifiziert: neben Delta auch Alpha, Beta und Gamma.

Delta bereitet der Welt aktuell am meisten Sorgen. Die Mutante ist hochgradig infektiös, mehr noch als im Frühsommer zu erwarten war. Fachleute rechneten für Deutschland damit, dass die Variante im Herbst dominant würde. Die Mutante verdrängte Alpha dann aber doch schon im Sommer. Seit Mitte August machen mehr als 98 Prozent der untersuchten Proben von Infizierten die Delta-Variante aus.

Das Impfdilemma: persönlicher Schutz ja, Herdenimmunität nein

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Wie hat die Mutante das geschafft? Delta hat Tricks parat, die der Herdenimmunität einen Strich durch die Rechnung machen: Die Variante erhöht noch einmal die Viruslast bei Infizierten. Das führt schneller zu mehr Ansteckungen – wie es gerade die rasant steigenden Fallzahlen zum Beginn der vierten Welle zeigen. Delta macht Menschen noch schneller ansteckend als das Ursprungsvirus. Die erkennen das womöglich gar nicht, weil sich eine Infektion wie ein harmloser Schnupfen äußert.

Noch schlimmer ist jedoch: Delta verringert den Immunschutz bei Geimpften und Genesenen. Die gute Nachricht ist dabei, dass die zugelassenen Impfstoffe glücklicherweise weiterhin funktionieren. Wer vollständig geimpft ist, wird bei einer Delta-Infektion in den meisten Fällen nicht schwer krank, muss nicht ins Krankenhaus, muss nicht beatmet werden und stirbt nicht. Auch leichte Erkrankungen kommen deutlich seltener vor.

Die schlechte Nachricht betrifft die Bevölkerung als Ganzes. Durch Delta ist es wahrscheinlicher geworden, dass man sich trotz Impfung noch infiziert – und andere anstecken kann. Das ist das Dilemma der vierten Welle: Die Impfstoffe sind weiterhin der beste Weg, um sich persönlich vor Covid-19 zu schützen. Doch das allein reicht für den Schutz der Gesamtbevölkerung während der vierten Welle nicht aus.

Die Mathematikerin Prof. Anita Schöbel fasst es nüchtern zusammen: „Herdenimmunität durch die Impfungen können wir leider nicht erreichen.“ Weil die Delta-Variante infektiöser sei und Geimpfte die Krankheit noch bekommen und weitergeben könnten, sei die Impfung „nicht das 100-Prozent-Allheilmittel, das alle Probleme in der Pandemie löst“, sagt die Wissenschaftlerin, die mögliche Pandemieszenarien berechnet.

Die Spaltung der Gesellschaft: Geimpfte vs. Ungeimpfte

Trotzdem schützt nur die Impfung vor dem Schlimmsten, also Krankheit und Tod. Delta klaut nun wichtige und von der Politik eigentlich einkalkulierte Zeit. Die wäre nötig gewesen, um die Impfungen in Deutschland so weit voranzubringen, dass sich wirklich alle, die es wollen, noch persönlich schützen können. Stattdessen ist Deutschland in zwei Gruppen aufgespalten: Für Geimpfte stuft das RKI die Gesundheitsgefahr nur noch als moderat ein. Ungeimpfte hingegen stecken sich noch viel wahrscheinlicher an als im vergangenen Herbst.

„Die jetzigen Infektionen und steigenden Werte bedrohen natürlich besonders alle Ungeimpften und bisher nicht Infizierten“, betont der Wissenschaftler Hajo Zeeb vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie. Die Zahlen „sollten wirklich ein Warnsignal und Motivator sein, sich impfen zu lassen“.

Wo wird Delta besonders zuschlagen? Bei den Älteren gibt es laut RKI-Erhebung (Stand: 24. August) noch größere Impflücken: Rund 63 Prozent der 18- bis 59-Jährigen und 83 Prozent der über 60-Jährigen sind bislang durch die Impfung geschützt. Der größte Anteil Ungeschützter findet sich bei den Jüngeren. Bei den Zwölfjährigen bis 17-Jährigen sind erst 18 Prozent vollständig geimpft.

Die große Sorge: Wie wird es in den Schulen?

Mit dem Ende der Sommerferien rechnen Corona-Expertinnen und Experten unter Schülern und Schülerinnen mit mehr Infektionen. Bei einer tolerierten Ausbreitung des Virus werde es „fast zwangsläufig“ auch in dieser Gruppe zu schweren Verläufen kommen, fürchtet die Frankfurter Virologin Sandra Ciesek. Es sollten sich noch so viele Erwachsene wie möglich impfen lassen. „Das ist wichtig für den Eigenschutz, aber eben auch, um diejenigen zu schützen, die sich nicht beziehungsweise noch nicht impfen lassen können. Dazu zählen insbesondere auch Kinder.“

Delta macht auch vor den jüngeren Ungeimpften nicht Halt. Nicht vor den unter Zwölfjährigen, für die es keinen zugelassenen Impfstoff gibt. Und auch nicht vor den Jugendlichen, die erst seit Mitte August eine klare Impfempfehlung von der Ständigen Impfkommission bekommen haben. Immerhin scheint das kindliche Immunsystem auf die Attacken von Sars-CoV-2 besser vorbereitet zu sein. Jüngere erkranken deutlich seltener schwer an Covid-19 als Ältere.

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Merkel: Inzidenz kein Richtwert mehr für Corona-Maßnahmen
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Das Corona-Kabinett einigte sich am Montag darauf, Beschränkungen im öffentlichen Leben nicht mehr an die Höhe der Infektionszahlen zu knüpfen.  © Reuters

Wie sich die Lage mit den Varianten weiterentwickelt, weiß aber niemand so genau. Die über Zwölfjährigen haben noch die Chance, sich impfen zu lassen – um dadurch vergleichsweise seltenen, aber möglichen Gefahren wie Covid-19, Long Covid und Quarantäneschleifen zu entgehen. „Weitreichende Öffnungsschritte sollte man auf jeden Fall erst machen, wenn wirklich alle ein Impfangebot hatten und auch zu ihrer Zweitimpfung gekommen sind“, betont Wissenschaftlerin Schöbel.

Corona-Maßnahmen ohne Ende?

Und so ist man wieder beim Déjà-vu. Geimpfte wie Ungeimpfte sollten versuchen, sich möglichst nicht anzustecken. Das Ziel: die Zahl der Infektionen geringer zu halten als es das Virus will. Durch die altbekannten präventiven Maßnahmen. Lüften, Testen, Abstand und Maske tragen. Wenn gar nichts mehr geht? Verzicht auf große Treffen und Schließungen.

Viele Menschen können vor Krankheit und Tod bewahrt werden. Jetzt die Kontrolle völlig abzugeben würde bedeuten, dass die Infektionen bei Ungeimpften und verdeckter auch unter den Geimpften sehr schnell massiv steigen würden. Darin sind sich Expertinnen und Experten einig. Zudem könnten noch schneller noch infektiösere Virusvarianten entstehen, die den Immunschutz noch mehr gefährden. Das Coronavirus nutzt es aus, wenn sich viele Menschen gleichzeitig anstecken.

Wird das alles also niemals enden? Das Virus wird trotz Impfungen nicht mehr verschwinden. Aber die dramatische Abfolge von Infektionswellen wird hoffentlich weltweit irgendwann enden. Dafür müssen so gut wie alle Menschen immun sein – die meisten hoffentlich durch die Impfung, der Rest durch eine natürliche Infektion. Es kommt dann deutlich seltener zu schweren Verläufen und Todesfällen.

Es könnte aber auch passieren, dass der Immunschutz bei Geimpften noch weiter sinkt. Es könnte sein, dass das Virus Menschen noch mehr krank machen wird als sowieso schon. Mit Prognosen, wann genau Deutschland immun und die pandemische Phase in der Welt vorbei ist, halten sich Corona-Experten und Expertinnen deshalb bedeckt. Das optimistischste Szenario: Corona äußert sich irgendwann als harmloser Schnupfen bei Kindern. Dafür muss das Virus nun aber weitgehend so bleiben wie es ist.

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