Das Chile-Mysterium: Neuinfektionen auf Rekordhoch trotz hoher Impfquote

  • Chile liegt beim Impftempo weltweit vorne.
  • Trotzdem erreichen die Corona-Inzidenzzahlen immer neue Rekordwerte.
  • Damit liefert das Land wichtige Erkenntnisse, auf die auch Deutschland mit Blick auf den Herbst schon jetzt schauen sollte.
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Die Zahlen aus Chile sorgen für Verwunderung. Eigentlich gilt das Land bislang als der Impfchampion Lateinamerikas, kein anderes Land in der Region hat so schnell so viele Menschen geimpft. Auch im weltweiten Vergleich steht das Land ausgezeichnet da. Stolze 48,34 Prozent der chilenischen Bevölkerung sind bereits komplett immunisiert, weitere 13,56 Prozent haben bereits eine erste Dosis erhalten (Quelle: Our World in Data). Mit über 60 Prozent geimpfter Bevölkerung liegt Chile in der weltweiten Tabelle hinter Israel auf Platz zwei, doch trotz des beeindruckenden Impferfolges steigen auch die Inzidenzwerte: Mit 379 Neuinfektionen lag die Sieben-Tage-Inzidenz Mitte Juni so hoch wie noch nie seit Ausbruch der Pandemie in Chile. Am Freitag meldeten die Behörden 218 Tote. Zum Vergleich: In Deutschland lag der Sieben-Tage-Inzidenzwert am Freitag bei 10,3 Fällen.

Trotz hoher Impfquote: Viele Corona-Neuinfektionen in Chile

Für dieses Chile-Mysterium gibt es Gründe: Der südamerikanische Winter, ein Nachlassen der Hygienedisziplin sowie eine Überfrachtung der Erwartungshaltung an die Impfstoffe. Vor allem ist die Entwicklung eine Warnung für jene, die Impfungen grundsätzlich misstrauen und nur auf den Sommer setzen. Die Entwicklung in Chile liefert deshalb eine ganze Menge an Erkenntnissen, die auch für Deutschland lehrreich sein können.

Jarbas Barbosa von der Panamerikanischen Gesundheitsorganisation OPS warnt in der BBC vor übertriebenen Hoffnungen: „Zunächst einmal sind Impfungen keine Wundermittel. Die Impfung wird die Übertragung nicht am nächsten Tag reduzieren und der Schutz ist nur komplett, wenn die Person die zweite Dosis erhalten hat. Der Schutz der ersten Dosis allein ist gering und nicht genug, um geschützt zu sein.“ Deswegen sei es eminent wichtig, die Impfkampagne weiter mit voranzutreiben. Kein Land in Lateinamerika, auch nicht Chile, habe bislang den Prozentsatz von 70 Prozent der vollständigen Impfungen erreicht, um die Übertragung des Virus kontrollieren zu können. So lange werde es immer wieder zu neuen Ausbrüchen kommen. Bis dahin sei es unabdingbar, die Hygienemaßnamen einzuhalten, so Barbosa.

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Herdenimmunität in Chile noch nicht erreicht

„Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass Impfstoffe einen aktiven Ausbruch nicht unterbrechen können und dass es auch bei einer hohen Impfrate weiterhin Ausbrüche geben kann“, sagt OPS-Direktorin Carissa Etienne. „Bislang hat noch kein Land die Herdenimmunität erreicht und es gibt immer noch viel zu lernen, wie die Bevölkerung vor der Verbreitung von Varianten des Virus zu schützen ist“, sagt Etienne. Impfstoffe seien nur ein Werkzeug im Arsenal gegen COVID-19.

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Ein weiterer Grund neben den klimatischen Gegebenheiten des südamerikanischen Winters sind auch die Wohnverhältnisse. „In Südamerika gibt es große Metropolregionen, Megastädte, wo die Kontakte sehr eng sind, der Nahverkehr überfüllt ist, was eine Übertragung fördert“, sagt Experte Sylvain Aldighieri von der OPS. Zudem kommt es in Chile traditionell im Winter immer zu einem Anstieg der Atemwegserkrankungen. Kritiker werfen der Regierung vor, mit dem Feiern ihres Impferfolges ein falsches Signal gesetzt zu haben, weil die Bevölkerung geglaubt habe, die Pandemie sei schon überstanden.

Wie gut ist der Impfstoff aus China?

Die Zweifel am in Chile zum Einsatz kommenden chinesischen Impfstoff Sinovac will die OPS indes nicht bestätigen. Obwohl die Krankenhauseinlieferungen wieder zunehmen, während in Ländern in denen Moderna oder Biontech verimpft wird, eine gegenläufige Entwicklung zu betrachten sei. Studien hätten gezeigt, dass schwere Verläufe mit Sinovac bei vollständiger Impfung um 80 Prozent reduziert werden. Auch aus Brasilien gäbe es ähnliche Studien. „Aber kein Impfstoff hat eine Effektivität von 100 Prozent“, sagt OPS-Experte Jarbas Barbosa. Die Rolle des Impfstoffes ist den Schutz zu erhöhen, Leben zu retten und schwere Fälle zu vermeiden.

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