Coronavirus: Wie wirksam sind die Lockdownmaßnahmen?

  • Mit einem Katalog an Maßnahmen kämpft Deutschland gegen das Coronavirus.
  • Eine Studie aus der Schweiz zeigt jetzt, dass sich die Regeln unterschiedlich stark auf die Mobilität der Menschen auswirken.
  • Besonders effektiv sind demnach Versammlungsverbote sowie Geschäfts-, Restaurant- und Schulschließungen.
Laura Beigel
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Seit heute gelten in Deutschland bundesweit schärfere Lockdown-Maßnahmen. So darf sich der eigene Haushalt nur noch mit einer weiteren Person treffen, Schulen und Kitas bleiben weiterhin geschlossen und in Landkreisen mit einer Sieben-Tage-Inzidenz von 200 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner dürfen sich Menschen ohne triftigen Grund nicht mehr als 15 Kilometer vom Wohnort entfernen. Mit diesen Regeln wollen Bund und Länder die Ausbreitung des Coronavirus wieder kontrollierbar machen. Doch reichen sie aus?

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Melanie Brinkmann vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig zeigte sich skeptisch. „Wir müssen wirklich noch mal richtig dolle draufhauen“, sagte sie am Sonntagabend in der ARD-Sendung „Anne Will“. „Und je doller und schneller wir Virusübertragungen unterbrechen können, desto besser.“ Dass Schulen und Kitas erneut geschlossen werden mussten, bezeichnete die Virologin ferner als „Versagen“. Es sei abzusehen gewesen, dass es in in den Bildungseinrichtungen zu Übertragungen kommt, wenn Schüler vielerorts in großer Zahl und ohne Masken in den Klassenräumen sitzen.

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Schulschließungen reduzieren Mobilität um 21,6 Prozent

Viele Familien stellen Schulschließungen vor große Herausforderungen, allerdings zählen diese laut einer Studie zu den effektivsten Corona-Maßnahmen. Forscher der ETH Zürich fanden jüngst heraus, dass Schulschließungen die Mobilität der Schweizer zwischen dem 10. Februar und 26. April 2020 um 21,6 Prozent verringerten. Für ihre Studie, die auf dem Preprint-Server arXiv veröffentlicht wurde, analysierten sie anonymisierte Telekommunikationsdaten.

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Noch wirksamere Maßnahmen waren das Verbot von Versammlungen mit mehr als fünf Personen (24,9 Prozent) und Schließungen von Veranstaltungsorten wie Geschäfte, Restaurants und Bars (22,3 Prozent).

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Geteilte Reaktionen auf Lockdown-Verschärfung
1:33 min
Die verschärften Auflagen zur Eindämmung der Corona-Pandemie stoßen bei vielen Menschen auf Verständnis.  © Reuters
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Insgesamt reduzierte sich die Mobilität in der Schweiz um 49,1 Prozent, verglichen mit dem gleichen Zeitraum aus dem Jahr 2019. Doch wie wirkt sich das auf die Corona-Fallzahlen aus? In der Studie heißt es dazu: „Eine Verringerung der menschlichen Mobilität um ein Prozent prognostiziert eine Verringerung der täglich gemeldeten Covid-19-Fälle um 0,88–1,11%.“

Prof. Stefan Feuerriegel, Studienautor und Professor für Wirtschaftsinformatik an der ETH Zürich, weist zudem darauf hin, dass Entscheidungsträger aus der Politik Mobilitätsdaten nutzen könnten, um die Pandemie in Echtzeit zu verfolgen. „Über Weihnachten wurde häufig gesagt, dass die Zahlen nicht belastbar seien, weil es einen großen Zeitverzug gebe. Hier kann Mobilität als möglicher Echtzeit-Indikator genutzt werden“, sagte er dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

Ohne Corona-Maßnahmen: 350.000 Corona-Tote in Großbritannien erwartet

Wie sich unterschiedliche Corona-Maßnahmen auf die Ausbreitung des Virus auswirken, haben auch Forscher der London School of Hygiene & Tropical Medicine untersucht. In ihren Modellrechnungen zur Entwicklung des Infektionsgeschehens in Großbritannien berücksichtigen sie vier Maßnahmen: Schulschließungen, Kontaktbeschränkungen, die Abschirmung von Senioren im Alter von 70 Jahren und älter sowie die Selbstisolation von symptomatischen Fällen.

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Ohne diese und weitere Corona-Regeln würde Großbritannien bis Dezember 2021 rund 23 Millionen klinische Fälle und 350.000 Tote im Zusammenhang mit Sars-CoV-2 zählen, prognostizieren die Forscher. 85 Prozent der Bevölkerung wären dann mit dem Virus infiziert. Die Modellierungen zeigen, dass sich Kontaktbeschränkungen am stärksten auf die Fallzahlen auswirken. Die Abschirmung von Senioren hat hingegen den größten Effekt auf die Zahl der Corona-Todesfälle.

Aber: „Wir fanden heraus, dass keine dieser Maßnahmen mit kürzerer Dauer allein in der Lage war, den Bedarf an medizinischer Versorgung unter die verfügbaren Kapazitäten zu senken“, heißt es in der Studie, die im Fachmagazin The Lancet publiziert wurde. „Wir schätzen, dass weder die Schließung von Schulen, die physische Distanzierung, die Abschirmung älterer Menschen noch die Selbstisolierung allein die Reproduktionszahl genug reduzieren würden, um einen nachhaltigen Rückgang der Neuinfektionen zu bewirken.“

Coronavirusmutation erschwert Pandemieeindämmung

Nur eine langfristige, soziale Distanzierung, ein Schutz von Risikogruppen und periodische Lockdowns mit strengeren Maßnahmen könnten verhindern, dass die Kapazitäten im Gesundheitswesen knapp werden. „Wenn wir nicht unverzüglich handeln, könnte unser NHS (Gesundheitsdienst, Anm. d. Red.) überwältigt werden und mehr Menschen werden sterben“, hatte Londons Bürgermeister Sadiq Khan zuletzt deutlich gemacht. Am Freitag lag die Sieben-Tage-Inzidenz in der britischen Hauptstadt bei mehr als 1000 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner.

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Bei der Interpretation der Modellrechnung muss allerdings beachtet werden, dass die Infektionsdynamik der neu aufgetretenen Coronavirusmutation B.1.1.7 nicht miteinbezogen wurde. Die Corona-Variante breitet sich derzeit rasant in Großbritannien aus – und konnte auch schon in anderen Ländern nachgewiesen werden. Britische Forscher hatten festgestellt, dass die Mutation deutlich ansteckender ist als die bisherige Form von Sars-CoV-2.

Angesichts der Ausbreitung der Mutation halten es Experten für umso wichtiger, die Fallzahlen in Deutschland möglichst schnell zu minimieren. „Ich halte eine Senkung der Fallzahlen grundsätzlich für eine nachhaltige Infektionskontrolle für notwendig“, sagte der Virologe Jörg Timm von der Uniklinik Düsseldorf. „Wenn die Daten zur erhöhten Ansteckungsfähigkeit der neuen Variante stimmen – und davon gehe ich aus – dann wird die Aufgabe sicherlich schwieriger.“



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