Mediziner: Urintest könnte Frühwarnsystem für schwere Covid-19-Erkrankungen sein

  • Eine Entzündung der Nieren kann frühzeitig auf schwere Verläufe von Covid-19 hinweisen.
  • Das haben Forscher der Universitätsmedizin Göttingen festgestellt.
  • Durch einen Urintest und eine Folgeuntersuchung könnten bald wirksame Therapiern schon vor Einsetzen der Verschlechterung erfolgen.
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Ein einfacher Urintest, der Leben rettet. So lässt sich wohl vorsichtig die Hoffnung der Mediziner der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) zusammenfassen. Denn anhand von veränderten Markern im Urin soll es nicht nur möglich sein, schwere Verläufe von Covid-19 möglichst früh zu erkennen, sondern auch unterschiedliche Behandlungen abzuleiten.

Durch bei Obduktionen durchgeführte Gewebeuntersuchungen kam bei den Göttinger Medizinern die Vermutung auf, dass eine frühe Nierenbeteilung vernachlässigt wurde, da die anderen Organe in dramatisch schlechtem Zustand waren. Weiter sei bei stationären Behandlungen von Coronavirus-Infizierten aufgefallen, dass gerade bei den Schwerstkranken – neben Lunge und Herz – schon frühzeitig die Nieren mit betroffen sind. Über diese Befunde tauschte sich das Team der UMG mit Experten des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf, anderen deutschen Universitätskliniken und Fachleuten aus Italien, China, England und den USA aus. Die Ergebnisse wurden in der renommierten Fachzeitschrift „The Lancet“ veröffentlicht.

Behandlungen können frühzeitig eingeleitet werden

Der Urintest ist kein Test, der Klarheit darüber gibt, ob bei Patienten eine Infektion mit dem Coronavirus Sars-CoV-2 vorliegt oder nicht. Vielmehr kann er bei bereits diagnostizierten Covid-19-Patienten eingesetzt werden, um die schwere des Krankheitsverlaufs abzuschätzen.

Noch bevor Lunge, Herz und andere Organe schwer versagen, könne der Krankheitsverlauf mit wenigen Parametern prognostiziert werden und frühzeitig mit der Behandlung drohender Komplikationen begonnen werden, bevor diese überhaupt auftreten. Damit ließen sich möglicherweise bei vielen Erkrankten lebensbedrohliche Verschlechterungen und Todesfälle verhindern, so die Forscher.

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Aus den ersten Erkenntnissen erstellten die Mediziner der UMG einen Handlungspfad für eine „Covid-19 assozierte Nephritis“, also einer Entzündung der Niere, die auf das Coronavirus zurückgeführt werden kann. Dieser Handlungspfad wird sei dem 24. April im Rahmen einer Studie an mehreren Universitätskliniken in Deutschland untersucht, die aufzeigen soll, ob und wie die vorgeschlagenen Maßnahmen zu einer Verbesserung der Krankenversorgung beitragen können.

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Befund zeigt nötige Behandlungen auf

Sind im Urintest deutliche Anomalien erkennbar, klärt eine einfache Folgeuntersuchung, ob sich bei dem Betroffenen schon ein schwerer Verlauf ankündigt und welcher - und damit auch, welche Behandlung nötig ist. Möglich wird dies, da im Urin bereits im frühen Stadium der Erkrankung deutliche Anomalien erkennbar sind. Insgesamt kommt es auf drei Parameter an, um den Verlauf zu prognostizieren: Albumin im Blut, Albumin im Urin und Antithrombin III.

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Zusammen mit dem Urinbefund, könne mit Hilfe dieser drei Parameter das sogenannte „capillary leak Syndrom“ diagnostiziert werden, so die Göttiger Forscher. Dieses Syndrom bedeutet einen lebensbedrohlichen Verlust von Blutbestandteilen und Eiweiß aus dem Blut in das (Lungen-)Gewebe. Ausgelöst durch ein vom Virus verursachtes generelles Leck der kleinen Blutgefäße.

„Ist auch nur einer von drei Parametern schwer verändert, besteht ein hohes Risiko, dass sich der Zustand der Erkrankten auf Normalstation zeitnah verschlechtert, sie auf die Intensivstation verlegt werden müssen oder sich der Verlauf auf Intensivstation noch verschlechtert“, sagt der Erst-Autor der Publikation, Prof. Dr. Oliver Gross, Oberarzt in der Klinik für Nephrologie und Rheumatologie der UMG.

Ein Beispiel: Bei schwerem Mangel von Albumin im Blut, droht ein interstitielles Lungenödem, eine sogenannte Wasserlunge. Hierbei schwillt das Lungengewebe an, sodass das Atmen und der Austausch von Sauerstoff erschwert werden. Da dies nun festgestellt wurde, werden Wassereinlagerungen mit Entwässerungstabletten behandelt. Durch die Früherkennung kann die passende Entwässerungstherapie also noch vor Verschlechterung der Atmung beginnen und bevor das Lungengewebe voller Wasser läuft.

Handelt es sich andererseits um einen schweren Mangel an Antithrombin III im Blut, können Thrombosen und Thromboembolien (die Gerinnsel lösen sich und verstopfen die Lungengefäße) die Folge sein. Um die Blutgerinnsel aufzulösen, könnte frühzeitig ein Blutverdünnungsmittel, etwa Heparin, vorbeugend verabreicht werden.

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Urintest könnte gerade älteren Patienten das Leben retten

Gerade bei älteren Infizierten führt Covid-19 schnell zu dramatischen Verläufen, sodass Organe schon schwere Schäden erleiden, bevor die Therapie begonnen werden kann. „Durch das frühe Erkennen des ‘capillary-leak Syndroms’ könnten symptomatische präventive Therapien eingeleitet werden und so vielleicht sogar lebensbedrohliche Verläufe verhindert werden“, so Prof. Scheithauer.

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Der einfache Urintest könnte also direkt bei Einweisung in die Klinik oder auch in Pflegeheimen durchgeführt werden und passende Behandlungsmaßnahmen ermöglichen und so Leben retten.

„Wenn sich die Befunde des Ärzteteams der UMG bestätigen, hätte dies einen nachhaltigen Effekt. So könnte künftig bereits im Vorfeld die Notwendigkeit einer kommenden Behandlung auf Intensivstation vorhergesagt werden“, sagt die Senior-Autorin der Publikation, Prof. Dr. Simone Scheithauer, Direktorin des Instituts für Krankenhaushygiene und Infektiologie der UMG.

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