Coronavirus: Was ist die Reproduktionszahl?

  • Das Coronavirus einzudämmen ist die entscheidende Aufgabe unserer Zeit.
  • Dafür maßgeblich zuständig ist die Reproduktionszahl, die angibt, wie viele Mitmenschen ein Infizierter ansteckt.
  • Laut Chemikerin und Youtuberin Mai Thi Nguyen-Kim können wir alle diese Zahl niedrig halten.
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Hannover. Am Montag tagte das Krisenkabinett zur aktuellen Corona-Lage in Deutschland. Bundeskanzlerin Angela Merkel berichtete anschließend selbst in einer Pressekonferenz über die Ergebnisse der Beratungen. Zur Frage, ob und wann die Maßnahmen zur Corona-Eindämmung gelockert werden können, erwiderte die Kanzlerin: “Es wäre ganz schlecht, würden wir zu schnell aussteigen.” Besonders oft zur Sprache kam dabei der Reproduktionsfaktor. Dieser ist entscheidend für den weiteren Verlauf der Krise.

Wie viele weitere Personen werden angesteckt?

Doch was genau ist der Reproduktionsfaktor? Youtuberin und Chemikerin Mai Thi Nguyen-Kim greift das Thema ausführlich in ihrem Erfolgsvideo “Corona geht gerade erst los” auf Youtube auf. Hier findet sie deutliche Worte zum Thema Maßnahmenlockerung: “Diese Vorstellung ist leider realitätsferne Fantasie.” Warum das so ist, verstehe man bei einem Blick auf die Reproduktionszahl.

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Zunächst: “Die Basisreproduktionszahl R gibt an, wie viele andere ein Infizierter ohne Gegenmaßnahmen durchschnittlich ansteckt, wenn niemand immun ist”, erklärt Nguyen-Kim. Für Sars-CoV-2 liege die Zahl gerade zwischen zwei und drei, das heißt: Jeder Infizierte steckt im Schnitt zwei bis drei weitere Personen an. Entscheidend sei nun, diese Zahl weiter runterzudrücken: “Wenn die Reproduktionszahl auf unter eins fällt, heißt, wenn jeder Infizierte weniger als eine andere Person ansteckt, dann kommt der Ausbruch zum Erliegen.”

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Kontakt muss deutlich reduziert werden

Alle Maßnahmen, die bisher ergriffen wurden, dienen der Senkung der Reproduktionszahl, was effektive Reproduktionszahl genannt wird. “Die effektive Reproduktionszahl gibt an, wie viele andere ein Infizierter ansteckt, nachdem Gegenmaßnahmen ergriffen wurden oder ein Teil der Population immun ist”, so die Chemikerin. Schaut man sich eine Grafik an, laute die Faustregel: Je kleiner die Reproduktionszahl, desto flacher die Kurve (der Erkrankten).

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Eine der wichtigsten Fragen lautet nun: Wie stark muss die Reproduktionszahl sinken, damit die Kurve flach wird? Beziehungsweise, dass sie so flach wird, dass das deutsche Gesundheitssystem die Kurve meistern kann? Im Video erklärt Nguyen-Kim: “Um unser Gesundheitssystem nicht zu überlasten, brauchen wir Maßnahmen, welche die effektive Reproduktionszahl auf einen Bereich zwischen 1,25 und 1,1 senken.” Möglich werde das nur mit “ordentlicher Kontaktreduktion”.

Doch diese Zahl bezieht sich nur auf das Gesundheitssystem. Eine abgeflachte Kurve würde das Virus an sich nicht eindämmen: “Die Reproduktionszahl muss auf unter R 1 sinken. Abflachen alleine würde zu lange dauern. Wir müssen die Kurve stoppen.”

Doch reichen unsere jetzigen Maßnahmen aus, um diesen Wert zu erreichen? “Auf diese Zahlen warten wir gerade, doch bis jetzt kann man sagen: Dass der Lockdown beschlossen wurde, ist definitiv angemessen und richtig”, weiß Nguyen-Kim.

Beispiel verdeutlicht, wie lange Maßnahmen noch gelten könnten

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Eine Rechnung: An Tag X hat Deutschland 70.000 Infizierte und den Wert R 2. Dieser Wert soll auf R 0,5 runtergedrückt werden. Das könne gelingen – aber nur unter allerstrengsten Maßnahmen, “Wuhan-Style-Lockdown” nennt das Nguyen-Kim. Und somit für Deutschland kaum umsetzbar. Unter diesen – unrealistischen – Annahmen würde es bereits 56 Tage dauern, bis Deutschland unter 1000 Fälle zählen würde. “Das soll keine Prognose sein, sondern nur ein Beispielszenario, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie lange das noch dauern könnte."

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Die Bevölkerung braucht “viel Ausdauer”

Geht die Reproduktionszahl auf unter R 1, spricht man auch von Herdenimmunität: “Herdenimmunität ist erreicht, wenn so viele immun sind, dass jeder Infizierte weniger als eine Person ansteckt, die effektive Reproduktionszahl also unter 1 geht”, erklärt Nguyen-Kim. Aber: “Solange wir keinen Impfstoff haben, ist die Pandemie erst vorbei, wenn sich 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung infiziert haben. Denn dann hat man Herdenimmuniät erreicht.”

Bis dahin braucht es vor allem Ausdauer, “viel Ausdauer”, erklärt MaiLab. Bis die jetzigen strengen Maßnahmen nur für Erkrankte gelten, braucht es erst mal strenge Maßnahmen für alle. Nguyen-Kim hofft, dass ihr Video die Menschen nicht entmutigt hat, sondern vielmehr zum Handeln auffordert. “Ich sehe das so: Ich habe lieber einen konkreten Weg vor Augen, als immer nur im Ungewissen gehalten zu werden.” Der konkrete Weg aus der Epidemie und um die Reproduktionszahl auf unter 1 zu drücken, lautet also: Maßnahmen einhalten.

RND/Alice Mecke

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