Corona: Wer stoppt das Virus?

  • Die Coronavirus-Krise ist längst mehr als ein chinesisches Problem.
  • Weltweit wächst die Sorge, dass das neuartige Virus eine globale Pandemie verursacht.
  • Wie gut sind die Behörden auf die Ankunft des Erregers vorbereitet?
Fabian Kretschmer
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Erstmals ist in Deutschland eine Infektion mit dem neuartigen Coronavirus bestätigt worden. Ein Mann aus dem Landkreis Starnberg in Bayern habe sich mit dem Erreger infiziert, teilte ein Sprecher des Gesundheitsministeriums in München am späten Montagabend (03.02.2020) mit.

Was, wenn sich der Erreger aus China auch in Europa breitmacht? Drohen dann martialische Maßnahmen mit abgeriegelten Städten, Militär auf den Straßen wie in China? Dass es in Deutschland nicht bei Verdachtsfällen bleiben würde, davon gehen die Behörden seit Tagen fest aus.

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Wie sich das Coronavirus bisher ausbreitete
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Chronologie des Virus, das sich rasend schnell ausbreitet und mit dem sich immer mehr Menschen infizieren.
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Japan und die USA holen ihre Bürger nach Hause

Die Bilder vom Krisenmanagement in der Volksrepublik entfalten auch hierzulande schon Wirkmacht. In Berlin ist am Montag der Krisenstab zusammengekommen. Außenminister Heiko Maas teilt mit, dass die Evakuierung „einer zweistelligen Zahl“ von Deutschen aus China in Betracht gezogen wird. Japan und die USA holen ihre Bürger bereits nach Hause, Großbritannien bereitet eine Evakuierung vor.

Sind das alles vernünftige Vorsichtsmaßnahmen – oder breitet sich Panik aus? Die Weltgesundheitsbehörde (WHO) hat jedenfalls bis Montagabend den Notfall noch nicht ausgerufen. Sie spricht nur davon, dass die Coronavirus-Krise sich „zur Notlage entwickeln könnte“.

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In China fühlt sich das schon ganz anders an.

Durchhalten: Die Regierung appelliert an die Bevölkerung

In blauer Schutzausrüstung hat sich Premierminister Li Kequiang aufgemacht in die Krankenhäuser der Stadt Wuhan, wo alles seinen Anfang nahm. Über Walkie-Talkie erkundigt sich der 64-Jährige nach dem Wohlbefinden eines Quarantänepatienten. Dann besucht er die Baustelle, auf der eine Tausend-Betten-Klinik Form annimmt. Ob sie irgendwelche Schwierigkeiten erlebt hätten, will Li von den Bauarbeitern wissen. „Nein“, rufen sie im Chor zurück.

Das ganze Land verfolgt die Szene. Mit Durchhaltevideos wie diesen appelliert die Regierung an den Patriotismus der Bevölkerung.

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Schnell erklärt: Das Coronavirus
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In China breitet sich die von einem bislang unbekannten Virus verursachte Lungenkrankheit weiter aus, und die Suche nach einem Heilmittel läuft.  © Rasmus Buchsteiner, Fabian Kretschmer/AFP

Denn die Bedrohungslage durch das Coronavirus hat sich erneut zugespitzt: Die Behörden haben bis Montagabend 81 Tote bestätigt und rund 3000 Infizierte. Kein Zweifel besteht daran, dass die Zahl in den nächsten Tagen weiter steigen wird: Mindestens 6000 Patienten gelten als Verdachtsfälle, die Labortests laufen noch. Mehrere hundert Infizierte befinden sich zudem in kritischem Zustand (Stand: 05.02.2020).

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Chinas Behörden ergreifen drastische Maßnahmen

Um das Virus eindämmen zu können, haben die Behörden nun nochmals drastischere Maßnahmen eingeleitet: Zum ersten Mal in der Geschichte des Landes wurde die Ferienwoche zum Neujahrsfest um drei Tage verlängert. So möchte man verhindern, dass die Abermillionen Chinesen, die sich derzeit auf Familienbesuch in den Provinzen des Landes befinden, nicht so schnell wieder in die Metropolen an den Ostküsten des Landes zurückreisen – und den Erreger möglicherweise weiter durch das Land tragen.

Die Frage ist nur, nicht allein in China: Was ist mit den zehntausenden Reisenden, die die Ferienzeit genutzt haben zum Verwandtenbesuch im Ausland? Nicht nur in Asien, sondern auch in den USA, in Kanada, in Europa? Europäische Touristenziele erleben in den Neujahrstagen traditionell einen Ansturm chinesischer Urlauber.

Die Lokalregierung in Peking hat erst einmal den Semesterbeginn für sämtliche Schulen und Universitäten auf unbestimmte Zeit verschoben. In Schanghais Schulen ist der Unterricht bis zum 17. Februar verboten, Tagesstätten für Kleinkinder müssen geschlossen bleiben.

Auch Chinas Wirtschaft krankt

Bei diesen Einschränkungen wird es voraussichtlich nicht bleiben. Die Stadt Suzhou, bekannt als ostchinesisches Zentrum der Fertigungsindustrie, ging noch einen Schritt weiter und wies die Arbeiter der Stadt an, bis zum 9. Februar zu Hause zu bleiben. Auch das riesige IT-Konglomerat Tencent aus Shenzhen hat eine ähnliche Weisung an seine Angestellten herausgegeben.

So sinnvoll solche Maßnahmen aus epidemiologischer Sicht sind, machen sie doch gleichzeitig deutlich: Der Virusausbruch wird auch zu schwerwiegenden wirtschaftlichen Einbußen führen.

An Neujahr bleiben die meisten Chinesen zu Hause

Die Epidemie schlägt zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt zu: Die Neujahrswoche ist normalerweise eine der wichtigsten Perioden für den Konsum. 2019 gaben die Chinesen in dieser Zeit umgerechnet 135 Milliarden Euro aus – für Festessen, Reisen, Shoppen. Dieses Jahr jedoch bleiben die meisten Familien zu Hause, anstatt in Restaurants oder Einkaufszentren zu gehen. Kinos und Vergnügungsparks sind ohnehin geschlossen.

Das wird die angeschlagene Wirtschaft weiter schwächen, der Inlandskonsum ist einer der Pfeiler für das Wirtschaftswachstum des Landes. Derzeit steigt das Bruttoinlandsprodukt mit 6,1 Prozent ohnehin so langsam wie seit 30 Jahren nicht mehr – auch wegen des Handelskriegs mit Washington in den letzten zwei Jahren.

Aus Sorge: Reisen nach China sind storniert

Die jüngsten Maßnahmen zur Eindämmung des Virus werden sich auf jeden Fall schon bald bemerkbar machen – auch für das Ausland: Sämtliche Gruppenreisen wurden in China gestoppt, sowohl für internationale Touristen als auch für Chinesen.

Auch der deutsche Reiseveranstalter Studiosus hat alle Reisen nach China bis Mitte April abgesagt. Zuvor hatte das Auswärtige Amt in Berlin dazu geraten, nicht notwendige Reisen in die betroffenen Gebiete zu verschieben. Es ist nur einer von vielen Versuchen, das rätselhafte Virus vom eigenen Land fernzuhalten. Nur: Von den 650.000 Menschen, die jährlich nach China fliegen, sind fast zwei Drittel Geschäftsreisende. Sie werden weniger bereitwillig verzichten.

Bisher ist das Coronavirus außerhalb Chinas noch nicht von Mensch zu Mensch übertragen worden. Die Sterberate bei den bekannten Infektionen sei aber bisher nicht besonders hoch, sagt Professor Lothar Wieler, Präsident des Robert-Koch-Instituts.

„Bisher“ – das Wort findet sich überall in Statements und offiziellen Lagebildern zur Ausbreitung des Erregers. Tatsächlich wären die Verantwortlichen nicht gut beraten, irgendeine Entwicklung auszuschließen.

Die WHO hat aus vergleichbaren Krisen gelernt

Das Virus kann sich verändern. Es wäre sogar eine Überraschung, wenn es das nicht täte. Eine weltweite Pandemie mit voneinander unabhängigen Infektionsketten – das wäre das schlimmste Szenario.

Wo immer man auch nachfragt in diesen Tagen, stets ist zu hören, dass Wissenschaft und Gesundheitsbehörden eine Lernkurve hinter sich haben. Die WHO hat aus vergleichbaren Krisen, die schnelle Lagebeurteilungen und Koordinierung erforderten, gelernt – seien es die Erfahrungen mit Sars, mit Ebola oder dem Coronavirus Mers, das im arabischen Raum um sich griff. Das alles hat geholfen, Kommunikationswege zu erproben und Behörden weltweit zu vernetzen.

Gesundheitsämter: Wir sind gut vorbereitet

Stand: 27. Januar 2020, 17 Uhr Quellen: SZ, Nationale Gesundheitskommission China, WHO, CDC, RKI, SCMP, Imperial College London. © Quelle: RND

„Wir sind gut vorbereitet.“ Das sagt nicht nur Lothar Wieler. Der Satz ist auch als Einschätzung aus vielen Gesundheitsämtern zu hören. Sie führen Regie, wenn wie zuletzt in Berlin, Iserlohn oder Peine Patienten auf den Erreger getestet werden. Streng genommen handelt es sich allerdings nur um Verdachtsfälle, wenn jemand im Risikogebiet war, und es Hinweise auf eine akute Infektion der unteren Atemwege gibt.

Aus der Krisenregion rund um die Elf-Millionen-Metropole Wuhan gibt es keine direkte Flugverbindung nach Deutschland. Dort, wo Passagiere aus der Volksrepublik ankommen könnten – und sei es, nachdem sie anderswo umgestiegen sind –, stehen Flughäfen und Gesundheitsbehörden in besonders engem Kontakt.

Appell an die Vernunft

Die Bundesregierung wollte am Montag auf Einreisebeschränkungen oder vorsorgliche Tests, setzt stattdessen auf Appelle. „Wir sensibilisieren Flugpassagiere aus China. Sie werden angehalten, sich direkt beim Arzt zu melden, sollten Fieber oder Symptome von Atemwegserkrankungen auftreten“, sagte ein Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums dem RND. Bestätigt dieser den Verdacht nicht, ist die Erklärung für die Beschwerden eines Patienten häufig einfach: Es handelt sich um eine gewöhnliche Grippe. In dieser Saison zählt das Robert-Koch-Institut bereits 13.500 Fälle.

Im Epizentrum Wuhan bleibt die Lage indes angespannt: 100.000 Einwegschutzanzüge bräuchten die Krankenhäuser täglich, die Fa­briken können nur ein Drittel davon produzieren. Dem Transportministerium zufolge wurden Tausende Taxis abgeordnet, um Mediziner und Wissenschaftler zu ihrem Arbeitsort zu bringen – nur noch behördlich autorisierte Autos dürfen auf die Straße. Busse und Bahnen stehen still.

Bürger in Peking sind verunsichert

Wie tief verunsichert die Menschen sind, zeigte sich am Montagmorgen in Peking: Riesige Menschenmengen warteten vor dem Westbahnhof darauf, einen Platz in einem der Züge aus der Stadt zu ergattern. In den sozialen Medien kursierten Gerüchte, dass die Hauptstadt möglicherweise ebenfalls unter Quarantäne gestellt wird.

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