Coronavirus: Kritik an Märkten mit Wildtieren in China wird lauter

  • Der Handel mit Wildtieren erhöht das Übertragungsrisiko von für den Menschen gefährlicher Coronaviren.
  • Das Faible gerade reicherer Chinesen für exotische Tier-Delikatessen stößt angesichts der akuten Covid-19-Krise auf immer mehr Kritik.
  • In China wird über ein komplettes Wildtierhandel-Verbot nachgedacht.
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Peking. Nach der raschen Ausbreitung eines neuen Virus im Jahr 2002 hatte China die Regeln für den Wildtierhandel verschärft – mehrere Hundert Menschen waren der damaligen Sars-Epidemie zum Opfer gefallen. Später wurden die Regeln jedoch wieder gelockert. Bald darauf waren wieder die exotischsten Tiere im Angebot. Nun sorgt ein weiterer Erreger aus der Familie der Coronaviren weltweit für Unruhe. Und auch dieser soll seinen Ursprung in einem der umstrittenen Märkte haben.

Schon wenige Wochen nach dem Ausbruch (Stand: 16. Februar) sind mehr als 1500 Menschen an den Folgen einer Infektion gestorben, mehr als 66.000 an de Lungenkrankheit Covid-19 erkrankt. Um die Ausbreitung einzudämmen, setzen die Behörden unter anderem auf eine Massen-Quarantäne: Mehr als 60 Millionen Chinesen in den betroffenen Regionen dürfen sich nicht mehr frei bewegen. Gleichzeitig mehren sich Forderungen, den Handel mit lebenden Wildtieren in der bisherigen Form endgültig zu verbieten.

Exotische Tiere als Delikatesse für wohlhabende Chinesen

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Die Krise hat auch eine sozialpolitisch heikle Komponente. Denn die “Lebendtiermärkte” richten sich primär an eine eher kleine Gruppe von wohlhabenden Chinesen, die die exotischen Tiere als Delikatessen betrachten. Der Ausbruch führt darüber hinaus vor Augen, dass derartige Probleme wegen der Globalisierung niemals nur lokal sind: Die Art des Umgangs mit Tieren an irgendeinem Ort in irgendeinem Land betrifft im Ernstfall eben jeden auf der Welt.

"Es gibt eine riesige Zahl von Viren in der Tierwelt, die sich noch nicht auf Menschen übertragen haben, die dies aber potenziell tun könnten", sagt der US-Mediziner Robert Webster vom St. Jude Children's Research Hospital in Memphis in Tennessee. Sars und die aktuell sich ausbreitende Lungenkrankheit Covid-19 sind nicht die einzigen Erkrankungen, die auf Tiere zurückgeführt werden. Die jüngsten Ebola-Epidemien in Afrika werden ebenfalls mit Wildtierhandel in Verbindung gebracht. Die Vogelgrippe hatte ihren Ausgang vermutlich 1997 in Hühnern auf einem Markt in Hongkong.

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Wildtierhandel als Übertragungsweg von Coronavirus

Wissenschaftlich ist noch nicht abschließend geklärt, wie das aktuelle Coronavirus Menschen befallen konnte. Vieles deutet darauf hin, dass es ursprünglich von Fledermäusen stammt, die zunächst ein anderes Tier ansteckten. Von diesem wiederum soll das Virus auf einem Markt in der chinesischen Stadt Wuhan auf Menschen übergegangen sein. Der inzwischen geschlossene Markt hatte Dutzende Arten im Angebot gehabt, darunter Riesensalamander, Baby-Krokodile und Marderhunde. Auch wenn diese zum Teil von Zuchtbetrieben stammten, galten sie oft als Wildtiere.

Ähnlich wie auf vielen ähnlichen Märkten in Asien wurden in Wuhan lebende Tiere präsentiert, angebunden oder in Käfigen. Laut Aktivisten ist es dabei sehr schwer, zwischen solchen zu unterscheiden, die aus legalen Betrieben stammen, und solchen, die illegal gejagt werden. Beim Verkauf werden die Tiere oft erst vor Ort geschlachtet. Die oft schlechten hygienischen Bedingungen erhöhen dabei die Gefahr der Übertragung von Krankheiten.

“Es gibt dort lebende Tiere, also liegen dort überall Fäkalien herum. Es gibt Blut, weil die Leute sie dort zerhacken”, sagt Peter Daszak, Leiter der Organisation EcoHealth Alliance. Das zunehmende globale Reisen und der globale Handel hätten wiederum zur Folge, dass sich eine Infektion sehr viel schneller ausbreiten könne.

Neue Regeln für Handel mit Wildtieren gefordert

Das Faible der Chinesen für Wildtiere sei relativ neu und habe sich erst mit dem wirtschaftlichen Wachstum etabliert, sagt Peter Li, der an der University of Houston zur Politik des asiatischen Landes forscht. Nun, da der Coronavirus-Ausbruch den Alltag von Millionen Menschen auf den Kopf gestellt habe, würden viele Chinesen in den Sozialen Medien ihren Ärger darüber ausdrücken, dass der Appetit reicher Leute auf exotische Tiere erneut auch alle anderen in Gefahr bringe.

Inzwischen gibt es Anzeichen dafür, dass die Regierung in Peking diesmal dauerhafte Änderungen für den Handel mit Wildtieren anpeilt. Präsident Xi Jinping sagte kürzlich, das Land solle illegalen Wildtierhandel "entschlossen ächten" und dabei "hart durchgreifen", weil dieser eine Gefahr für die öffentliche Gesundheit darstelle.

Komplett-Verbot für das Geschäft mit Wildtieren in China?

In der östlichen Provinz Anhui haben die Behörden Farmen versiegelt, in denen Tiere wie Dachse und Bambusratten gezüchtet werden. In der Hafenstadt Tianjin wurden nach offiziellen Angaben sechs Händler festgenommen. Drei von ihnen sollen unter anderem Pythonschlangen und Papageien verkauft haben. Insgesamt wurden seit dem Coronavirus-Ausbruch landesweit 1,5 Millionen Märkte und Online-Händler überprüft. Etwa 3700 Märkte sollen geschlossen und etwa 16.000 Zuchtstätten verriegelt worden sein.

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Ob diese Maßnahmen einen Unterschied machen werden, bleibt abzuwarten. Bislang sei es nicht nur schwierig gewesen, auf den "Wet Markets" zwischen legal gezüchteten und illegal gefangenen Tieren zu unterschieden, sagt Jinfeng Zhou von der in Peking ansässigen Organisation China Biodiversity, Conservation and Green Development Foundation. Die Gesetze seien auch locker ausgelegt und Vergehen kaum verfolgt worden. Das Geschäft mit Wildtieren sei so profitabel, dass es nur durch ein komplettes Verbot gestoppt werden könne, sagt der Aktivist. "Die Profite sind enorm", fügt er hinzu, "wie bei Drogen".

Ähnliche “Wet Markets” auch in Indonesien und Kamerun

Andere Experten bezweifeln, dass ein Komplettverbot ein realistischer Weg wäre, um die Risiken zu minimieren – zumal Wildtiere gerade in ärmeren Regionen eine wichtige Nahrungsquelle sein können. Daszak von der Organisation EcoHealth Alliance spricht sich eher für bessere Regulierung, Überwachung und Aufklärung aus. Wenn die Tiere in Betrieben gehalten würden, sei es schließlich auch besser möglich, sie auf Erkrankungen hin zu untersuchen, sagt er.

Aber selbst wenn China das Problem nun schnell in den Griff bekommen sollte – der Handel mit Wildtieren würde in anderen Regionen der Welt vermutlich weitergehen. Beim Besuch von Märkten in Indonesien und Kamerun stießen Reporter der Nachrichtenagentur AP erst kürzlich auf ähnliche Zustände wie auf den "Wet Markets" in China – Fledermäuse, Hunde, Ratten, Krokodile und Schlangen wurden auch dort unter fragwürdigen hygienischen Bedingungen vor Ort geschlachtet und gegrillt.

RND/ AP

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