Coronavirus in Italien: Zwischen “Alles wird gut” und “Wir befinden uns im Krieg”

  • In Italien spitzt sich die Situation in den Spitälern wegen der Coronavirusepidemie täglich zu.
  • Es herrscht ein dramatischer Mangel an Betten für die Intensivpflege; inzwischen wird die Schaffung von Feldlazaretten erwogen.
  • “Ich fühle mich wie ein Soldat, der seine Kameraden verliert”, sagt ein Arzt.
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Am Samstag um 12 Uhr sind Hunderttausende Italiener auf die Balkone ihrer Wohnungen getreten, um zu klatschen: Der langanhaltende Applaus galt dem medizinischen Personal im ganzen Land, das in diesen Tagen beinahe Übermenschliches leistet, um den immer zahlreicheren Covid-19-Patienten zu helfen und sie in den überlasteten Intensivstationen am Leben zu erhalten. Ärzte, Krankenschwestern, Pfleger, medizinisches Hilfspersonal, Medizinstudenten: Sie sind längst zu den neuen Helden Italiens geworden.

Auf Twitter machen sich Menschen Mut: #tuttoandràbene – alles wird gut. In den Kliniken fehlen die Betten

Auch das ist Italien in der Coronakrise: Die Bewohner von Mailand veranstalteten ein spontanes Balkonkonzert, auf Twitter wurde der Hashtag „#tuttoandràbene – alles wird gut“ zum Trend. © Quelle: imago images/Independent Photo Agency Int.
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Die Menschen singen auf Balkonen, in den Provinzen spitzt sich die Lage zu

Vor allem in den lombardischen Provinzen Bergamo und Brescia, die inzwischen als die beiden wichtigsten Infektionsherde des Landes gelten, wird die Situation von Tag zu Tag dramatischer: Trotz der drastischen Quarantänemaßnahmen, die von der Regierung in den letzten Tagen verhängt worden sind, steigt die Zahl der Infizierten rasant an. Aus der Provinz Bergamo werden täglich rund 300 neue Fälle gemeldet, in Brescia sind es etwa 250; etwa jeder zehnte von ihnen benötigt Intensivpflege oder muss zumindest mit zusätzlichem Sauerstoff versorgt werden.

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In einer einzigen Woche beklagten die beiden Provinzen mehr als 400 Tote, in Bergamo bis zu 61 pro Tag. Nicht viel besser ist die Situation in der Region Venetien. “Wir befinden uns im Krieg”, erklärte Regionalpräsident Luca Zaia mit Blick auf den Notstand in den Spitälern.

Bettenmangel: Ärzte entscheiden über Leben und Tod

Das medizinische Personal in vielen Krankenhäusern Norditaliens muss sich an eine neue Abkürzung gewöhnen: “NCR”. Das steht für “non candidabile alla rianimazione” – und bedeutet so viel wie “kann nicht in der Reanimation aufgenommen werden”. Der Mangel an Betten auf den Intensivstationen hat dazu geführt, dass die Ärzte in bestimmten Fällen über Leben und Tod entscheiden müssen: “Wenn jemand zwischen 80 und 95 Jahre alt ist und große Atemprobleme hat, reservieren wir die wenigen noch vorhandenen Plätze für Patienten mit größeren Überlebenschancen.”

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Das Gleiche gilt, wenn eine mit dem Virus infizierte Person eine Insuffizienz in drei oder mehr lebenswichtigen Organen aufweist”, betont der Narkosearzt Christian Salaroli aus Bergamo. Diese Patienten kommen in der Regel direkt in die Palliativmedizin, also in die Abteilung der Sterbenden.

Klinikpersonal arbeitet in 18-Stunden-Schichten

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Das Personal in den Krankenhäusern, das wegen der stetig wachsenden Zahl von Covid-19-Patienten zum Teil 18-Stunden-Schichten leistet und kaum noch einen freien Tag nehmen kann, ist an der Grenze der physischen und psychischen Belastbarkeit angelangt. “Die Patienten, die uns mit angstvollen Augen ansehen, brechen mir das Herz”, sagte die Mailänder Pflegefachfrau Maria Cristina Settembrese gegenüber dem “Corriere della Sera”.

Sie berichtete von einem 48-jährigen Covid-19-Patienten, der gerade intubiert und dafür in Narkose versetzt werden sollte: “Er hat mir die Hand gegeben und gesagt: ‘Schwöre mir, dass ich wieder aufwachen werde. Ich habe zwei Kinder.’” Sie habe den ganzen Tag an ihn denken müssen; ihre Schutzmaske sei nass gewesen von den Tränen.

Das Gesundheitssystem Italiens, das eigentlich zu den besten der Welt zählt, war zumindest bezüglich der Intensivmedizin nicht ausreichend auf die Coronakrise vorbereitet: Für 60 Millionen Einwohner stehen im ganzen Land nur 5200 Plätze auf Intensivstationen zur Verfügung. In Deutschland mit seinen 80 Millionen Einwohnern sind es rund 30.000.

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Lombardei, Venetien und Emilia-Romagna: Die Fallzahlen steigen rasant

Noch viel schlimmer sieht es im Süden Italiens aus: Sollten im Mezzogiorno die Fallzahlen ebenfalls massiv ansteigen – was sie derzeit zum Glück noch nicht tun –, droht laut einhelliger Expertenmeinung innerhalb von kurzer Zeit eine medizinische Katastrophe. In den am meisten betroffenen norditalienischen Regionen Lombardei, Venetien und Emilia-Romagna sind die Gesundheitsbehörden unter Hochdruck dabei, die Zahl der verfügbaren Intensivbetten zu erhöhen. Meistens geschieht dies durch die Reorganisation der Spitäler, wo ganze Abteilungen geräumt und zu Stationen der Intensivtherapie umfunktioniert werden.

Sind Feldlazarette eine Lösung?

Doch der Schließung bestehender Abteilungen zugunsten der Covid-19-Patienten sind Grenzen gesetzt: Die medizinische Betreuung der anderen Kranken muss ebenfalls gewährleistet werden. Deshalb wird inzwischen auch die Einrichtung von Feldlazaretten erwogen. So soll in Brescia auf dem Messegelände in den nächsten Tagen ein neues Lazarett für 200 Lungenpatienten der Coronakrise entstehen.

Das Gleiche plant auch der Regionalpräsident der Lombardei, Attilo Fontana, auf dem Messegelände von Mailand. Das Lazarett dort soll 500 Patienten Platz bieten. Doch der nationale Zivilschutz bremst: Es seien weder die erforderlichen Einrichtungen wie Beatmungsgeräte vorhanden, noch sei kurzfristig genügend medizinisches Personal rekrutierbar, das in diesen Feldspitälern eingesetzt werden könnte.

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Stillstand in Italien – Geschäfte bleiben zu
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Angesichts deutlich zunehmender Infektionen und Todesfälle verschärft Italien die Einschränkungen zur Eindämmung der Virusepidemie.  © Reuters

Zahlreiche Ärzte sind ebenfalls infiziert

Außerdem gibt es ein weiteres, enormes Problem, das sich in Kürze auch in anderen Ländern stellen dürfte: Zahlreiche Ärzte und Pfleger sind in Italien inzwischen selbst infiziert und fallen aus; einige sind bereits gestorben. “Ich fühle mich wie ein Soldat, der seine Kameraden verliert”, sagt Giuseppe Remuzzi, der bis vor zwei Jahren die medizinische Klinik Giovanni XXVIII in Bergamo geleitet hatte. Einer seiner ehemaligen Oberärzte befindet sich in kritischem Zustand auf der Pneumologie, zwei andere Kollegen sind intubiert. “Wenn ich mitansehen muss, wie die langjährigen Mitarbeiter und Freunde fallen, während der Feind vorrückt, dann ist mir zum Weinen zumute. Das ist fast nicht auszuhalten”, betont Remuzzi. Insgesamt wurden allein in der Provinz Bergamo 77 Ärzte positiv auf das Coronavirus getestet.

Die Schaffung neuer Plätze in der Intensivmedizin ist ein Wettlauf mit der Zeit: Laut einer in diesen Tagen in der britischen Wissenschaftszeitschrift “Lancet” veröffentlichten italienischen Studie wird die Zahl der Infizierten in Italien ihren Höhepunkt voraussichtlich in etwa drei bis vier Wochen erreichen; bis zu diesem Zeitpunkt seien mindestens 4000 neue Betten auf Intensivstationen erforderlich.

Regierung verspricht Kredite für mehr Personal

Die Regierung von Giuseppe Conte hat zwar schon vor einer Woche Kredite für die Neueinstellung von 20.000 Personen im Gesundheitsbereich versprochen, und in Kürze soll ein weiterer Kredit für die Beschaffung von 5000 zusätzlichen Beatmungsgeräten bewilligt werden, doch die bange Frage lautet: Können die 4000 benötigten Plätze rechtzeitig zur Verfügung gestellt werden? Und vor allem: Werden sie ausreichen?

RND

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