Coronavirus: Gerüchte aus dem Internet im Faktencheck

  • Seit dem Ausbruch des Coronavirus in China gibt es zahlreiche Gerüchte.
  • Viele Behauptungen sind schlichtweg falsch. Andere haben einen wahren Kern.
  • Lesen Sie hier einen Überblick über die Fakten.
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Hannover. Das neuartige chinesische Coronavirus beschäftigt die Welt – und wirft viele Fragen auf. Die Wissenslücken, die sich daraus ergeben, veranlassen Verschwörungstheoretiker im Internet zu verschiedensten Mutmaßungen. Wir haben eine Übersicht erstellt, die zeigt, welche Mythen kursieren und was dran ist.

Behauptung: „Das Coronavirus wurde in einem Labor entwickelt“

Bislang gehen Experten davon aus, dass das neuartige Coronavirus seinen Ursprung auf einem Wildtiermarkt im zentralchinesischen Wuhan hat. Mit Nachweisen von Patentanmeldungen wollen nun einige Portale und private Nutzer belegen, dass das Virus in einem Labor entwickelt wurde. Das Ziel: die Vermarktung von Impfungen.

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Video
Wie sich das Coronavirus bisher ausbreitete
2:02 min
Chronologie des Virus, das sich rasend schnell ausbreitet und mit dem sich immer mehr Menschen infizieren.

Tatsächlich existieren Patente auf ausgewählte Gensequenzen der Coronaviren. Allerdings sind die Corona eine große Familie von Viren. Dazu gehört beispielsweise der Erreger der Sars-Epidemie in den Jahren 2002 und 2003. Ein Patent betreffe einen Erregertypen in diesem Zusammenhang, erklärt der Virologe Matthew Frieman auf factcheck.org, einer Initiative der University of Pennsylvania. Ein anderes Patent wiederum beschreibe eine mutierte Form des Virus, das Geflügel befällt. Die Mutationen, die zu einer Schwächung des Erregers führten, würden in der Tat genutzt, um an Impfstoffen zu forschen. Mit der aktuell aktiven Variante des Coronavirus hingegen, also der Form 2019-nCoV, habe keines der Patente zu tun.

Lungenkrankheit aus dem Labor: Labor für Biosicherheit in Wuhan

Einen weiteren vermeintlichen Beweis dafür, dass das Coronavirus in einem Labor entwickelt wurde, führt die „Washington Times“ an. Ihr habe ein ehemaliger israelischer Geheimdienstmitarbeiter erklärt, das Virus könnte aus dem nationalen chinesischen Labor für Biosicherheit in Wuhan gekommen sein.

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Das Zentrum wurde tatsächlich im Jahr 2015 in Wuhan eröffnet. Zudem darf in dem Labor mit Biostoffen, die „eine schwere Krankheit beim Menschen hervorrufen und eine ernste Gefahr für Beschäftigte darstellen“, gearbeitet werden, da es sich um eine Hochsicherheitseinrichtung handelt. Die biologische Schutzstufe 4 bedeutet allerdings entsprechend ausgiebige Sicherheitsvorkehrungen.

Behauptung: „Katzen und Hunde können das neuartige Coronavirus auf den Menschen übertragen.“

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Diese Behauptung verbreitete sich in China wie ein Lauffeuer, ihr liegt jedoch ein falsch wiedergegebenes oder interpretiertes Zitat zugrunde. Die Epidemilogin Li Lanjuan sagte im chinesischen Staatsfernsehen „Wenn Tiere in Kontakt mit infizierten Personen kommen, besteht die Gefahr, dass sie sich infizieren. In so einem Fall sollten auch Haustiere isoliert werden." In der englischsprachigen „China Daily" war dann die Schlagzeile „Katzen und Hunde können das Coronavirus verbreiten" zu lesen, wie mehrere Medien, wie zum Beispiel der „Business Insider" berichteten. Dieses Gerücht verbreitete sich dann auf der in China beliebten Social-Media-Plattform Weibo - auch wenn der ursprüngliche Bericht der „China Daily“ korrigiert wurde.

Dieses Gerücht hat ungeahnte Ausmaße angenommen. Chinesische Beamte töten frei laufende Hunden und Katzen, um die Ausbreitung von Covid-19 zu verhindern, wie etwa die britische Tageszeitung „Daily Mail“ berichtet und das mit verstörenden Bildern und Videos einer chinesischen Nachrichtenagentur belegt.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) reagierte mit einem Post, in dem es heißt: „Zum aktuellen Zeitpunkt gibt es keinen Hinweis darauf, dass Haustiere wie Hunde oder Katzen sich mit dem Coronavirus infizieren können.“

Den Tieren droht jedoch noch eine weitere Gefahr. Aufgrund der rasanten Ausbreitung des Coronavirus wurden zahlreiche Städte abgeschottet. Dadurch stecken Millionen Menschen fest – und das betrifft sowohl diejenigen in den Städten als auch solche, die ihr Zuhause vor den Sperrungen verlassen haben und jetzt nicht mehr zurück können.

Die Folge: Viele Haustiere wurden zurückgelassen und drohen zu verhungern. Chinese Tierschützer schätzen die Zahl auf etwa 50.000. Tierschutz-Aktivisten brechen sogar in Wohnungen ein, um die abgemagerten Tiere zu retten, wie die Nachrichtenagentur „Reuters“ berichtet.

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Behauptung: „Bill Gates hat mit dem Coronavirus zu tun, da seine Stiftung davon profitieren würde“

Die Behauptung, das Coronavirus sei in einem Labor entwickelt worden, führte zu dubiosen Theorien um den Unternehmer und Milliardär Bill Gates. Der Grund: Eines der genannten Patente wird vom englischen Pirbright Institut gehalten, das von der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung unterstützt wird. Gates würde daher von einer Ausbreitung des Virus profitieren. Auch das britische Umweltministerium, die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und die EU-Kommission gehören zu den Geldgebern.

Es gibt tatsächlich ein Patent von 2015 mit dem Titel „Coronavirus“ des Pirbright Instituts. Allerdings handelt es sich dabei um ein Patent zur Impfstoffentwicklung gegen ein Geflügelvirus. Diese Forschungen haben nichts mit der derzeitigen Ausbreitung zu tun. Nach Angaben des Europäischen Patentamts (EPA) beinhaltet ein Patent keine Erlaubnis, „eine Erfindung zu benutzen, in den Verkehr oder – wie im Fall von Medikamenten – auf den Markt zu bringen“. Dies regelten andere Gesetze.

Behauptung: „Gates hat schon Wochen vor dem Ausbruch des Virus 65 Millionen Tote prognostiziert“

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Am 18. Oktober 2019 hält ein ranghohes Expertengremium in New York die Simulationsübung „Event 201“ ab. Veranstalter sind das Johns Hopkins Center for Health Security, das Weltwirtschaftsforum und die Gates-Stiftung. Die Übung hat nach Angaben der Veranstalter das Ziel, die Einsatzbereitschaft von Behörden und privaten Organisationen im Falle einer weltweiten Epidemie (Pandemie) zu verbessern, um größere Schäden für Wirtschaft und Bevölkerung zu verhindern.

In der vergangenen Woche widersprach das Johns Hopkins Center den Behauptungen, es habe im Oktober einen bevorstehenden Ausbruch vorhergesagt oder 65 Millionen Tote durch das aktuelle Coronavirus „prognostiziert“. Vielmehr habe man für die Veranstaltung ein Szenario entworfen. Darin ging man von einer Gesamtzahl von 65 Millionen Toten aus, wenn keine Abwehrmaßnahmen koordiniert würden.

Behauptung: „Eine Suppe aus Fledermausfleisch ist für die Ausbreitung des Virus verantwortlich“

Welches Tier der ursprüngliche Träger des Virus war, ist bislang nicht bekannt. Zuerst gab es Gerüchte, das Virus sei von Schlangen übertragen worden, später hieß es, Fledermäuse seien es. Auch mehrere Medien, beispielsweise die britische Boulevardzeitung „The Sun“, berichteten, es könnte eine Fledermaus gewesen sein. Daher hat sich diese Variante stark verbreitet. Woher das neuartige Coronavirus jedoch genau kommt, ist bisher noch nicht bekannt. Wissenschaftler sind eher nach dem Ausschlussverfahren vorgegangen. Sie haben die Gensequenzen aller bisher bekannten Coronaviren untersucht. Die Gensequenzen des bei Fledermäusen vorkommenden Virus seien dem neuen Coronavirus am ähnlichsten, heißt es. Das bestätigte auch Professor Guizhen Wu vom chinesischen Zentrum für die Kontrolle und Prävention von Krankheiten des Gesundheitsministeriums von China.

Die angeführte Erklärung in vielen Berichten: Suppe aus Fledermausfleisch ist in China beliebt und wurde auf einem Fleischmarkt in Wuhan, dem Huanan Seafood Market, verkauft. Deshalb seien sowohl die Ansteckung als auch die rapide Ausbreitung wahrscheinlich.

Nach wissenschaftlichen Untersuchungen stellte sich heraus, dass 14 der bestätigten Fälle im Dezember in keinem Zusammenhang zum besagten Markt stehen. Das gelte auch für die allererste Infektion. Die Behauptung, der Markt sei die Quelle des Virus, ist daher noch nicht belegt. Hinzu komme, dass für eine Infektion ein direkter Kontakt mit Blut oder der Verzehr von rohem Fleisch vonnöten ist. Gekochtes Fleisch stelle keine Gefahr dar, wie WHO-Experte David Heymann dem Internetportal web.de erklärte.

Behauptung: „Es gibt eine weltweite Pandemie des Coronavirus“

Tritt eine Infektionskrankheit sowohl stark gehäuft als auch örtlich und zeitlich begrenzt auf, ist von einer Epidemie die Rede. Breitet sich die Erkrankung weltweit aus, handelt es sich um eine Pandemie. Bislang ist diese Situation in Bezug auf das Coronavirus der Weltgesundheitsorganisation (WHO) nach aber noch nicht eingetroffen. Auf einer Tagung am 22. Januar hieß es, für diese Bezeichnung sei es „zu früh“.

Behauptung: „Das Coronavirus ist weitaus schlimmer, als man euch glauben machen möchte“

Die Behauptung geht aus einem Youtube-Video eines Kanals namens Odysseus hervor, das sich aktuell durch die Verbreitung über Whatsapp großer Beliebtheit erfreut. Dort wird postuliert, das neuartige Coronavirus sei eine mutierte Form des Sars-Virus und daher gefährlicher.

Eine These, die unbelegt ist. Denn sowohl die Anzahl der Infizierten als auch die Zahl der Todesfälle ändert sich täglich. Nach bisherigem Stand der chinesischen Regierung ist das Virus weniger tödlich als der genetisch verwandte Vorgänger. Zudem heißt es seitens des Robert Koch-Instituts (RKI): „Todesfälle traten (…) bisher vor allem bei Patienten auf, die bereits zuvor an schweren Grunderkrankungen litten.“ Dazu zählen beispielsweise Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

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Hamsterkäufe wegen Virenangst: Toilettenpapier wird in Hongkong knapp
0:36 min
Leere Regale wegen des neuartigen Coronavirus: In Hongkong wird Toilettenpapier knapp.  © Jessica Orlowicz/AFP

Coronavirus: Ein Youtube-Video erregt Aufsehen

Das Video zeigt zudem Fotos und Filmsequenzen, auf denen Menschen unter einem bestimmten Hautausschlag leiden. Die Merkmale seien rote Kreise mit schwarzem Punkt in der Mitte, verhärtet und stark juckend.

Virologe Hartmut Hengel erklärte diesbezüglich im Gespräch mit dem ARD-Faktenfinder: „Meiner Kenntnis nach hatten Patienten weder bei Sars noch beim neuartigen Coronavirus einen Hautausschlag, geschweige denn einen spezifischen. Insgesamt enthält das Video eine ganze Reihe von Halbwahrheiten.“ Außerdem seien Aussagen schlicht falsch.

Behauptung: „Wer sich schützen will, sollte öffentliche Plätze und Einreisende meiden“

In dem Youtube-Video gibt der Sprecher außerdem Handlungsempfehlungen, etwa Menschenmassen und Einreisende aus Asien zu meiden. Diese Ratschläge werden weder von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) noch vom Auswärtigen Amt bestätigt. Sie empfehlen vor allem folgende Maßnahmen:

  • Die Husten- und Niesetikette sollte beachtet werden.
  • Der Kontakt mit Personen, die an Atemwegserkrankungen leiden, sollte gemieden werden.
  • Märkte, auf denen tote Tiere verkauft werden, sollten gemieden werden.
  • Der Kontakt mit wilden Tieren sollte umgangen werden.
  • Bei Symptomen wie Fieber, Husten oder Atemschwierigkeiten sollten Betroffene einen Arzt aufsuchen.

Behauptung: „Die Medien belügen uns hinsichtlich der Gefahr der Lungenkrankheit“

Im Internet kursiert zudem das Gerücht, die konventionellen Medien verschwiegen die Gefahr, die von dem Virus ausgeht, und berichteten beispielsweise nicht über die Abriegelung mehrerer Städte in der Region Hubei in China.

Diese These ist nicht wahr. Sowohl öffentlich-rechtliche als auch private Medien berichten seit dem 6. Januar regelmäßig über das Virus, potenzielle Gefahren und die Lage in China.

Behauptung: „Ärzte sind hinsichtlich des neuartigen Virus machtlos“

Dass Ärzte hinsichtlich des Coronavirus machtlos sind, stimmt nicht. Sofort nach der Entzifferung der Erbgutsequenz machten sich Labore weltweit daran, Tests zu entwickeln, die den Erreger in Proben von Patienten möglichst sicher nachweisen. Antivirale Behandlungsmöglichkeiten gibt es der Weltgesundheitsorganisation (WHO) nach zwar nicht. Allerdings können die Symptome behandelt werden.

Des Weiteren wird der Verwaltung von Wuhan nach eine Spezialklinik mit Platz für 1000 Betten gebaut. Sie soll am 3. Februar fertiggestellt sein.

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Coronavirus: Wuhan schafft fieberhaft neue Kliniken
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Im Kampf gegen das neuartige Coronavirus stampft die zentralchinesische Stadt Wuhan zwei Kliniken für infizierte Patienten aus dem Boden.  © Jessica Orlowicz/AFP
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