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Kinder, Schwangere, Klinikpersonal: Die wichtigsten Antikörperstudien in Deutschland

  • Kenntnisse über die tatsächliche Verbreitung des Coronavirus in der Bevölkerung können bei der Bekämpfung der Pandemie helfen, darüber sind sich Virologen einig.
  • Aus diesem Grund startet das Helmholtz-Zentrum nun eine groß angelegte Antikörperstudie.
  • Doch damit sind die Wissenschaftler nicht alleine – ein Überblick über wichtige Studien in Deutschland.
Michèle Förster
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Seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie haben sich laut Daten des Robert-Koch-Instituts nachweislich 195.674 Menschen in Deutschland mit Sars-CoV-2 infiziert (Stand: 03. Juli 2020). Doch Experten gehen dabei von einer hohen Dunkelziffer aus, denn nicht jede Infektion wird entdeckt. Besonders die symptomfreien und leichten Krankheitsverläufe, die häufig mit einer Erkältung verwechselt werden, werden in der RKI-Statistik überwiegend nicht erfasst. Die Infizierten entwickeln jedoch Antikörper. Ein entsprechender Test kann darüber Auskunft geben.

Helmholtz-Zentrum startet bundesweite Antikörper-Studie

Um zu erforschen, wie viele Menschen bereits tatsächlich mit Covid-19 in Berührung gekommen sind, werden in Deutschland zahlreiche Studien durchgeführt. Die bisher größte und einzige bundesweite Erhebung des Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) startet am heutigen Mittwoch. “Wir wollen besser verstehen, mit welcher Geschwindigkeit sich das Coronavirus verbreitet, welche Bevölkerungsgruppen betroffen sind und wie viele wahrscheinlich immun sind”, sagte Studienleiter Gérard Krause gegenüber der Deutschen Presse-Agentur.

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Insgesamt sollen in der Studie etwa 60.000 Blutproben untersucht werden. Den Anfang macht der Baden-Württembergische Landkreis Reutlingen, danach sollen zehn weitere Kommunen folgen. Um den Verlauf der Pandemie messen zu können, soll in allen Testgebieten nach einigen Monaten eine zweite Erhebungsphase durchgeführt werden. Nach Ansicht der Wissenschaftler stellt der Anteil der tatsächlich Infizierten in der Bevölkerung eine wertvolle Information für den Umgang mit der Pandemie dar.

Heinsberg und Kupferzell: Studien über Corona-Hotspots

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Doch es gibt noch weitere Antikörperstudien, die sich mit der Verbreitung von Sars-CoV-2 in der Bevölkerung auseinandersetzen. Einen Überblick dieser sogenannten seroepidemiologische Studien liefert das Robert-Koch-Institut. Demnach werden derzeit mindestens 24 Erhebungen durchgeführt, bei denen entweder die Allgemeinbevölkerung auf Covid-19-Antikörper getestet wird, oder ausgewählte Bevölkerungsgruppen.

Laut Robert-Koch-Institut werden in Deutschland mindestens 24 Antikörperstudien durchgeführt. © Quelle: RKI
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Seit Mai führt das Bundesinstitut selbst ein Corona-Monitoring an besonders betroffenen Orten durch. Anhand der Daten von lokalen Hotspots wie Kupferzell oder Bad Feilnbach wollen die Infektologen durch vorhandene Antikörper nachweisen, wie hoch der Anteil von Infektionen ist, die ohne Krankheitssymptome verlaufen und welche Menschen besonders von Covid-19 betroffen sind.

Auch die umstrittene Heinsberg-Studie des Bonner Virologen Hendrik Streeck ist eine solche Hotspot-Untersuchung. Für die Studie wurden 21 Quarantäne-Haushalte in Gangelt im Kreis Heinsberg untersucht, wo sich das Coronavirus nach einer Karnevalsveranstaltung rasch ausgebreitet hatte. 26 von 43 Erwachsenen waren positiv auf Covid-19 getestet worden, 22 Prozent der Teilnehmer zeigten jedoch keine Symptome. “Was wir sehen ist, dass auch Menschen mit asymptomatischen Verläufen eine Immunität oder Teilimmunität aufbauen”, erläuterte Streeck die Testresultate. Aus diesem Grund habe er auch die Hoffnung, dass sich einhergehend mit den zunehmenden Lockerungen über den Sommer eine schleichende Immunität in der Bevölkerung aufbauen könnte.

UKE erforscht Corona-Verläufe bei Kindern und älteren Menschen

Mögliche Corona-Risikogruppen sind auch der Schwerpunkt weiterer Studien. Das Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) untersucht beispielsweise seit Ende April die Verbreitung des Virus bei älteren Menschen und Kindern. Begleitend zur 2016 gestarteten Hamburg City Health Study sollen nun 6000 Personen im Alter von 45–74 Jahren auf gebildete Antikörper untersucht werden. Dabei geht es den Medizinern insbesondere um Erkenntnisse zur sogenannten Durchseuchung und Immunität der Hamburger Bevölkerung.

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Ania Muntau, Direktorin der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Universitätsklinikum Eppendorf (UKE), gibt eine Pressekonferenz über ein Zwischenergebnis der Studie C19.Child. © Quelle: Georg Wendt/dpa

Erste Ergebnisse darüber, wie häufig Kinder an Covid-19 erkranken, liegen bereits vor. Lediglich bei 36 der 2436 getesteten Kinder konnten im Blut Antikörper gegen Sars-CoV-2 nachgewiesen werden. “Erste Auswertungen zeigen, dass nur 1,5 Prozent der Kinder und Jugendlichen Antikörper gebildet haben und wir weit von einer Herdenimmunität entfernt sind”, erklärte Prof. Dr. Ania Muntau, Direktorin der Kinder- und Jugendmedizin des UKE, kürzlich bei einer Pressekonferenz. Auffällig sei zudem, dass überwiegend ältere Kinder betroffen waren. Je jünger die Kinder seien, desto weniger Antikörper wären vorhanden, sagte Mantau.

Wie verbreitet sich das Coronavirus an Schulen?

Die Öffnung von Schulen und die Rückkehr zu einem normalen Schulbetrieb ist trotzdem mit einer gewissen Unsicherheit verbunden. Um ein möglichst genaues Bild des aktuellen Infektionsstandes mit Sars-CoV-2 und dessen Entwicklung an sächsischen Schulen zu erhalten, starteten Leipziger Mediziner Ende Mai eine breit angelegte Studie. Insgesamt 2000 Schüler und 1000 Lehrkräfte sollen dabei auf Antikörper getestet werden.

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“Da hier ausschließlich symptomfreie Kinder und Lehrkräfte getestet werden, erfüllt diese Studie nicht nur eine wichtige Funktion im Rahmen des Infektionsschutzes an sächsischen Schulen, sondern schafft zusätzlich Klarheit in Bezug auf die umstrittene tatsächliche Häufigkeit symptomfreier Infektionen speziell bei Kindern”, so Studienleiter Prof. Wieland Kiess in einer Mitteilung der Universität Leipzig. Zu Beginn des neuen Schuljahres und im Herbst sind weitere Erhebungen geplant, um die Entwicklung des Infektionsgeschehens zu kontrollieren.

Ob Kinder eine Infektionsgefahr für ihre Eltern oder Großeltern darstellen, hat die Uni Rostock untersucht. Im April hatten sie 401 Rostocker Mütter auf den Erreger sowie auf Antikörper getestet. In keinem der Rachenabstriche konnten die Wissenschaftler Covid-19-Viren nachweisen. Auch beim Antikörpertest waren alle Mütter negativ. Daraus schlussfolgern die Mediziner, dass zwar keine Mutter Kontakt mit dem Coronavirus hatte, die Schul- und Kitaschließungen aber trotzdem die Ausbreitung der Infektion verlangsamt hätte.

Mögliche Risikogruppe: Studien untersuchen Ansteckung von Schwangeren und Babys

Neben älteren und vorerkrankten Menschen werden auch Schwangere zu der Risikogruppe für Covid-19 gezählt, weil während der Schwangerschaft das Lungenvolumen abnimmt. Die Universitätsfrauenklinik Erlangen untersucht deshalb 2400 schwangere Frauen über einen Zeitraum von drei Monaten.

Mit der Studie soll festgestellt werden, wie viele der Frauen mit dem Coronavirus infiziert sind oder waren und ob die Infektion Komplikationen in der Schwangerschaft oder bei der Geburt auslöst. Zudem wollen die Mediziner die Frage klären, ob infizierte Mütter das Virus auf das Kind übertragen können. Bisher wird diese Möglichkeit als gering eingeschätzt.

Kontakt zu Infizierten: Wie gefährdet ist medizinisches Klinikpersonal?

Auch medizinisches Personal, das in Kliniken Kontakt zu Corona-Patienten hat, ist Gegenstand einiger Studien. Wissenschaftler der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) untersuchen derzeit, wie häufig es beim Personal in der Krankenversorgung zu einer Infektion mit Sars-CoV-2 kommt. Insgesamt nehmen 1000 Mitarbeiter Krankenpfleger und Ärzte an der Studie teil. 200 davon werden sogar wöchentlich untersucht.

In ersten Ergebnissen zeigte sich, dass bei weniger als einem Prozent der ersten 180 getesteten Mitarbeiter Antikörper gegen das Coronavirus vorhanden waren. “Besonders wertvolle Ergebnisse erhoffen wir uns über die Anzahl der symptomlosen Infektionen in den nächsten Wochen und Monaten”, so Studienleiter Professor Dr. Behrens. Die Antikörpertests sollen auch Aufschluss darüber geben, wann es zu einer Immunreaktion nach Covid-19-Kontakt kommt und wann sich ein entsprechender Schutz aufbaut. Doch auch diese sind fehleranfällig. Deshalb soll mit der im Rahmen der MHH-Studie gewonnenen Blutproben auch die Qualität von Schnelltests überprüft werden.



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