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Pflegepräsidentin über coronainfizierte Pflegekräfte: „In Isolation begeben und nicht weiter zur Arbeit gehen“

  • Für den Katastrophenfall sei das deutsche Gesundheitssystem nicht gewappnet, sagt Christel Bienstein, Präsidentin des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe.
  • Schon jetzt gebe es Berichte von Intensivstationen, auf denen wegen Personalmangel coronainfizierte Pfleger weiterarbeiten.
  • Im RND-Interview erzählt die Pflegewissenschaftlerin auch, wieso Deutschland von Asien und Dänemark lernen kann und was sie von Antigen-Schnelltests in Altenheimen hält.
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Frau Bienstein, laut RKI soll Pflegefachpersonal, das positiv auf Sars-CoV-2 getestet wurde, bei akutem Personalmangel trotz Infektion arbeiten dürfen. Laut der Pflegekammer Niedersachsen ist das in Einrichtungen in Bremen und Bayern bereits der Fall.

Das stimmt. Die Intensivstationen sind teilweise an der Kapazitätsgrenze angekommen. Wir hören von einigen Verbandsmitgliedern, dass sie dazu aufgefordert wurden, bei einer bestätigten Corona-Infektion weiterzuarbeiten, wenn sie keine Symptome aufweisen. Es gibt inzwischen aber eine Reihe von Krankenhäusern, die ganz klar sagen, dass nicht weitergearbeitet werden sollte – und schon gar nicht mit Intensivpatienten. Auch unser Verband fordert: Wer infiziert ist, auch ohne Symptome, sollte sich in Isolation begeben und nicht weiter zur Arbeit gehen.

Prof. Christel Bienstein ist seit 2017 die Präsidentin des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe (DBfK). Zuvor leitete die Pflegewissenschaftlerin das Institut für Pflegewissenschaft an der Privaten Universität Witten/Herdecke. Für ihre Verdiente um die Pflegewissenschaft bekam sie 2004 das Bundesverdienstkreuz verliehen. Sie hat auch eine Ausbildung zur Krankenschwester absolviert. © Quelle: Deutscher Berufsverband für Pflegeberufe
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Um mehr Sicherheit in die Altenpflege zu bringen, kommen jetzt vermehrt Antigen-Schnelltests zum Einsatz. Ist das ein guter Ansatz?

Pro Pflegefachkraft, Patient und Angehörigem ist mit 20 Schnelltests im Monat zu rechnen. Aber in den Einrichtungen gibt es zu wenig Personal, das in der Lage ist, fachgerecht einen Abstrich zu nehmen. Die Pflegenden sollen zwar geschult werden. Aber sie schaffen das zeitlich kaum. Auch der Test selbst kostet Zeit: Die Durchführung braucht rund 15 Minuten. Ist eine Person positiv, muss sie danach auch informiert und gut beraten werden.

Jedem muss klar sein, dass der Schnelltest nur eine Momentaufnahme ist. Personal und Angehörigen kann ein negatives Ergebnis einen Moment psychischer Ruhe geben – aber keine endgültige Sicherheit. Die Virusverbreitung lässt sich durch dieses Instrument nicht komplett aufhalten. Ich gehe davon aus, dass damit nur teilweise Ausbrüche in Alten- und Behinderteneinrichtungen verhindert werden. Aber wir können auch nicht wie im Frühjahr komplette Besuchsverbote verhängen, das ist auch klar. Einfache Lösungen gibt es nicht.

Alltag im Krankenhaus: zu wenig Personal für zu viele Patienten

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Immerhin verfügt Deutschland inzwischen über eine vergleichsweise hohe Versorgungsdichte mit Intensivbetten in den Krankenhäusern. Auch Schutzmaterial gibt es.

Freie Betten und Masken kann man zählen. Aber wir haben nicht das Personal für die zunehmende Zahl an Patienten auf der Intensivstation. Das war auch schon vor der Pandemie ein massives Problem. Wir haben den Eindruck, dass die Bürger nicht mehr die Pflege bekommen, die sie eigentlich brauchen.

Das zeigt auch eine von mir geleitete Studie: Eine Pflegekraft in Nachtwache muss im Krankenhaus manchmal 28 akut erkrankte Patienten versorgen. Im Altenheim versorgt eine Pflegekraft allein bis zu 52 Bewohner. Es gibt auch Einrichtungen, in denen eine Altenpflege-Fachperson bis zu 100 Patienten gleichzeitig versorgen muss. Das geht überhaupt nicht mehr.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn will die Pflege attraktiver machen, indem er 20.000 neue Assistenzstellen in der Altenpflege finanziert.

Das hilft leider gar nicht. Denn das neu eingestellte Personal ist nicht qualifiziert genug, um mit den Patienten gezielt umzugehen. Handhygiene und Schutzkleidung anziehen ist schnell erlernt. Aber es ist etwas anderes, mit schwer Erkrankten umzugehen. In den Kliniken und Alteneinrichtungen müssen Patienten heutzutage mit sehr komplexen Diagnosen behandelt werden. Sie haben dann beispielsweise Diabetes, Demenz und Covid-19 gleichzeitig. Um damit gut umgehen zu können, braucht es eine intensive Fachausbildung.

Skandinavien und Asien als Vorbilder für das Gesundheitssystem

Gibt es Länder, von denen das deutsche Gesundheitssystem etwas lernen kann?

Ein Positivbeispiel ist Dänemark, wo es zwar prozentual weniger Kliniken als in Deutschland gibt. Aber eine Pflegefachkraft auf der Intensivstation betreut im Schnitt nur einen Patienten. Versorgt wird nah an der Bevölkerung in kleineren Einrichtungen vor Ort und nicht in der großen Klinik. Zum Beispiel hat jede Gemeinde ein Gesundheitszentrum, in dem Covid-Patienten behandelt und untersucht werden. Bei uns sind hingegen plötzlich die Notaufnahmen und Hausarztpraxen voll.

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In asiatischen Ländern wird in der Pflegeausbildung großer Wert auf die Auseinandersetzung mit Krisenszenarien gelegt. Der Nachwuchs wird auf Erdbeben, Tsunami, Pandemie und Naturkatastrophe vorbereitet. So eine Desasterschulung muss unbedingt auch in Deutschland eingeführt werden. Auf Triage-Entscheidungen sind Pflegende und Ärzte nicht ausreichend vorbereitet. Aber es ist wichtig, in der Krise psychisch stabil zu bleiben und in der richtigen Reihenfolge zu agieren.

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