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Zwischen Lockdownsorge und sinkender Inzidenz: Wie schlimm wird der Herbst?

  • Das RKI warnt vor einer fulminanten vierten Welle und pocht bei hoher Inzidenz auf weitere Corona-Maßnahmen.
  • Gleichzeitig sinkt der bundesweite Inzidenzwert.
  • Worauf sollte sich Deutschland also in den kommenden Wochen einstellen?
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Das Sommerplateau hat Deutschland längst verlassen. Seit Juli ist die bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz immer weiter gestiegen. Den Beginn der vierten Welle verkündete RKI-Chef Lothar Wieler offiziell Mitte August, die Warnung vor einem „fulminanten Verlauf“ kam Anfang September. Seit zwei Wochen aber sinken die Werte wieder.

Am Freitag gab das RKI die wöchentliche Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner mit 74,7 an, am Vortag mit 76,3, in der Vorwoche noch mit 83,8. Die Infektionskurve zeigt einen leicht sichtbaren Knick nach unten, auch der berüchtigte R-Wert befindet seit einigen Tagen unterhalb der kritischen Marke von 1. Steuert Deutschland nun also doch nicht in den befürchteten Maßnahmenherbst? Fünf Fragen und Antworten zum aktuellen Pandemiegeschehen:

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1. Wird Corona im Herbst doch nicht so schlimm?

Der Ist-Zustand ist trügerisch. Obwohl die Inzidenz kurzfristig gesunken ist, geben Expertinnen und Experten keine Entwarnung. Von einem Ausbremsen der vierten Welle kann nicht gesprochen werden, ein Anstieg der Infektionen und eine starke Belastung der Krankenhäuser mit Covid-19-Patienten ist ab Oktober mit kälteren Temperaturen und dem Effekt der Saisonalität erwartbar. Darin sind sich Mobilitätsforschende, Modellierexpertinnen und -experten, Epidemiologinnen und Epidemiologen einig.

Im Detail zeigen sich auch regionale Unterschiede – vor allem zwischen Ost und West. Während in den östlichen Bundesländern die Sieben-Tage-Inzidenz zum Teil deutlich angestiegen ist, in Sachsen und Thüringen um jeweils 40 Prozent, ist in den westlichen Bundesländern ein deutlicher Rückgang zu beobachten. Im Saarland beispielsweise um minus 26 Prozent, in Nordrhein Westfalen um minus 14 Prozent.

Das Robert Koch-Institut (RKI) führt die steigende Tendenz in den östlichen Bundesländern auf die geringe Impfquote und den Umstand, dass die Sommerferien erst Anfang September endeten, zurück. Die sinkende Tendenz im Westen sei auf einen Rückgang des Sommerreiseverkehrs zurückzuführen. Zudem seien mit Beginn des Schulunterrichts nach den Ferien mehr Infektionen diagnostiziert worden. Auch die breite Einführung von 2-G- beziehungsweise 3-G-Regeln könne eine Rolle spielen, heißt es im Wochenbericht vom 16. September.

2. Wen trifft die vierte Welle im Herbst?

Geimpfte sind in den allermeisten Fällen vor einer schweren Covid-19-Erkrankung geschützt. Ungeimpfte hingegen haben im Herbst ein noch größeres Risiko, sich zu infizieren als im Vorjahr, weil die Delta-Variante hochinfektiös ist. Corona trifft nun vor allem die Jüngeren. Infektionen gibt es schon jetzt besonders häufig bei Kindern und Jugendlichen. Es gibt auch mehr Ausbrüche in Schulen und Kitas. Ende August erreichten die Meldedaten laut RKI-Bericht ein Niveau, das vor einem Jahr erst Mitte Oktober zu beobachten war. Leichte Anstiege sind aber auch bei den Hochbetagten über 90 Jahren zu sehen. Bei ihnen kommt es wegen einer schwächeren Immunantwort häufiger zu Impfdurchbrüchen.

Der Druck in den Kliniken steigt bereits – eine Folge der zunehmenden Infektionen im August. Die Zahl der Erkrankten auf Intensivstationen nahm im Vergleich zur Vorwoche um 10 Prozent auf mehr als 1500 zu. Die meisten Covid-Patienten, die jüngst in Kliniken kamen, waren zwischen 35 und 59 Jahre alt. In der großen Mehrheit waren sie ungeimpft. Die Zahl schwerer Atemwegsinfektionen bei den 35- bis 59-Jährigen in Kliniken liege deutlich über dem Niveau der Vorjahre um diese Jahreszeit – und sei auf Covid zurückzuführen, heißt es im RKI-Bericht.

3. Ist die Pandemie bald vorbei – und wie sieht das dann aus?

Exakte Prognosen zum weiteren Verlauf sind schwierig. Corona-Expertinnen und Experten sprechen von Tendenzen, allerhöchstens möglichen Szenarien. Denn die Entwicklung der Pandemie ist weiterhin von unsicheren Faktoren abhängig. Etwa davon, wie viele Menschen sich in diesen Tagen noch impfen lassen. Davon, wie sich Geimpfte und Ungeimpfte im Alltag verhalten, für wie viele Kontakte sie sich entscheiden, wie die Transmissionsketten im In- und Ausland verlaufen. Aber auch wie sich Virusvarianten wie Delta ausbreiten, ob sie noch übertragbarer werden und den Immunschutz noch weiter verringern, spielt eine entscheidende Rolle.

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Klar ist aber: Das Virus wird weiter zirkulieren, mehr Menschen werden krank – vor allem, wenn es kälter wird. Eine „Herdenimmunität“ wird es in diesem Herbst und Winter sowie auch darüber hinaus sehr wahrscheinlich nicht geben. Es ist zwar darauf zu hoffen, dass größere Ausbrüche und schwere Krankheitsfälle irgendwann nur noch selten vorkommen und regelmäßige Auffrischungsimpfungen nur für Bevölkerungsgruppen mit erhöhtem Risiko nötig werden. Die Voraussetzung dafür ist aber, dass so gut wie alle Menschen geimpft oder genesen sind. Erst dann beginnt die sogenannte endemische Phase, die auf die Pandemie folgt.

In diesem Herbst und Winter wird dieser Zustand in Deutschland allerdings nicht erreicht sein, „weil die erwartbaren Impfquoten insbesondere unter den jüngeren Erwachsenen hierzu noch nicht ausreichen“, heißt es in einem diese Woche veröffentlichten RKI-Strategiepapier. Das zeigten die aktualisierten Modellrechungen.

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4. Können die Corona-Maßnahmen im Herbst beendet werden?

Mit einem Ende aller Maßnahmen im Herbst ist nicht zu rechnen. „Die Modellierungen des Robert Koch-Instituts und anderer zeigen klar, dass bei Beendigung aller Schutzmaßnahmen eine ganz erhebliche Zunahme der Infektionen mit den bekannten Folgen für Erkrankte und das Gesundheitssystem anstehen würde – die Impfquote ist noch zu niedrig, um dies mit hoher Wahrscheinlichkeit zu verhindern“, sagt Hajo Zeeb, Professor für Epidemiologe am Leibniz-Institut für Präventionsforschung.

Die vierte Welle kann im Herbst nur dann deutlich abflachen und eine erhebliche Belastung des Gesundheitssystems vermieden werden, wenn sich mehr 18- bis 59-Jährige impfen lassen, und das „zeitnah“, wie das RKI bemerkt. Ob es weitere Maßnahmen braucht, das hängt also von der Impfquote ab.

Im Moment stagniert die Quote allerdings: 62 Prozent der Bevölkerung sind vollständig geimpft – vor einer Woche waren es noch 61,6 Prozent. Bei den über 60-Jährigen sind rund 84 Prozent der Menschen geschützt, bei den 18 bis 59-Jährigen 68 Prozent und bei den Zwöljährigen bis 17-Jährigen 28 Prozent. Unter Zwölfjährige können sich noch nicht impfen lassen, erkranken aber auch weniger häufig.

5. Wird es im Herbst wieder einen Lockdown geben?

Andere Länder in Europa heben gerade alle Restriktionen auf, wie beispielsweise Dänemark, das Vereinigte Königreich und die Niederlande. In Deutschland entscheiden die Bundesländer und setzen jeweils eigene Corona-Schutzverordnungen um.

Das RKI hat den Ländern Mitte September ein neues Stufenkonzept empfohlen. Ein Lockdown wie im vergangenen Winter ist demnach keine wahrscheinliche Option. Zwar müsse das Infektionsgeschehen weiterhin durch Maßnahmen unter Kontrolle gehalten werden – „allerdings eher mit individuellen Maßnahmen als mit Schließungen von Einrichtungen oder Einschränkungen ganzer Gesellschaftsbereiche“, heißt es im Strategiepapier.

Alle Menschen – also auch Geimpfte und Genesene – sollten sich aber in allen Lebensbereichen weiter an Regeln wie Abstand, Masken tragen und Lüften halten. Ungeimpfte sollten sich vor Kontakten in der Öffentlichkeit testen lassen. Je nach Intensität des Infektionsgeschehens sollen im öffentlichen Leben unterschiedliche Schutz- und Testkonzepte gelten.

Bei besonders hohem Infektionsgeschehen soll die 2-G-Regel häufiger Anwendung finden – also Zugang nur für Geimpfte oder Genesene, etwa bei größeren Zusammenkünften im Innenbereich. Zur Beurteilung der Pandemielage auf Bundesländerebene schlägt das RKI der Politik drei Indikatoren vor: die Inzidenz, die Hospitalisierungsinzidenz und die Kapazität der Intensivstationen in Prozent.

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