Zweite Infektionswelle: Sind wir bald wieder am Anfang?

  • Virologen fürchten, dass das Coronavirus wegen zu früher Lockerungen wieder vermehrt in der Bevölkerung zirkuliert.
  • Es komme jetzt darauf an, dass Infektionsketten besser nachverfolgt würden, appelliert der Infektiologe Matthias Stoll.
  • Im RND-Interview erklärt er, wieso es falsch ist, sich an die Hoffnung zu klammern, Mitte Mai sei alles besser.
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Virologen wie Christian Drosten von der Charité Berlin und Melanie Brinkmann vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig befürchten, dass das Coronavirus durch erste Lockerungen wieder vermehrt in der Bevölkerung zirkulieren könnte. Unbemerkt entstünden dann schon jetzt in Deutschland neue Infektionsketten.

Der Infektiologe Matthias Stoll von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) erklärt im RND-Interview, wieso es jetzt noch schwierig ist, durch die Datenlage Beweise für ein wieder kursierendes Virus zu finden und was das alles mit dem R-Wert zutun hat. Hoffnung auf Entspannung im Mai sollten sich die Menschen in Deutschland auf jeden Fall nicht machen.

Herr Stoll, welche Indikatoren weisen darauf hin, dass sich wieder mehr Menschen anstecken?

Schauen Sie auf die Meldezahlen der Johns Hopkins Universität. Bis kurz nach Ostern weniger, in den letzten Tagen wieder mehr … Allerdings wissen wir nicht so genau, was am Wochenende passiert. Am Wochenanfang bewegen wir uns dann scheinbar in eine andere Richtung, als die Zahlen es noch am Sonntag zeigen.

Unser Problem ist aber auch die Trägheit des Systems: Jeden Effekt einer Maßnahme von Tag X sehen wir erst richtig an Tag X+7 bis Tag X+10. Leider macht es auch keinen Sinn, innerhalb von 10 bis 14 Tagen unterschiedlich das Ruder anzulegen, dann wissen wir gar nicht mehr, welche Auswirkungen das hat.

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Prof. Matthias Stoll ist Infektiologe an der Medizinischen Hochschule Hannover.

Worin würde sich denn eine “zweite Infektionswelle” von der von vor ein paar Wochen unterscheiden?

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Im Prinzip gar nicht. Da wir aber klugerweise nur einen Teil des Lockdowns gelockert haben, wäre ein Anstieg vermutlich weniger steil.

Welche Schritte sind notwendig, um das erneute Ausbrechen von nicht nachvollziehbaren Infektionsketten zu verhindern?

Es ist meines Erachtens mehr als ärgerlich, dass wir unsere Kraft an Polizeigesetzen und Tracing-Apps verschwenden, statt uns darauf zu konzentrieren, dass die Gesundheitsbehörden die erfassten und gemeldeten Fälle nachverfolgen. Wir hatten von den Fällen fast immer Kontaktlisten, aber die Kontaktpersonen erfuhren oft gar nicht, dass sie direkten Kontakt hatten.

Kontaktverfolgung zum Schutz der Pflegeheime

Welche Auswirkungen hatte die lückenhafte Kontaktverfolgung?

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Darunter waren sicherlich auch Personen, die statt in die dringend gebotene Quarantäne weiter ins Altenpflegeheim oder ins Krankenhaus zur Arbeit gegangen sind. Ich selbst weiß von mindestens zwei Fällen, wo das auf anderem Wege gerade noch verhindert werden konnte.

Es ist uns versprochen worden, dass diese Aufarbeitung nun umfassend geschieht. Personal müsste dazu unmittelbar verfügbar sein, denn es bedarf dazu keiner Ärzte oder Spezialisten. Man könnte auf viele der Menschen zurückgreifen, die jetzt wegen des Lockdowns ohne Beschäftigung oder in Kurzarbeit sind.

Schulen langsam wieder öffnen, Einzelhandel und Friseure aufleben lassen – war das ein falsches Signal an die Bevölkerung?

Nein. Es ist aber noch nicht allen klar, wie lange der Prozess dauern kann. Viele gehen von der nicht gut begründbaren Hoffnung aus, dass nun spätestens ab Mitte Mai wieder alles wie früher sein wird. Leider kann aber auch niemand verbindliche Vorhersagen machen. Damit kommt unsere medial geprägte Gesellschaft nicht gut zurecht.

Es herrscht der Irrglaube, dass immer jemand dafür „verantwortlich“ sein müsse, wenn es nicht so läuft, wie man es sich wünscht. Es handelt sich aber leider um ein Virus, dass man nicht einfach abwählen oder aus dem Amt entlassen kann.

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Kein schneller Exit aus der Corona-Krise

Großveranstaltungen werden bis in den Herbst hinein abgesagt, der Sommerurlaub fällt wahrscheinlich aus, die Maskenpflicht wurde eingeführt. Für wie lange müssen wir uns an diesen Zustand gewöhnen?

Ich weiß es nicht! Glauben Sie niemandem, der behauptet, er wüsste das schon jetzt.

Manche Menschen argumentieren, ein noch längerer Lockdown sei nicht nötig, weil wir die Ansteckungsrate bereits ausreichend nach unten gedrückt haben und die Epidemie kontrollierbar geworden sei. Was entgegnen Sie darauf?

Ich würde diese Menschen fragen: Woher wissen Sie das? Und: Würden Sie selbst die Verantwortung für eine solche Entscheidung übernehmen können? Immerhin haben wir ja weltweit gesehen, dass es ohne Lockdown nicht gut geht.

Als ein Indikator für den Verlauf der Epidemie gilt der Reproduktionswert. Worüber gibt er Aufschluss?

Die Basisreproduktionsrate ist eine vom Virus abhängige Konstante der Ansteckungsfälle pro Infizierten ohne Gegenmaßnahmen wie zum Beispiel dem Lockdown. Sie liegt schätzungsweise um die R=3,0. Die „effektive“ Reproduktionsrate – das ist die, die jetzt täglich neu geschätzt wird – zeigt, wie erfolgreich wir mit dem Lockdown sind.

Alles weniger als 3 ist vermutlich Ausdruck unserer Bemühungen. Aber: Alles über 1,0 bedeutet, die Infektionszahlen steigen weiter an. R=1: die Zahlen bleiben gleich. R unter 1: Die Zahlen gehen zurück. Im Augenblick waren wir zuletzt bei R= 0,9.

Herdenimmunität oder Lockdown?

Es fallen immer wieder zwei Zahlen, die auf zwei Szenarien mit Blick auf die Lockerungen hinweisen - R=0,2 und R=1,0. Was hat es damit auf sich?

R=0,2 wäre natürlich ein Traumziel: Dann bricht die Infektionswelle in sich zusammen und wir hätten in kurzer Zeit (fast) keine Neuinfektionen mehr. Sollte das je gelingen, dann könnten wir bald danach mit nur noch vereinzelten Fällen hier und da mit einer alleinigen Test- und Isolationsstrategie die Epidemie kontrollieren.

Wir in Deutschland werden mit den aktuellen Maßnahmen vielleicht jetzt nicht R=0,2 erreichen. Ich würde nicht darauf vertrauen, dass uns das in nächster Zeit gelingt. Es kann sein, dass wir beim jetzigen Niveau verharren. Dann müssten wir mit einem abgespeckten Maßnahmenkatalog irgendwie versuchen knapp unter oder maximal bei R=1 zu bleiben.

Gibt es schon Länder, die Maßnahmen mit dem Ziel R=0,2 umsetzen?

Neuseeland hofft, R=0,2 zu erreichen. Neuseeland wird es uns lehren: Kann man mit R weit unter 0,5 die Infektion auf Einzelfälle beschränken oder das Virus lokal wieder ausrotten? Dann lohnt vermutlich die Mühe, das zu tun. Ich glaube, das geht nur mit einem härteren Lockdown als wir ihn jetzt haben. Das Ziel hängt auch von der Bevölkerungsdichte ab. Das dicht besiedelte Europa ist anfälliger.

Auf der anderen Seite sehen manche Länder von einem Lockdown ab.

An Ländern wie zum Beispiel Schweden und Teilen der USA werden wir sehen, ob das Virus auch ohne konsequente Intervention im Verlauf seine Ausbreitungsfähigkeit verlieren wird. Dagegen spricht allerdings deren Kinetik auf hohem Niveau. Eine gewisse Zuversicht können wir erst dann für die rein abwartenden Konzepte schöpfen, wenn die Infektionsraten in diesen beiden Ländern trotz insgesamt weniger Lockdown in Zukunft nicht weiter zunehmen.

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