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Zweimal geimpft und trotzdem an Covid-19 erkrankt – wie kann das sein?

  • Zwei Impfungen sind notwendig, um sich vor Covid-19 zu schützen.
  • Allerdings handelt es sich dabei nicht um einen hundertprozentigen Schutz – das heißt, es ist auch danach noch möglich zu erkranken.
  • Wir klären, wie es zu diesen Impfdurchbrüchen kommen kann.
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Sind Menschen vollständig gegen eine Krankheit geimpft und entwickeln später dennoch Symptome, sprechen Medizine­rinnen und Mediziner von sogenannten Impf­durch­brüchen. Auch im Zusammenhang mit Covid-19 sind bereits solche Fälle aufgetreten: Das Robert Koch-Institut (RKI) listet in seinem Situationsbericht vom 14. Juli 2021 insgesamt 5374 Impf­durch­brüche, die seit dem 1. Februar 2021 übermittelt wurden. Davon entfielen zwölf Fälle auf die Alters­gruppe der unter 18-Jährigen, 2946 Fälle auf die 18- bis 59-Jährigen und 2416 Fälle auf die über 60-Jährigen.

Das RKI definiert einen Impf­durch­bruch als symptomatische Corona-Infektion, die bei einer vollständig geimpften Person mittels PCR-Test oder Erreger­isolation diagnostiziert wurde. Ein vollständiger Impfschutz setzt laut der Behörde dann ein, wenn nach zweimaliger Impfung – beziehungsweise nach einmaliger Impfung mit dem Vakzin von Johnson & Johnson – mindestens zwei Wochen vergangen sind.

Doch wie kommt es überhaupt zu Impf­durch­brüchen? Wieso können sich Menschen trotz Impfung mit dem Coronavirus anstecken, an der Infektion (teils schwer) erkranken oder sogar versterben?

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Impfstoffe bieten keinen hundert­prozentigen Schutz

Zunächst einmal ist wichtig festzuhalten, dass alle in Europa zugelassenen Corona-Impf­stoffe einen wirksamen Schutz vor Covid-19 bieten. Daten aus klinischen Studien legen beim Vakzin von Biontech/Pfizer eine Wirksamkeit von 95 Prozent nach vollständiger Impfung nahe, bei Moderna sind es ebenfalls 95 Prozent, bei Astrazeneca 80 Prozent und bei Johnson & Johnson 65 Prozent. Noch besser schützen die Vakzine gegen schwere bis tödliche Krankheits­verläufe.

Die Zahlen verdeutlichen aber auch, dass kein Impfstoff einen hundert­prozentigen Schutz bietet. Das ist der Grund, warum es nach Einschätzung des RKI trotz Impfung zu einer Covid-19-Erkrankung kommen kann. „Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Person trotz vollständiger Impfung PCR-positiv wird, ist bereits niedrig, aber nicht null“, schreibt die Behörde auf ihrer Internetseite. Die gute Nachricht: Menschen, die vollständig geimpft sind und sich dennoch mit dem Coronavirus infiziert haben, bleiben nach ersten Erkenntnissen weniger infektiös. Das Risiko, dass sie den Erreger übertragen, sei „stark vermindert“.

USA melden 5492 Impf­durch­brüche

Dass sich Geimpfte mit dem Virus anstecken, ist auch dann möglich, wenn die Infektion kurz vor der Impfung stattgefunden hat. Oder wenn die Infektion in den ersten Tagen nach der Impfung erfolgt, also wenn noch kein ausreichender Impfschutz vorhanden ist.

„Es wird immer einen kleinen Prozent­satz von vollständig geimpften Menschen geben, die trotzdem krank werden, ins Kranken­haus eingeliefert werden oder an Covid-19 sterben“, heißt es auf der Internet­seite der US-amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention. Auch in den Vereinigten Staaten wurden bereits Impf­durch­brüche festgestellt.

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Bis zum 12. Juli verzeichneten die CDC mehr als 5492 Patientinnen und Patienten, die trotz vollständiger Impfung im Krankenhaus wegen Covid-19 behandelt werden mussten oder im Zusammen­hang mit der Krankheit gestorben sind. 75 Prozent von ihnen (4109 Menschen) waren über 65 Jahre alt. Zum Vergleich: In Deutschland mussten seit dem 1. Februar 2021 rund 614 über 60-Jährige (28 Prozent) hospitalisiert werden.

Immunantwort entwickelt sich bei Älteren langsamer

Warum es vor allem in den höheren Alters­gruppen zu Impf­durch­brüchen kommt, lässt sich anhand der Immun­reaktionen erklären. So fand ein Forscherteam der Berliner Charité heraus, dass die Immunantwort bei jüngeren und älteren Menschen unterschiedlich ausfällt. Die Studie, die im Fachmagazin „Emerging Infectious Diseases“ erschienen ist, hat die Immun­reaktionen von über 70-jährigen Patientinnen und Patienten einer Haus­arzt­praxis mit denen von Charité-Beschäftigten, die durchschnittlich 34 Jahre alt waren, verglichen. Alle hatten den Impfstoff von Biontech/Pfizer erhalten.

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Während einen Monat nach der zweiten Dosis fast alle jungen Studien­teil­nehme­rinnen und -teilnehmer (99 Prozent) Sars-CoV-2-spezifische Antikörper im Blut hatten, waren es bei den älteren nur rund 91 Prozent. Die Antikörper reiften insgesamt langsamer, sie konnten das Virus schlechter binden. Auch die T-Zell-Antwort fiel bei den Älteren schwächer aus. „Unsere Studie zeigt, dass bei älteren Menschen die Immun­antwort nach der Impfung deutlich verzögert ist und nicht das Niveau von jungen Impflingen erreicht“, sagte Studienautor und Impf­stoff­forscher Prof. Leif-Erik Sander.

Auch bei Menschen mit Immun­suppression, zum Beispiel bei Organ­transplan­tierten, kann die Antwort des Immun­systems auf die Corona-Impfstoffe schwächer ausfallen. Zu dieser Personen­gruppe gebe es bereits verlässliche Studiendaten, so der Vorsitzende der Ständigen Impf­kommission, Thomas Mertens: „Diese Daten zeigen in der Tat, dass die Immunantwort in Abhängigkeit zur Immunsuppression bei Organ­trans­plantierten viel schlechter sein kann. Sie liegt dann nur noch bei 50 Prozent.“ Ähnliche Defizite bei der Immun­antwort zeigten sich bei Rheuma- und Krebs­patientinnen und -patienten.

Virusvarianten beeinflussen Risiko für Impf­durch­brüche

Ein weiterer Faktor, der über die Wirksamkeit der Vakzine entscheidet und somit über das Risiko für Impf­durch­brüche, ist die Ausprägung der Virus­varianten. Mit Delta ist nun die vierte Corona-Mutante aufgetaucht, die von der Welt­gesund­heits­organisation als „Variant of Concern“, also als besorgniserregende Variante, eingestuft wird. Der zuerst in Indien nachgewiesene Erreger ist deutlich ansteckender als der Ursprungstyp des Coronavirus und dominiert inzwischen das Infektionsgeschehen in Deutschland.

Mehrere Studien deuten darauf hin, dass die bisher verwendeten Impfstoffe auch vor schweren Krankheitsverläufen mit der Delta-Variante schützen. Wichtig scheint vor allem die Zweit­impfung zu sein. Denn bei einer unvollständigen Impfserie zeigte sich eine deutlich verringerte Wirksamkeit der Vakzine.

Das Coronavirus werde sich immer weiterentwickeln, sagte Prof. Jörg Timm, Virologe am Universitäts­klinikum Düsseldorf, im RND-Interview. „Deshalb ist es schon denkbar, dass die Impfstoffe, die wir jetzt haben, ihre Wirksamkeit mit der Zeit langsam verlieren werden.“ Am schlimmsten wäre eine Escape-Variante, gegen die die Impfstoffe schlecht bis gar nicht mehr wirken. Timm gibt jedoch Entwarnung: Eine solches Szenario sei möglich, „aber wenig wahrscheinlich“.

RND mit Material der dpa

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