• Startseite
  • Gesundheit
  • Corona-Zahlen steigen: Warum stehen wir trotz Impfung schlechter da als vor einem Jahr?

Die Corona-Zahlen steigen: Warum stehen wir trotz Impfung schlechter da als vor einem Jahr?

  • Derzeit stecken sich in Deutschland so viele Menschen mit Corona an wie seit Mai nicht mehr – und auch die Intensivstationen füllen sich wieder.
  • Die Corona-Zahlen sind trotz der Impfungen aktuell sogar höher als noch vor einem Jahr.
  • Expertinnen und Experten nennen unter anderem die Delta-Variante, die abnehmende Sorge vor dem Virus und die zu niedrige Impfquote als Ursachen.
|
Anzeige
Anzeige

An die Zeit im Herbst 2020 erinnern sich vermutlich die wenigsten gern. Bund und Länder hatten sich vor gut einem Jahr auf einen Teil-Lockdown geeinigt, da die Infektionszahlen am Anfang der zweiten Welle mit einer Inzidenz von über 100, mehr als 18.000 täglichen Infektionen und 77 Todesfällen binnen 24 Stunden regelrecht in die Höhe geschossen waren.

Ein Jahr später sollte die Lage eigentlich besser aussehen – schließlich sind inzwischen 66,6 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft. Die Realität sieht jedoch anders aus. Das Robert Koch-Institut (RKI) verzeichnete am Samstag über 24.000 Corona-Neuinfektionen und 86 Todesfälle binnen 24 Stunden sowie eine bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz von 145,1.

Auch auf den Intensivstationen sieht die Lage schlechter aus als im Vorjahr: Waren am 28. Oktober 2020 1569 Corona-Patientinnen und -Patienten in intensivmedizinischer Behandlung, sind es genau ein Jahr später 1808 Menschen, die schwer an Covid-19 erkrankt sind.

Anzeige

Der Anstieg der Neuinfektionen und die hohe Belegung auf den Intensivstationen führe nach Ansicht der Frankfurter Virologin Sandra Ciesek dazu, „dass wir im Vergleich zum letzten Jahr sogar schlechter dastehen“, wie sie am Dienstag im NDR-Podcast „Das Coronavirus-Update“ feststellte. Doch warum ist die Infektionslage überhaupt aktuell wieder so besorgniserregend – trotz der Impfungen?

Die Pandemie und wir Unser Alltag mit Corona: In unserem Newsletter ordnen wir die Nachrichten der Woche, erklären die Wissenschaft und geben Tipps für das Leben in der Krise ‒ jeden Donnerstag.

Experten sind sich einig: Delta-Variante trägt zum Anstieg der Infektionszahlen bei

Klar ist: Die aktuellen Corona-Zahlen lassen sich nicht mit einer einzigen Ursache begründen. Vielmehr spielen beim derzeitigen starken Anstieg mehrere Faktoren eine Rolle. Ein Hauptgrund – und ein großer Unterschied zum Herbst 2020 – ist die Verbreitung der Virusvarianten, sind sich Experten einig.

Anzeige

„Gerade die ansteckendere Delta-Variante trägt dazu bei, dass sich das Virus nun schneller ausbreitet“, sagt etwa Epidemiologe Hajo Zeeb vom Leibniz-Institut Bremen. Delta wurde erstmals in Indien entdeckt und ist seit Ende Juni 2021 die dominierende Virusvariante in Deutschland.

„Delta verbreitet sich sehr effektiv und bestraft jede Nachlässigkeit in den Maßnahmen“, sagt auch Martin Stürmer, Virologe und Laborleiter am IMD-Labor für interdisziplinäre Medizin und Diagnostik in Frankfurt. Die Politik bewege sich immer mehr in Richtung Freiheit und weniger in Richtung Infektionsvermeidung. Denn oft werde noch die Ansicht vertreten, dass das Gesundheitssystem wegen der Impfungen nicht mehr gefährdet sei – obwohl die aktuellen Zahlen und Einschätzungen der Intensivmediziner solchen Aussagen widersprächen.

Anzeige

Nach Ansicht des Virologen werde beispielweise zu viel über ein Ende der „epidemiologischen Notlage“ und über einen „Freedom Day“ diskutiert, obwohl die Infektionslage das eigentlich noch nicht zulasse.

Video
Epidemische Notlage: Bevölkerung äußert sich zu Corona-Maßnahmen
3:33 min
Die epidemische Notlage soll am 25. November enden - das haben SPD, Grüne und FDP verkündet. Was hält die Bevölkerung davon?  © RND

Virologe: „Wir haben auch Waffen gegen das Virus verloren“

Mit dem von vielen Politikerinnen und Politikern betonten Ausschluss von Lockdowns und Schulschließungen fehlen Deutschland momentan nun somit einige Mittel. Auch das trägt zum Anstieg der Zahlen bei, so Stürmer: „Im Gegensatz zum Vorjahr haben wir zwar nun die Impfungen, allerdings haben wir auch Waffen gegen das Virus verloren“, betont der Virologe.

Anzeige

Im vergangenen Jahr richteten sich Maßnahmen noch stark nach der Sieben-Tage-Inzidenz – und aufgrund der damals drastisch steigenden Zahlen trat am 2. November ein bundesweiter Teil-Lockdown in Kraft. „Die Hospitalisierungsrate ist nun der zentrale Schaltknopf – jedoch gibt es keine bundesweiten Grenzen dafür, ab wann wieder neue Maßnahmen eingeführt werden“, kritisiert Stürmer. Den Indikator gab das RKI am Donnerstag mit 3,31 an, allerdings zeigen sich zwischen den Bundesländern teils große Unterschiede bei der Hospitalisierungs-Inzidenz.

„Gewohnheitseffekt“: Die Zahlen steigen – doch die Sorge vor dem Virus nimmt ab

Zeeb ist auch der Meinung, dass die strengeren Beschränkungen im Herbst 2020 einen wesentlichen Unterschied zur aktuellen Situation darstellen. Aber auch Hygieneregeln, die noch heute gelten, würden nicht mehr so stark in der Bevölkerung befolgt – und als Resultat komme es zu mehr Infektionen. „Die Sorge um die persönliche Gesundheit und die der Familie und Angehörigen hat – auch aufgrund der Impfungen – im Laufe eines Jahres spürbar abgenommen“, sagt der Epidemiologe.

Auch Virologin Ciesek sprach im NDR-Podcast von einem „Gewohnheitseffekt“: Menschen haben sich an die Corona-Zahlen gewöhnt und nehmen sie nicht mehr so stark als alarmierend wahr. Ein Trend, den Stürmer als gefährlich ansieht, da auch Maßnahmen wie die 2G- und 3G-Regel nicht überall konsequent durchgezogen würden.

Video
„Komplizierte Corona-Lage“: Epidemiologe Zeeb wirbt für Boosterimpfungen
5:39 min
Aufgrund steigender Corona-Infektionen begrüßt Hajo Zeeb, Epidemiologe des Bremer Leibniz-Instituts, schnelle Boosterimpfungen – vor allem für Ältere.  © RND

Ferien, Nachbarländer: Regionale Unterschiede in den Infektionszahlen haben viele Gründe

Anzeige

Wie im gesamten Verlauf der Pandemie zeigen sich auch derzeit teils starke regionale Unterschiede hinsichtlich der Infektionszahlen. Während Thüringen aktuell mit einer Sieben-Tage-Inzidenz von 288,9 den höchsten Wert aufweist, liegt das Saarland mit einer Inzidenz von 66,8 deutlich unter dem bundesweiten Wert. Auffällig ist dabei auch, dass aktuell vor allem die Bundesländer mit langen Außengrenzen hohe Infektionszahlen verzeichnen – etwa Bayern, Baden-Württemberg und Sachsen.

„Eine mögliche Erklärung für die teils hohen Inzidenzen in vielen Grenzregionen könnte auch der höhere Anteil an Urlaubern sowie Grenzgängern für die Arbeit aus Nachbarländern mit hohen Inzidenzen sein“, sagt Zeeb. Beispielsweise beträgt die Sieben-Tage-Inzidenz in Österreich aktuell 313, in den Niederlanden 256,5 – und ist damit deutlich höher als in Deutschland.

Jedoch sind auch die regionalen Unterschiede „multifaktorielle Geschehen“, betont Stürmer. Beispielsweise zeigt sich auch ein Zusammenhang zwischen dem jeweils variierenden Zeitraum der Sommerferien und der Inzidenz. „Das je nach Bundesland unterschiedliche Ende der Sommerferien hatte sicherlich auch einen Einfluss auf das Infektionsgeschehen gehabt.

In den Bundesländern, die ein spätes Ende hatten, sind die Inzidenzen besonders hoch“, sagt der Virologe. In Bayern endeten die Sommerferien beispielsweise erst am 13. September – und die Inzidenz liegt mit einem Wert von 221,9 deutlich höher als in Schleswig-Holstein (66,8), wo die Ferien bereits am 31. Juli endeten.

Experten: Impfquote noch zu niedrig – und mehr Impfdurchbrüche durch abnehmende Immunität

Ein weiterer Grund für die steigenden Zahlen ist, dass die Impfquote in Deutschland noch zu niedrig ist, sind sich Stürmer und Zeeb einig. „Die Impfquote ist deshalb aktuell kein Grund dafür, komplett auf Infektionsvermeidung zu verzichten – zumal es sich nicht um Impfstoffe handelt, die auf Delta optimiert sind“, sagt Stürmer.

Zudem komme es auch vermehrt zu Impfdurchbrüchen, da der Impfschutz mit der Zeit abnehme. Problematisch sei daher, dass gerade auch die geimpften Risikopatientinnen und Risikopatienten gefährdet sind, weil ihre Impfung meist schon am weitesten zurückliegt. „Jemand, der vor einem Dreivierteljahr geimpft worden ist und über 70 ist, dürfte nach aktuellem Kenntnisstand eigentlich nicht mehr als vollständig geimpft gelten“, betont Stürmer.

Epidemiologe spricht sich für Boosterimpfungen aus

Die Impfungen bleiben jedoch das Mittel der Wahl, da sie laut Zeeb vor allem vor schweren Krankheitsverläufen nachweislich schützen. Das zeige sich auch an der aktuellen Situation auf den Intensivstationen: „Vor einem Jahr mussten Menschen mit schweren Krankheitsverläufen auf einer Intensivstation behandelt werden, weil es noch keine Impfstoffe gab – und auch heute landen größtenteils Ungeimpfte im Krankenhaus“, betont der Epidemiologe.

Auch das RKI betont in seinem aktuellen Wochenbericht vom 28. Oktober, dass der Anteil der Impfdurchbrüche an allen Covid-19-Fällen zeige, „dass nur ein geringer Anteil der hospitalisierten, auf Intensivstation betreuten bzw. verstorbenen Covid-19-Fälle als Impfdurchbruch zu bewerten ist“. Laut Zeeb gelte es jedoch, weitere Impfdurchbrüche zu verhindern – und hierfür die Boosterimpfungen gezielt einzusetzen. „Wenn bei vollständig geimpften Menschen davon auszugehen ist, dass der Impfschutz etwa aufgrund des Alters oder Vorerkrankungen nachgelassen hat, werden sie von einer Auffrischimpfung profitieren und sollten das Angebot nutzen“, betont Zeeb.

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen