Wissenschaftler werben für mehrere harte Lockdowns

  • Der seit Anfang November geltende Teil-Lockdown reicht nicht aus, um die Zahlen zu senken, sagen die Physiker Viola Priesemann und Jan Fuhrmann.
  • Ihre Modellanalysen zu Pandemieszenarien zeigen: Mehrere kurze, aber harte Lockdowns könnten Deutschland besser durch den Winter bringen – bis ein Impfstoff und besseres Wetter helfen.
  • In den Bereichen Freizeit, Arbeit und Schulen gebe es noch viel Spielraum für die Politik.
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Wissenschaftler fordern ein Umdenken bei der Strategie zur Eindämmung der Corona-Infektionen – wenn die Infektionszahlen weiter sinken sollen. Mit den derzeit geltenden Maßnahmen blieben die Zahlen sehr wahrscheinlich auf einem ähnlichen Niveau, prognostiziert Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation. „Wir sehen seit mehreren Wochen stabile Fallzahlen, es gibt also kaum einen Grund, dass wir jetzt – ohne eine Verhaltensänderung – einen deutlichen Rückgang sehen sollten“, sagte die Physikerin dem RND.

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Söder: „Ich möchte es nochmal klar begründen, warum das notwendig ist. Wir erleben, dass wir einen Teilerfolg haben.“  © Reuters

Der Mathematiker und Physiker Jan Fuhrmann, der am Forschungszentrum Jülich Szenarien zum Pandemieverlauf errechnet, hofft angesichts der verschärften Maßnahmen in den kommenden zwei bis drei Wochen zwar auf „leicht fallende Inzidenz“, wie er dem RND erläuterte. Da sich das Wetter aber verschlechtert habe, hielten sich die Menschen noch mehr in geschlossenen Räumen auf, wo die Kontakte tendenziell gefährlicher sind. „Diese Verlagerung nach drinnen kann dazu führen, dass die trotz aller Einschränkungen verbleibenden Kontakte infektionswirksamer sind als noch vor wenigen Wochen“, erklärt der Mathematiker.

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Hohe Todeszahlen in Altenheimen

Bleibe es bei vielen Ausbrüchen in Seniorenheimen und Pflegeeinrichtungen, sei auch mit einem baldigen Fallen der Todeszahlen nicht zu rechnen. Eine Gefahr, auf die Priesemann zudem aufmerksam macht: Die Kontakte der Menschen könnten mit den Weihnachtsferien und Feiertagen deutlich zunehmen.

Seit Ende November wissen wir aber, dass es leider nicht gereicht hat.

Viola Priesemann, Physikerin am Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation
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Und Fuhrmann resümiert: „Aus mathematischer Sicht ist der Weg zu fallenden Zahlen klar: Enge Kontakte zwischen Infizierten und noch nicht Infizierten müssen weiter deutlich gesenkt werden.“ Ob das durch individuelle Vorsicht und freiwillige Einschränkungen im privaten Bereich oder durch deutlich verschärfte staatliche Vorgaben geschieht, sei für das Infektionsgeschehen letztendlich unerheblich.

Weniger Kontakte: Lockdown jetzt verschärfen?

Die Zahlen werden also auf hohem Niveau bleiben – wenn sich nichts ändert. Bayern verschärft deshalb seine Corona-Maßnahmen bereits deutlich, auch in anderen Bundesländern geht die Debatte um eine Verschärfung des Lockdowns in eine weitere Runde. Von der politisch festgelegten Zahl 50 ist Deutschland weiterhin weit entfernt: Die Inzidenz der vergangenen sieben Tage liegt deutschlandweit bei 142 Fällen pro 100.000 Einwohner. „In den Bundesländern Bayern, Berlin und Thüringen liegt sie deutlich, in Sachsen sehr deutlich darüber“, meldet das Robert-Koch-Institut in seinem Situationsbericht vom Sonntag.

Der Teil-Lockdown sei einen Versuch wert gewesen, sagt Priesemann. „Seit Ende November wissen wir aber, dass es leider nicht gereicht hat.“ Was also tun, um durch den Winter zu kommen? Gibt es eine Alternative zum Teil-Lockdown mit konstant hohen Todeszahlen, schweren Covid-19-Verläufen und einem Gesundheitswesen am Limit? Priesemann ist davon überzeugt, dass ein kurzer, aber wirklich konsequenter Lockdown für zwei bis drei Wochen effektiver wäre als ein monatelanger Teil-Lockdown in der derzeit geltenden Form. Viele Länder, darunter beispielsweise Frankreich, hätten sehr klar gezeigt, dass man die Fallzahlen durch entschiedene Maßnahmen zügig senken kann.

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Wenn man die Fallzahlen schnell senken will, sollte man an allen Schrauben deutlich drehen – damit man sie danach wieder lockern kann.

Viola Priesemann

Der Ansatz ist unter Wissenschaftlern nicht neu. Auch die Mathematiker des Forschungszentrums Jülich haben bereits Anfang November mögliche Szenarien bei unterschiedlichen Maßnahmen errechnet. Die Daten zeigten bereits damals: Der vierwöchige Teil-Lockdown reiche wahrscheinlich nicht aus, um eine dritte, noch deutlich stärkere Covid-19-Welle im Winter zu vermeiden. Auch das Team um Fuhrmann spricht sich deshalb für eine Strategie mit kurzen, aber harten Maßnahmen aus: Die Einführung von ein bis zwei weiteren zweiwöchigen Shutdown-Perioden im Winter und Frühjahr als „Wellenbrecher“ könnten es den Berechnungen zufolge ermöglichen, Grundaktivitäten aufrechtzuerhalten und die Infektionen unter Kontrolle zu halten.

Aber wo sollte diese Strategie konkret ansetzen? „Wenn man die Fallzahlen schnell senken will, sollte man an allen Schrauben deutlich drehen – damit man sie danach wieder lockern kann“, erläutert Priesemann. Die Physikerin sieht noch viel Spielraum in den Bereichen Freizeit, Arbeit und Schulen. Sprich: keine Gruppenveranstaltungen, so viel Homeoffice wie möglich und Fernunterricht für alle Schüler, für die das sozial verträglich ist.

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