• Startseite
  • Gesundheit
  • Corona-Zahlen niedrig: Warum rechnet Christian Drosten trotzdem mit vierter Welle im Herbst?

Warum Drosten trotz niedriger Corona-Zahlen mit der Herbstwelle rechnet

  • Zu wenige Menschen in Deutschland seien geimpft, die Zahlen sehen übel aus, sagt der Virologe Christian Drosten.
  • Er rechnet damit, dass sich im Oktober die Herbstwelle zeigt, und pocht auf die Impfung.
  • Allein ist der Corona-Experte mit dieser Einschätzung nicht.
Anzeige
Anzeige

Fachleute rechnen damit, dass der Trend sinkender Fallzahlen im Herbst und Winter nicht bestehen bleibt. So hält der Virologe Christian Drosten die derzeitige Beruhigung der bundesweiten Corona-Infektionszahlen für ein vorübergehendes Phänomen. Es sei schon zu sehen, dass in ostdeutschen Bundesländern die Inzidenz offenbar unabhängig vom Ferienende wieder Fahrt aufnehme. „Ich denke, da deutet sich jetzt die Herbst- und Winterwelle an, die wir im Oktober wohl wieder sehen werden“, sagte der Wissenschaftler von der Berliner Charité am Dienstagabend in einem Auszug aus dem Podcast „Coronavirus-Update“ bei NDR Info.

Ähnlich sieht das Hajo Zeeb vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie. „Wir haben klar eine andere Situation als letztes Jahr, aber wenn wir eins gelernt haben, dann doch: Die Pandemie verläuft in Wellen, und die Höhepunkte der Wellen liegen eher in den kalten Jahreszeiten“, sagte der Epidemiologe dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Insofern ist es gute Vorsicht, damit zu rechnen, dass die Zahlen noch einmal ansteigen, oder aber – wie in Großbritannien – auf einem Niveau bleiben.“

Die Pandemie und wir Der neue Alltag mit Corona: In unserem Newsletter ordnen wir die Nachrichten der Woche, erklären die Wissenschaft und geben Tipps für das Leben in der Krise ‒ jeden Donnerstag.
Anzeige

Der vorherige Anstieg der Inzidenz vor wenigen Wochen sei Drosten zufolge insbesondere auf das Testen an Schulen nach Ende der Sommerferien und eingeschleppte Fälle zurückzuführen gewesen – und war noch nicht unbedingt der Beginn der Winterwelle. Angesichts der gegenwärtigen Quote von rund 64 Prozent vollständig Geimpften in der Bevölkerung gehe er in diesem Jahr von deren Losrollen zu einem Zeitpunkt wie im Vorjahr aus, sagte der Corona-Experte. Damals sei es in der zweiten Oktoberhälfte eindeutig gewesen, „dass wir wieder in einen exponentiellen Anstieg gehen“.

Video
Virologe Drosten warnt: Corona-Winterwelle deutet sich mancherorts an
1:26 min
Die deutlich ansteckendere Delta-Variante des Coronavirus dominiert in Deutschland. Dennoch war die bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz zuletzt rückläufig.  © dpa-Video

SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach hält Drostens Prognose für schlüssig. Seine Analyse treffe leider zu, tweetete er am Mittwoch. „In wenigen Wochen werden die Fallzahlen wahrscheinlich wieder steigen. Wollen wir das verhindern, müssen wir 2G-Regeln umsetzen und mehr Anreize für das Impfen geben.“

Anzeige

Impflücken schließen: eine politische Aufgabe

Das Schließen der Impflücken müsse gesamtgesellschaftliches Ziel sein, betonte auch Virologe Drosten. Es gelte, noch Ungeimpfte zu überzeugen oder anderweitig dazu zu bringen, sich impfen zu lassen. Dies sei keine wissenschaftliche Aufgabe mehr, sondern eine politische. Den derzeitigen Impffortschritt wertete der Virologe als unzureichend. „Die Zahlen sehen übel aus.“ Dänemark etwa sei in einer deutlich besseren Position als Deutschland. Drosten verwies zwar auf die Unsicherheit, dass sich hierzulande möglicherweise bereits mehr Menschen impfen ließen als bislang im Meldesystem erfasst. Dies sei im Moment eine „schöne Hoffnung“, dürfe aber nicht Basis für Entscheidungen und Planungen sein.

Tatsächlich sind laut RKI-Impfquotenmonitoring 16 Prozent der über 60‑Jährigen – also 3,3 Millionen – noch nicht vollständig gegen Covid‑19 geimpft. Sie tragen ein erhöhtes Risiko für einen schweren Covid-19-Verlauf. Auch in den anderen Altersgruppen ist bei den Impfungen noch Luft nach oben: Bei den 18‑ bis 59‑Jährigen sind 30 Prozent ungeimpft, bei den Zwölf‑ bis 17-Jährigen sind es rund 66 Prozent. Die hohe Rate an ungeimpften Kindern und Jugendlichen lässt sich dadurch erklären, dass ein Corona-Impfstoff für sie erst später zugelassen wurde.

Maßnahmen notwendig: Verlauf der Herbstwelle kaum vorhersehbar

Fachleute sprechen sich deshalb für ein vorsichtiges Vorgehen aus. Maßnahmen wie die 2G‑ und 3G‑Regel sollten vorerst weiter beibehalten werden. Das Infektionsgeschehen müsse weiterhin durch Maßnahmen unter Kontrolle gehalten werden – „allerdings eher mit individuellen Maßnahmen als mit Schließungen von Einrichtungen oder Einschränkungen ganzer Gesellschaftsbereiche“, heißt es in einem RKI-Strategiepapier.

Anzeige

„Wenn wir im Herbst komplett aufmachen, könnte das eine unkontrollierbare Infektionswelle auslösen“, mahnte auch Alexander Kekulé, Direktor des Instituts für medizinische Mikrobiologie an der Universität Halle, im RND-Interview. Die weitere Entwicklung der vierten Welle lasse sich nur schwer vorhersagen. „Gingen im vergangenen Jahr die Inzidenzen hoch, war weitgehend klar, wie viele Menschen erkranken und sterben. Jetzt ist die Analyse komplizierter. Es ist wirklich schwierig zu sagen, wie sich die Impfungen auf die Bettenbelegung in den Kliniken und die Sterblichkeit auswirken werden.“

Corona-Therapie: Die beste Medizin bleibt die Impfung

Anders als zu Beginn der Pandemie können Medizinerinnen und Mediziner bei der Behandlung von schwerem Covid-19 zwar auf den Wirkstoff Dexamethason und antivirale Antikörper zurückgreifen. Clemens Wendtner von der München Klinik Schwabing warnt jedoch davor, in der Winterwelle auf Medikamente zu setzen. „Es wäre ein Trugschluss zu denken, dass es keine Impfung gegen Covid-19 braucht, weil es wirksame und gute Medikamente gäbe“, sagte der Infektiologe im Gespräch mit dem RND. Es gebe nach wie vor keinen großen Durchbruch, Covid-19 lasse sich medikamentös nicht heilen. „Die beste Medizin bei Covid ist die Prophylaxe. Und das ist die Impfung.“

Anzeige

Eine Schwachstelle der antiviralen Antikörper ist Wendtner zufolge, dass diese bereits in einem sehr frühen Stadium der Erkrankung verabreicht werden müssten, um Wirkung zu entfalten. Mit 2000 bis 4000 Euro pro Infusion seien sie auch relativ teuer. Virologe Drosten zufolge sollten monoklonale Antikörper eher den wenigen Patienten vorbehalten bleiben, die nicht geimpft werden können oder die nicht auf die Impfung reagieren. Das schilderte er im Podcast. Auch eine vorbeugende Anwendung bei hoch gefährdeten Patienten sei denkbar. „Aber das ist alles keine Lösung, die man allgemein empfehlen würde. Und das ist in Konkurrenz zur Impfung einfach immer die schlechtere Lösung.“

RND/she/lb/dpa

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen