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Das kindliche Immunsystem im Corona-Winter: Wie wird es fit – und schaden die Masken?

  • Das Immunsystem ist ein ausgeklügeltes System, das uns Menschen ein Leben lang vor Krankheiten schützt.
  • Wie aber kann es funktionieren, wenn es weniger Kontakt zu Keimen gab durch Lockdown und Maske tragen?
  • Fünf Fragen und Antworten zu den Mechanismen – und wie sich die körpereigene Abwehr auch ohne schwere Infektionen trainieren lässt.
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Die körpereigene Immunabwehr schützt ein Leben lang vor Krankheiten. Auch im Herbst und Winter, wenn besonders viele respiratorischen Viren unterwegs sind. Verändert die Pandemie die Entwicklung des Immunsystems bei Kindern, weil es weniger Kontakte und Maskenpflicht gab? Muss der Körper auch schwere Infektionen durchmachen, um den Immunschutz aufzubauen? Und kann man die Abwehr auf natürliche Weise besonders stärken oder trainieren? Fünf Fragen und Antworten zu den Mechanismen des Immunsystems.

1. Wie entwickelt sich das Immunsystem?

Unterschiedlichste Moleküle und Zellen bilden das körpereigene Immunsystem. Sie interagieren in komplexen Abläufen miteinander und schützen den Menschen vor Krankheiten. Die große evolutionäre Leistung: Ein großer Teil des Immunsystems ist angeboren. Heißt also: Es ist von Geburt an vorhanden und hält eine erregerspezifische Immunabwehr parat.

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Aus dem Knochenmark bilden sich von Beginn an permanent neue Immunzellen. Diese wandern durch den ganzen Körper und schützen ihn vor Keimen – ohne dass man ihnen das durch äußere Einflüsse und Kontakt mit Erregern von außen beibringen müsste. Im Körper befinden sich also ganz automatisch Milliarden weiße Blutkörperchen, beispielsweise T‑Zellen, B‑Zellen, Makrophagen und Monozyten. Kleinkinder sind mit dieser Vielzahl an Immunzellen bereits für den Großteil der Erreger gewappnet, die ihnen im Laufe des Lebens begegnen werden. Im Falle einer Infektion springt das Immunsystem an – und bekämpft den Krankheitserreger.

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Ein weiterer wichtiger Mechanismus ist das erworbene Immunsystem. Dieses wird in den ersten Lebensjahren zusätzlich gebildet und lässt die Immunantwort noch spezifischer werden. Das passiert, indem der Körper jeden Tag mit Tausenden von Keimen in Berührung kommt. Neugeborene bekommen von der Mutter bereits direkt einen Antikörperschutz gegen Infektionen mitgegeben. Danach erfolgt die Auffrischung durch Kontakt mit Keimen quasi überall: beim Spielen im Garten, beim Einatmen von Pollen, Gräsern und Tierhaaren, beim Toben mit den Geschwistern oder den Kita-Kindern, selbst beim Busfahren.

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Die körpereigene Abwehr lernt dabei, noch besser gegen Bakterien, Viren, Würmer und Pilze vorzugehen. Kommt es im Laufe des Lebens erneut zum Kontakt mit ebendiesen Erregern, reagiert das Immunsystem dann noch effektiver – und schneller. Es merkt sich alle diese Pathogene, mit denen der Körper sich jemals infiziert hat, im sogenannten immunologischen Gedächtnis. Einige Krankheiten macht man deshalb nur einmal im Leben durch, Mumps etwa. Taucht aber ein bis dahin für den Körper ganz neuer oder veränderter Erreger auf, etwa Sars-CoV-2 oder Influenza, kann die erworbene Immunantwort dem angeborenen System nicht zusätzlich helfen.

2. Schaden Masken und weniger Kontakte dem Immunsystem?

Bleiben Infektionen etwa mit Erkältungsviren über einen gewissen Zeitraum im Kindesalter aus, zum Beispiel durch weniger Kontakte im Lockdown, verschiebt sich die Auffrischung der Grundimmunität über das erworbene Immunsystem nach hinten, wenn wieder mehr Kontakte stattfinden. Das zeigt sich beispielsweise gegenwärtig daran, dass sich in vielen Ländern das RS-Virus wieder vermehrt unter Kindern ausbreitet – wie auch vor der Pandemie. Das ist ein weltweit weit verbreiteter Erreger, der zu einer der Influenza ähnelnden akuten Atemwegsinfektion führt, sehr oft schon bei Säuglingen und Kleinkindern. Auch nach der ersten Infektion kommt es häufig zu Reinfektionen, die dann meistens weniger schwer verlaufen.

Dass nun diese Infektionen unter Jüngeren vermehrt stattfinden, ist auf wieder mehr Kontakte zurückzuführen. „Das Immunsystem braucht dann bei Kontakt mit respiratorischen Viren vielleicht etwas mehr Zeit, um anzuspringen“, erklärt Christine Falk, Präsidentin der Gesellschaft für Immunologie. „Aber die Sorge, dass man durch Maske tragen, Abstand halten und lüften auf lange Sicht irgendwelche Schäden im Immunsystem anrichtet, kann man klar mit Nein beantworten“, sagte sie im RND-Interview.

Das Immunsystem bleibt der Immunologie­professorin zufolge trotzdem kompetent, die Funktionsweise erhalten. „Es arbeitet immer ‚gratis‘ für uns mit und funktioniert selbst unter sterilen Bedingungen. Es schläft nicht ein, und wird auch durch Maske tragen beim Zusammenkommen größerer Gruppen nicht träge.“ Auch weniger Kontakte über zwei Jahre hinweg schädigten den Aufbau des Immunsystems nicht – eben weil es neben der erworbenen auch die angeborene Immunantwort gibt.

3. Muss der Körper Infektionen durchmachen, damit das Immunsystem funktioniert?

Immer dann, wenn im Abwehrsystem noch eine Lücke besteht, kann es zu einer Infektion kommen. Dabei wird der erworbene Teil des Immunsystems quasi trainiert. Forschende vermuten, dass dieses automatische tägliche Training durch Kontakt mit einer Vielzahl an viralen und bakteriellen Antigenen in jungen Jahren wichtig sein könnte, um Allergien und Autoimmun­erkrankungen zu vermeiden. Zu leichten Infektionen zählen beispielsweise ein Schnupfen, ein Magen-Darm-Infekt oder eine Mittelohrentzündung.

Dabei spielen verschiedene T‑Zellen eine entscheidende Rolle – der einzige Bestandteil des Immunsystems, der sich wohl nicht lebenslang erneuern kann. Sie sorgen dafür, dass der Körper unterscheiden kann, welche Substanzen aus der Umwelt wirklich zu bekämpfen sind und von welchen keine Gefahr ausgeht. Sprich: Haben die T‑Zellen gut trainiert, bleibt auch das Immunsystem im Gleichgewicht – so die vorläufige Theorie. Vollständig geklärt ist der Zusammenhang zwischen Allergien und Abläufen im Immunsystem allerdings noch nicht.

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Finden gar keine Infektionen statt, könnte das also nachteilige Auswirkungen haben. Trotz Maske tragen in bestimmten Situationen hätten Kinder aber täglich überall reichlich Kontakt mit sehr vielen Keimen, um die erworbene Immunantwort ausreichend zu stimulieren, betont Immunologin Falk. Vor schwereren Infektionen, etwa mit Sars-CoV-2, RS- oder Grippeviren, welche die Gesundheit auch bei Jüngeren gefährden können, sollte man sich der Expertin zufolge deshalb lieber schützen.

4. Wie kann man das Immunsystem noch trainieren?

Weil schwerere Infektionen hochansteckend sein können, sich schnell ausbreiten und schwerwiegende gesundheitliche Folgen haben können, gibt es neben der angeborenen und der erworbenen Immunantwort heutzutage noch einen dritten Mechanismus, um den Körper auf Infektionen vorzubereiten: die Impfung. Dabei erhält der Körper per Spritze eine inaktivierte Form des Erregers. Ihm wird dann vorgegaukelt, mit dem Erreger in Kontakt gekommen zu sein. Ein Immunschutz kann aufgebaut werden, ohne dass man ernsthaft krank wird. Ein Immungedächtnis bildet sich trotzdem aus. Beim nächsten Kontakt ist der Körper gewappnet, das Immunsystem kann einen Schutz aufbauen.

1796 wurde das Prinzip erstmals gegen Kuhpocken angewandt. Heutzutage gibt es eine Reihe von Impfempfehlungen durch die Ständige Impfkommission (Stiko), insbesondere auch für Kinder: zum Beispiel gegen Masern, Keuchhusten, Mumps, Tetanus und Polio. Auch gegen Covid-19 können sich über Zwölfjährige in Deutschland bereits impfen lassen. Für unter Zwölfjährige steht die Zulassung noch aus, Studien laufen aber bereits.

5. Kann man das Immunsystem auf natürliche Weise stärken?

Es gibt keine wissenschaftlich aussagekräftigen Untersuchungen, inwiefern bestimmte pflanzliche Mittel oder homöopathische Präparate gegen „Abwehrschwäche“ oder Ähnliches den Aufbau eines gesunden Immunsystems in jungen Jahren positiv beeinflussen könnten. „Darüber hinausgehende Maßnahmen zur Stärkung des Immunsystems, wie sie vielfach in der Werbung angepriesen werden, sind nicht nötig und die meisten sind schlicht wirkungslos“, betont die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin.

Sie rät allerdings – auch wenn die Evidenz in Bezug auf das Immunsystem fehlt – zu einfachen der Gesundheit von Kindern zuträglichen Maßnahmen:

  • Täglich für 30 bis 60 Minuten an die frische Luft gehen.
  • für eine abwechslungsreiche Ernährung sorgen. Dabei kommt es laut Deutscher Gesellschaft für Ernährung nicht auf bestimmte Nährstoffe an, sondern darauf, möglichst vielfältig zu essen und überwiegend pflanzlich. Viel frisches Obst und Gemüse gehören also auf den Teller.
  • Die Raumtemperatur im Schlafraum auf 18 Grad drosseln, ausreichend schlafen und regelmäßig lüften.
  • Erwachsene sollten auf das Rauchen in geschlossenen Räumen verzichten.

Eine Therapie ist nur bei einer Erkrankung notwendig, wenn also eine Abwehrschwäche ärztlich diagnostiziert wurde. Die kann erworben sein und sich beispielsweise als chronische Krankheit, Krebs, bei Organ­trans­plantationen oder HIV äußern. Es gibt aber auch angeborene Immundefekte. Warnsignale können bei Kleinkindern laut dem Verein Deutsche Selbsthilfe Angeborene Immundefekte (DSAI) beispielsweise sein: mehr als achtmal pro Jahr eine eitrige Mittelohr­entzündung, unklare Exzeme, mehr als zwei Pneumonien innerhalb eines Jahres oder eine mehrfache Nebenhöhlen­entzündung. Bei einem Verdacht sollte das weitere Vorgehen mit dem Kinderarzt, der Kinderärztin, dem Hausarzt oder der Hausärztin besprochen werden.

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