Wie gefährlich ist die Delta-Variante für Kinder und Jugendliche?

  • Die Coronavirus-Variante Delta könnte für Kinder und Jugendliche gefährlich werden, meint Karl Lauterbach.
  • Der SPD-Politiker appelliert deshalb an die Ständige Impfkommission, eine allgemeine Impfempfehlung für Jüngere auszusprechen.
  • Doch die Datenlage bleibt weiterhin schwierig.
|
Anzeige
Anzeige

SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach hat der Ständigen Impfkommission (Stiko) nahegelegt, ihre eingeschränkte Empfehlung für Corona-Impfungen bei Kindern und Jugendlichen angesichts der ansteckenderen Delta-Variante zu überdenken. „Die Stiko argumentiert, dass Covid für Kinder harmlos sei. Für die Delta-Variante gilt dies meiner Ansicht nach aber nicht“, sagte er der „Rheinischen Post“. Eine Durchseuchung der Jüngeren sei zu riskant, Wechselunterricht keine Lösung. Lauterbach verwies auf Großbritannien, wo derzeit viele Kinder mit Covid-19 in den Kliniken behandelt werden müssten.

Stellt die zuerst in Indien nachgewiesene Delta-Variante tatsächlich eine derart große Gefahr für die jüngeren Altersgruppen dar, dass die Stiko ihre Empfehlung aktualisieren muss? Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) warnt vor Alarmismus: „Nach den jetzigen Erkenntnissen scheint auch die Delta-Variante in ihren Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche bezüglich schwerer Erkrankungen relativ harmlos zu sein“, teilt der Verband auf Anfrage des RedaktionsNetzwerks Deutschland mit.

Die Pandemie und wir Unser Alltag mit Corona: In unserem Newsletter ordnen wir die Nachrichten der Woche, erklären die Wissenschaft und geben Tipps für das Leben in der Krise ‒ jeden Donnerstag.
Anzeige

Delta kann sich bei Jüngeren schneller ausbreiten

Das legen auch Daten des britischen Office for National Statistics und der Gesundheitsbehörde Public Health England (PHE) nahe. Demnach werden Kinder und Jugendliche derzeit nicht häufiger im Krankenhaus wegen einer Covid-19-Erkrankung behandelt als Erwachsene. Die Hospitalisierungsrate betrug in der Woche bis zum 20. Juni 1,60 pro 100.000 Einwohner in der Altersgruppe der 15- bis 24-Jährigen und 0,45 bei den Fünf- bis 14-Jährigen. Zum Vergleich: Bei den 25- bis 44-Jährigen lag die Rate bei 2,27; bei den 55- bis 64-Jährigen bei 1,90.

Fest steht jedoch, dass auch Kinder und Jugendliche sich mit der Delta-Variante leichter infizieren können. In der Woche bis zum 20. Juni sei die Zahl der infizierten Fünf- bis Neunjährigen im Vergleich zur Vorwoche um 70 Prozent gestiegen, heißt es in einem Bericht der „Sunday Times“. Bei den Zehn- bis 14-Jährigen sei es ein Plus von 56 Prozent gewesen. Die Zeitung beruft sich auf Daten der PHE.

„Es ist wichtig zu verstehen, dass die Delta-Variante übertragbarer und möglicherweise schwerwiegender ist, aber es handelt sich nicht um ein neues Virus“, sagte Prof. James Naismith, Direktor des Rosalind Franklin Instituts und der University of Oxford, am vergangenen Freitag dem britischen Science Media Center. „Diejenigen, die am meisten gefährdet sind, also ältere Menschen und solche mit gesundheitlichen Komplikationen, haben ein viel höheres Risiko einer schweren Erkrankung. Junge und gesunde Menschen haben ein viel geringeres, aber nicht Nullrisiko.“

Was bedeutet das für die Nutzen-Risiko-Abwägung der Stiko?

Was bedeutet das nun für die Stiko? Bisher hatte das Expertengremium, das am Robert Koch-Institut angesiedelt ist, immer argumentiert, dass die Datenlage noch zu gering sei, um eine allgemeine Impfempfehlung für Kinder und Jugendliche auszusprechen.

Die Stiko empfiehlt eine Corona-Impfung derzeit nur für Zwölf- bis 17-Jährige mit bestimmten Vorerkrankungen wie Adipositas oder Trisomie 21 sowie denen, die in ihrem Umfeld Angehörige oder andere Kontaktpersonen mit einem hohen Risiko für einen schweren Covid-19-Verlauf haben. Nach ärztlicher Aufklärung und individueller Risikoakzeptanz könnten sich aber auch Kinder und Jugendliche ohne Vorerkrankungen impfen lassen, heißt es in der aktuellen Impfempfehlung.

Video
RKI-Präsident: Müssen die niedrigen Inzidenzen verteidigen
1:47 min
Das Virus werde erst dann unter Kontrolle sein, wenn ein Großteil der Menschen einen Immunschutz habe, sagte RKI-Präsident Lothar Wieler.  © Reuters

„Die Stiko ist eine unabhängige, äußerst genau arbeitende Beratungsinstitution des Bundes“, lobt der BVKJ. „Sie wird die Lage wissenschaftlich engmaschig beurteilen und dann rechtzeitig zu einer Modifikation ihrer Empfehlungen kommen. Sich hier von der Politik erneut hetzen zu lassen erscheint wenig sinnvoll.“

Anzeige

Impfquoten in jüngeren Altersgruppen noch sehr gering

Das Risiko, an einer Infektion mit der Delta-Variante schwer zu erkranken, scheint jedenfalls für Kinder und Jugendliche weiterhin gering zu sein. Die entscheidende Frage ist daher dann: Ist das Risiko, bei einer Impfung Nebenwirkungen zu entwickeln, geringer? Dann stünde einer allgemeinen Impfempfehlung nichts mehr im Wege. Doch es sei gerade die Sicherheit des Corona-Impfstoffes von Biontech und Pfizer, zu der es im Bezug auf Kinder noch nicht genügend Daten gebe, so die Stiko. Die Zahl der in den klinischen Studien untersuchten Kinder und Jugendlichen sei zu klein gewesen, um häufige unerwünschte Ereignisse zu entdecken.

In Deutschland wurden bislang nur wenige Kinder und Jugendliche gegen Covid-19 geimpft. Die Impfquote bei den unter 18-Jährigen liegt im Durchschnitt bei 2,4 Prozent (Erstimpfungen) beziehungsweise 0,8 Prozent (Zweitimpfungen), wie aus Daten des Robert Koch-Instituts hervorgeht. Etwas weiter fortgeschritten ist die Impfkampagne in den USA: Dort haben 2,8 Prozent der Zwölf- bis 15-Jährigen sowie 2,0 Prozent der 16- bis 17-Jährigen eine erste Impfdosis erhalten. Vollständig immunisiert sind inzwischen 2,2 Prozent der Zwölf- bis 15-Jährigen und 1,8 Prozent der 16- bis 17-Jährigen. Das zeigen Daten der Centers for Disease Control and Prevention, die auch für die Impfempfehlung der Stiko relevant werden könnten.

Anzeige

BVKJ: Kita- und Schulschließungen „letzter Schritt in der Infektabwehr“

Noch sind die Impfquoten aber zu gering, um Risiken und Nutzen gegeneinander abzuwägen – geschweige denn die von Expertinnen und Experten prognostizierte vierte Corona-Welle zu verhindern. Es ist also davon auszugehen, dass sich im Herbst und Winter noch ungeimpfte Kinder und Jugendliche mit Delta infizieren werden. Zurzeit macht die Virusvariante in Deutschland rund 15 Prozent aller Neuinfektionen aus. Bis Ende August könnte sich ihr Anteil in Europa aber auf 90 Prozent erhöhen, glaubt die europäische Seuchenbehörde ECDC.

Der BVKJ mahnt schon jetzt: „Eine erneute Schließung von Kitas und Schulen darf nur noch der letzte Schritt in der Infektabwehr sein.“ Um Infektionen bei Ungeimpften zu verhindern, sei es zudem wichtig, „rundherum einen guten Schutz aufzubauen“, sagte Prof. Timo Ulrichs, Epidemiologe von der Akkon-Hochschule für Humanwissenschaften, im Gespräch mit N-TV. „Das heißt, die Erwachsenen sollten sich möglichst komplett impfen lassen. Dann ist das wie eine Sicherheitsmauer rund um die Menschen, die nicht geimpft werden.“

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen