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Der globale Reizbegriff: Was ist die “zweite Welle”?

Sieht so die zweite Welle aus? Menschen feiern in der Londoner Innenstadt.

Sieht so die zweite Welle aus? Menschen feiern in der Londoner Innenstadt.

Hannover. Die Sorge vor einer zweiten Welle in der Corona-Pandemie wird zunehmend größer. Doch an dem Begriff scheiden sich die Geister - die einen werden nicht müde zu erwähnen, dass Deutschland alles tun müsse, um eine zweite Welle zu verhindern. Die anderen weigern sich, den Begriff überhaupt zu verwenden.

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Tatsächlich ist der Begriff “zweite Welle”nicht eindeutig definiert. Er rührt von der Spanischen Grippe her, die im Frühjahr 1918 ausbrach und im Herbst desselben Jahres in einer zweiten, stärkeren Welle wiederkehrte. Das Bild der Welle schürt dabei vor allem Bedenken, weil sie als ein “Überrollen” wahrgenommen werden kann, das mögliche Auswirkungen offenlässt. Außerdem legt die Wortwahl nahe, dass es noch viele weitere Wellen geben könnte.

Hoher Anstieg von Fallzahlen als Anhaltspunkt

Im Fall der Corona-Krise wird der Begriff meistens in Zusammenhang mit einem erneuten, hohen Anstieg der Fallzahlen verwendet. Wie groß die Fallzahlen dabei sein müssen, ist allerdings nicht genau definiert. Auch der Zeitpunkt des Beginns einer zweiten Welle ist nicht einfach zu bestimmen. Eventuell sieht man sie erst, wenn man bereits mitten drin steckt: Denn neue Fälle könnten durch Inkubationszeit und Meldeverzögerung erst nach mehr als einer Woche oder einem noch längeren Zeitraum in den Statistiken auftauchen.

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Eine andere Möglichkeit ist, von einer zweiten Welle dann zu sprechen, wenn das Gesundheitssystem überfordert ist.

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Eine vorsichtige Definition der zweiten Welle könnte demnach eine Kombination aus steigenden Fallzahlen und einer Belastung des öffentlichen Gesundheitswesens sein. Das Ausbruchsgeschehen würde zudem nicht nur lokal isoliert stattfinden, sondern in breiten Teilen Deutschlands.

Derzeit gilt: Überschreitet die Zahl der Neuinfektionen binnen sieben Tagen auf 100.000 Einwohner gerechnet den Wert 50, können in Deutschland lokal Konsequenzen gezogen werden. Von einer zweiten Welle ist dann aber nicht unbedingt die Rede.

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RKI-Präsident Lothar Wieler sagte am Dienstag während eines Briefings, man könne derzeit nicht wissen, ob Deutschland sich am Beginn einer zweiten Welle befinde. Es könne sein, dass die derzeit steigenden Fallzahlen in Zukunft als der Beginn einer zweiten Welle gewertet würden. Wieler zeigte sich aber optimistisch, dass man das verhindern könne.

In seinem FAQ zu der Frage, ob es eine zweite Welle geben wird, äußert sich das RKI folgendermaßen: “Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung hat noch immer keinerlei Immunschutz gegen SARS-CoV-2. Es muss damit gerechnet werden, dass die Fallzahlen wieder ansteigen können und es zu einer zweiten COVID-19-Welle kommen kann.” Wann diese zweite Welle in Deutschland beginnen könnte und wie stark sie ausfällt “lässt sich nicht vorhersagen.” Das RKI verweist auf bestehende Vorsichts- und Schutzmaßnahmen um das Coronavirus weiterhin im Zaum zu halten.

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Probleme der “Wucht” der zweiten Welle

Laut dem Virologen Christian Drosten gebe es bei der zweiten Welle einen entscheidenden Unterschied: Während der Start der Corona-Pandemie in Deutschland in wenigen Orten und von wenigen Menschen ausging, breche die zweite Welle an vielen Punkten Deutschlands aus. Und genau darin läge auch die Gefahr: “Auf einmal hat man eine Wucht einer Infektionswelle innerhalb von einem Monat, die man nicht erwartet hatte”, so der Virologe im NDR-Podcast im April.

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Diese Wucht zeigt sich in einigen Ländern, in denen das Coronavirus eigentlich als eingedämmt galt. In Südkorea zum Beispiel spricht die Regierung in Seoul inzwischen offiziell von einer möglichen “zweiten Welle”. In Südkoreas Hauptstadt Seoul erwägt man derzeit strengere Maßnahmen gegen das Coronavirus.

Kritiker des Begriffs: Zweite Welle suggeriert ein falsches Bild

Doch es gibt auch Experten die den Begriff “zweite Welle” eher ablehnen. Ihr Argument: Die “erste Welle” sei noch nicht einmal vorbei. Der Bonner Virologe Hendrick Streeck etwa findet, der Begriff suggeriere, dass die erste Welle bereits abgeschlossen sei und die zweite viel schlimmer werde. “Wir müssen realisieren, dass das Virus hier ist und nicht mehr weggehen wird, dass wir es gewissermaßen mit einer Dauerwelle zu tun haben”, so Streeck gegenüber der “FAZ”.

Gernt Antes, Honorarprofessor der Medizinischen Fakultät an der Universität Freiburg erklärte im Interview mit dem “Spiegel”: “Der Begriff vermittelt ein völlig falsches Bild.” Eine zweite Welle verdeutliche einen völlig neuen Vorgang, der von einem bestimmten Punkt angestoßen werde. Doch genau das hält Antes für falsch. “Das Virus ist ja nicht verschwunden, die Infektionsketten schwelen weiter. An jeder roten Fußgängerampel kann es zu sporadischen Übertragungen kommen”, so Antes.

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RKI-Chef Wieler warnt vor steigenden Fallzahlen

In Deutschland ist die Zahl der bekannten Infektionen um 633 auf 206.242 angestiegen, wie aus Daten auf der Internetseite des Robert-Koch-Instituts hervorgeht.

Was tun gegen eine zweite Welle?

Um Corona-Ausbrüche im Allgemeinen verhindern zu können, müssen Vorsichtsmaßnahmen weiterhin eingehalten werden. Das RKI schreibt, dass vor allem die schnelle Erkennung von Fällen, Clustern und Ausbrüchen dazu beitragen, die Ausbrüche einzudämmen.

Darüberhinaus spielen viele Faktoren eine Rolle: zum Beispiel saisonale Effekte, die Aufrechterhaltung und Einhaltung von Infektionsschutzmaßnahmen oder die Mobilität der Bevölkerung. Man müsse weiterhin achtsam sein und Verhaltensregeln und -empfehlungen zum Schutz vor Covid-19 einhalten.


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