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Geschützt vor Ansteckung?

Was die Sommerwelle für den Corona-Herbst bedeutet

Die Omikron-Variante könnte im Herbst für Reinfektionen sorgen.

Die Omikron-Variante könnte im Herbst für Reinfektionen sorgen.

Die Corona-Sommerwelle hat Deutschland fest im Griff. Die Krankenhäuser warnen vor stark ausgelasteten Intensivstationen, vielerorts kommt es zu Personalengpässen und die bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz verharrt laut Robert Koch-Institut (RKI) auf hohem Niveau. „In allen Altersgruppen bleiben der Infektionsdruck in der Allgemeinbevölkerung und die damit assoziierten Belastungen des Gesundheitswesens hoch“, heißt es im jüngsten RKI-Wochenbericht.

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Wie hoch die Inzidenz genau ist, weiß niemand, da sich viele Menschen gar nicht mehr testen und Infektionen dadurch unentdeckt bleiben oder sie keinen PCR-Test vornehmen und die Infektion dann nicht in die Statistik eingeht. Die vom RKI veröffentlichte Inzidenz betrug am Dienstag 744,2. Doch Gesundheitsminister Karl Lauterbach geht längst von einer realen Inzidenz zwischen 1500 und 2000 aus. Was bedeuten die vielen Infektionen für den Herbst? Können Infizierte davon ausgehen, immun gegen eine Ansteckung zu sein?

Omikron-Sublinie BA.5 in Deutschland vorherrschend

Die Sommerwelle geht auf die Omikron-Untervariante BA.5 zurück. Sie dominiert seit Mitte Juni das Infektionsgeschehen in Deutschland und macht inzwischen einen Anteil von 83 Prozent aller nachgewiesenen Infektionen aus, so das RKI. Allerdings handelt es sich bei Omikron um eine Immun-Escape-Variante: Bei einer Covid-19-Erkrankung bauen die Immunzellen kein gutes immunologisches Gedächtnis auf und eine erneute Infektion (Reinfektion) ist leichter möglich. Die Folge: „Wer sich im Sommer infiziert hat, muss mit einer erneuten Infektion im Herbst oder Winter rechnen“, erklärt der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit von der Universität Hamburg. „Daher kann es auch im Herbst zu einer Infektionswelle kommen, aber nicht zu einer Krankheitswelle wie noch zu Beginn der Pandemie.“ Denn die Immunität durch Impfung und Infektion sorgt dafür, dass trotz hohem Infektionsdruck die meisten Menschen nicht schwer erkranken oder gar sterben.

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„Die Immunität durch Impfung oder Infektion im Sommer schützt nicht vor einer Ansteckung im Herbst.“

Jonas Schmidt-Chanasit,

Virologe an der Universität Hamburg

Diese Einschätzung teilt der Bremer Epidemiologe Hajo Zeeb vom Leibnitz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie. „Wenn BA.5 dominierende Variante bleibt, müssen wir mit vielen Reinfektionen im Herbst rechnen – aber milden Verläufen“, sagt er dem RND. „Es werden sich auch in Herbst und Winter viele Menschen infizieren, es wird Ausfälle bei der Arbeit und erneut Personalengpässe geben“. Da der Schutz durch Impfung und Infektion bereits nach wenigen Wochen nachlasse, helfe es laut Zeeb auch nicht, sich jetzt absichtlich zu infizieren, um für den Herbst womöglich geschützt zu sein.

RKI: Lage bleibt angespannt – Ältere besonders gefährdet

Es ist Sommer, das Leben findet größtenteils draußen statt, aber Corona will in diesem Jahr einfach nicht weichen.

Diese Annahmen gelten jedoch nur, wenn es im Herbst keine neue dominierende Variante gibt. Im besten Fall, betonen beide Experten, ändert sich an den gerade zirkulierenden Varianten bis zum Herbst nichts. So wären die meisten Menschen am längsten vor einer erneuten Infektion geschützt. „Ob sich eine neue Variante durchsetzt, ist noch offen, und das ist eine positive Nachricht“, sagt Zeeb. Denn je länger eine neue Variante auf sich warten lässt, umso besser komme Deutschland durch Herbst und Winter. Sollte sich dagegen im Herbst eine neue Virusvariante mit Immune-Escape-Eigenschaften durchsetzen, sei laut Schmidt-Chanasit „der Schutz vor einer Reinfektion schlechter und Reinfektionen können früher auftreten“.

Er betont, dass die Infektionen im Sommer das Risiko einer erneuten Infektion nur verschieben. „Das heißt, die Herbstwelle könnte einfach etwas später auftreten.“ Ob sie nun zwei, drei oder vier Monate später auftritt, hänge von vielen Faktoren ab, so Schmidt-Chanasit, unter anderem vom Verhalten der Bevölkerung, der dann zirkulierenden Variante und der Grundimmunität in der Bevölkerung.

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„Die Impfung in Kombination mit einer zusätzlichen Infektion sorgt für eine hohe Immunität.“

Hajo Zeeb,

Epidemiologe am Leibnitz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie

Die Grundimmunität, also geimpft oder genesen, gilt als entscheidend für die Pandemiebewältigung im Herbst und in den kommenden Jahren. Expertinnen und Experten vermuten eine hohe Immunität in der Bevölkerung. „Menschen ohne jede Immunität gibt es nicht mehr in einer Anzahl, die unser Gesundheitssystem im Herbst überlasten wird“, so die Einschätzung des Hamburger Virologen.

Doch genaue Zahlen fehlen bislang in Deutschland. Das bemängelt auch die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG). „Wir wissen noch immer nichts über den tatsächlichen Antikörperstatus in der Bevölkerung“, sagt der DKG-Vorstandsvorsitzende Gerald Gaß dem RND und fordert eine breit angelegte Studie. Es geht ihm dabei auch um die Fragen, nach welcher Zeit eine erneute Infektion möglich ist und wie lange ein Impfstoff schützt. Antikörpertests sind aber umstritten, da unklar ist, wie hoch der Antikörperspiegel für einen Schutz sein muss. Zudem sollten weitere Faktoren wie T-Zellen für das immunologische Gedächtnis berücksichtigt werden.

„Ob sich eine neue Variante durchsetzt, ist noch offen – und das ist eine positive Nachricht. Denn je länger eine neue Variante auf sich warten lässt, umso besser kommen wir durch Herbst und Winter.“

Hajo Zeeb,

Epidemiologe am Leibnitz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie

In Großbritannien hat eine Studie ergeben, dass dort 99 Prozent der Bevölkerung über Antikörper gegen das Coronavirus verfügen. Hierzulande konnte eine erste Studie der Universität Greifswald zeigen, dass 95 Prozent der untersuchten Blutproben von Kindern und Jugendlichen Corona-Antikörper enthalten. Ob durch Impfung oder Infektion, soll noch untersucht werden. Zumindest in dieser Bevölkerungsgruppe sei die Immunitätslücke nach Einschätzung von Schmidt-Chanasit so klein, dass von ihnen keine Gefahr für das Gesundheitssystem in der Herbstwelle ausgeht.

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Die Jüngeren waren aber ohnehin nie ein Problem für das Gesundheitssystem. Weniger als 5 Prozent der Patientinnen und Patienten mit Corona auf den Intensivstationen sind unter 30 Jahre alt (Stand: 18. Juli 2022). Die schweren Covid-Verläufe treten häufiger bei den über 60-Jährigen auf. Schmidt-Chanasit plädiert deshalb dafür, die Lücke der Viertimpfungen vor dem Herbst zu schließen.

„Bei Älteren ist es jetzt wichtig, die Lücke der Viertimpfungen, also dem zweiten Booster, vor dem Herbst zu schließen. Denn der zweite Booster senkt das Risiko für schwere Verläufe ebenfalls für eine gewisse Zeit.“

Jonas Schmidt-Chanasit,

Virologe an der Universität Hamburg

Der Anteil der schweren Fälle werde im Herbst gering bleiben, wenn keine neue Corona-Variante auftritt, so Zeeb. „Probleme könnte es im Herbst und im Winter geben, wenn sehr viele Menschen gleichzeitig erkranken.“ Denn bei einer hohen Gesamtzahl an Infizierten sei schließlich auch die Zahl der schweren Fälle hoch, sagt der Epidemiologe, und schon jetzt kämen erste Kliniken an die Belastungsgrenze.

Zeeb rechnet damit, dass der Höhepunkt der Sommerwelle bald erreicht ist und die Welle über die nächsten zwei Monate sinken wird. Dass sich Sommer- und Herbstwellen überlagern oder sich die Herbstwelle auf die aktuelle Welle draufsetzt, glaubt er nicht. Denn erst wenn das Wetter unbeständiger wird und sich die Menschen vermehrt in Innenräumen aufhalten, rechnet der Experte mit dem Einsetzen der Herbstwelle. Das könnte seiner Einschätzung nach im Oktober sein, vielleicht aber auch erst im November oder Dezember.

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