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Warum Covid-19-Medikamente keine Alternative zur Impfung sind – aber trotzdem „wichtig werden können“

  • Covid-19-Medikamente wie Molnupiravir des US-Pharmaunternehmens Merck und das Präparat Paxlovid von Pfizer geben einigen Menschen Hoffnung.
  • Doch können diese Corona-Therapien wirklich ein Durchbruch im Kampf gegen die Pandemie sein?
  • Expertinnen und Experten sind sich einig: Die antiviralen Arzneimittel können die Impfung nicht ersetzen. Einigen Risikopatientinnen und -patienten könnten sie jedoch helfen.
Frederik Jötten
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Seit Beginn der Pandemie gibt es immer wieder Schlagzeilen um vermeintlich hoch wirksame Medikamente gegen das Coronavirus Sars-Cov-2. Doch während Impfstoffe gegen Covid-19 seit fast einem Jahr zugelassen sind, ist ein ähnlich wirkungsvolles Arzneimittel gegen das Virus noch nicht erhältlich.

„Grundsätzlich gibt es zwei Arten von Medikamenten gegen Covid-19″, sagt Friedemann Weber, Direktor des Instituts für Virologie an der Uni Gießen. „Diejenigen, die das Virus bekämpfen und diejenigen, die gegen die überschießende Immunantwort wirken.“ Fortschritte gibt es seit geraumer Zeit in der Behandlung der Immunreaktion, hier hat sich besonders das Cortisonpräparat Dexamethason bewährt. Allerdings kommt es zum Einsatz, wenn sich das Virus bereits im Körper massiv vermehrt hat und bereits Schäden verursacht haben kann.

Deshalb suchen Forschende weltweit nach Wirkstoffen, die bereits die Vermehrung des Virus verhindern können – und sind dabei nun fündig geworden. Gerade machen die noch nicht in Deutschland zugelassenen Medikamente Molnupiravir des US-Pharmaunternehmens Merck und das Präparat Paxlovid der Konkurrenzfirma Pfizer Hoffnung.

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„Eine Wirksamkeit von fast 90 Prozent, besser geht es ja kaum“

Die Studien für beide Arzneimittel mussten abgebrochen werden, weil diese so gut wirkten – es ist dann ethisch nicht mehr vertretbar, Patientinnen und Patienten ein Placebo zu geben, um die Effektivität zu bestimmen. Insbesondere Paxlovid begeistert die Expertinnen und Experten, denn es verhindert nach Aussage von Pfizer bei Patientinnen und Patienten mit hohem Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf zu 89 Prozent, dass diese in eine Klinik müssen.

„Wenn sich das bestätigen sollte, ist das wirklich ein Durchbruch bei der Medikamentenentwicklung“, sagt Huldrych Günthard, Professor für Klinische Infektiologie an der Uniklinik Zürich. „Eine Wirksamkeit von fast 90 Prozent, besser geht es ja kaum.“ Es gibt allerdings noch keine wissenschaftliche Veröffentlichung der Studienergebnisse und diese beziehen sich nur auf rund 800 Teilnehmerinnen und Teilnehmer.

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Gegen diese Ergebnisse von Pfizer wirken die des Hoffnungsträgers Molnupiravir aus dem vergangenen Monat klein: Das Präparat verringert nach Angaben des Herstellers Merck die Einweisung ins Krankenhaus um etwa 50 Prozent – und einer neuen Studie zufolge sogar nur um etwa 30 Prozent. „Ob Paxlovid im Vergleich zu Molnupiravir besser oder schlechter wirkt, kann man erst sagen, wenn vergleichende Studien gemacht werden“, sagt Friedemann Weber. Allerdings hat Molnupiravir einen zeitlichen Vorsprung. In Großbritannien ist das Medikament bereits zugelassen, eine Zulassung bei der EMA wurde bereits beantragt. Das Rolling-Review-Verfahren läuft seit 25. Oktober, dasjenige für Paxlovid ist noch nicht gestartet. Bis das Präparat in Deutschland erhältlich sein könnte, kann es noch Monate dauern.

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Behandlung zu Hause statt im Krankenhausbett – aber nicht für alle

„Diese Medikamente können aber noch wichtig werden“, sagt Günthard. Beide haben den Vorteil, dass sie als Tablette eingenommen werden können. „Bis jetzt müssen antivirale Medikamente gegen Covid-19 als Infusion verabreicht werden“, erklärt Günthard. „Das kann meistens nur im Krankenhaus passieren, eine Pille dagegen könnte der Hausarzt oder die Hausärztin Patientinnen und Patienten mit nach Hause geben.“

Für die Bekämpfung von Sars-Cov-2 wird bislang Remdesivir eingesetzt, ein ehemaliges Hoffnungsmedikament, über das aktuelle Studien sagen, dass es zwar die Krankheitsdauer verkürze, im Vergleich mit der Kontrollgruppe aber in den meisten Studien keine Todesfälle verhindere. Remdesivir wird nur hospitalisierten Patientinnen und Patienten gegeben. Außerdem wurden verschiedene künstlich hergestellte Antikörper gegen das Virus entwickelt. „Alle diese Präparate bekämpfen das Virus direkt und sollten möglichst früh gegeben werden“, sagt Günthard. Das heißt, bis spätestens fünf Tage nach Symptombeginn sollte die Therapie begonnen werden, um möglichst wirksam zu sein.

Dieser beschränkte Zeitraum für die Therapie bleibt bei den neuen Medikamenten bestehen. „Das Pfizer-Präparat muss ebenfalls sehr früh eingenommen werden, um wirksam zu sein“, sagt Volker Thiel, Professor für Virologie an der Uni Bern. Das Problem: Anfangs erscheint die Krankheit Covid-19 Patientinnen und Patienten selten dramatisch. Kaum jemand wird so schnell ins Krankenhaus eingewiesen, dass sie oder er für eine Therapie mittels antiviraler Medikamente infrage kommt. An wenigen Kliniken können deshalb Risikogruppen wie Immunsupprimierte die bislang erhältlichen Medikamente ambulant in die Vene bekommen. „Aber die Patienten müssen sich eben frühzeitig in Behandlung begeben“, sagt Günthard.

Die Expertinnen und Experten sehen die Medikamente deshalb als Option vor allem für eine Gruppe von Menschen. „Die Medikamente kommen deshalb vor allem für Risikopersonen in Frage“, sagt Volker Thiel. Huldrych Günthard skizziert, wie das funktionieren kann: „Risikopersonen sollten sich per PCR auf Covid-19 testen lassen, sobald sie Erkältungssymptome haben – und bei positivem Ergebnis sich sofort vom Hausarzt an die entsprechenden Zentren zuweisen lassen, damit sie dann sofort die Medikamente bekommen“, erklärt er.

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Vorsicht ist besser als Nachsicht

Keinesfalls können die antiviralen Arzneimittel die Impfung ersetzen, da sind sich die Expertinnen und Experten einig. Virologe Friedemann Weber von der Uni Gießen vergleicht es mit einem Feuer. „Es ist immer besser vorzubeugen, als einen Brand löschen zu müssen“, sagt er. „Denn wenn sich das Virus im Körper ausgebreitet hat, kann es Schäden verursachen – vorteilhaft ist deshalb, man verhindert, dass es überhaupt soweit kommt.“ Viele Studien deuten darauf hin – je mehr Virus sich im Körper befindet, desto schwerer der Verlauf. Nach der Impfung reagiert das Immunsystem schnell, falls man sich mit Sars-Cov-2 ansteckt. Antikörper und weiße Blutzellen bremsen sofort dessen Ausbreitung. „Ein Medikament dagegen nimmt man erst ein, wenn man sich richtig krank fühlt“, sagt Weber. „Dann hat man schon massenhaft Viren im Körper.“

Entsprechend hoch muss auch die Dosis von antiviralen Wirkstoffen im Körper sein. So müssen von dem bereits im Vereinigten Königreich zugelassenen Präparat Molnupiravir fünf Tage lang jeweils 1600 Milligramm eingenommen werden. Das ist täglich 16.000-mal mehr als in dem am höchsten dosierten mRNA-Impfstoff von Moderna enthalten ist. Ein direkter Vergleich ist zwar nicht möglich, weil die Medikamente über den Darm aufgenommen werden und die Impfstoffe injiziert werden. Allerdings sind die verabreichten Substanzen durchaus verwandt und im Körper kommen bei den Medikamenten sehr viel höhere Konzentrationen in den Blutkreislauf als bei der Impfung.

Bei mRNA-Impfstoffen gibt es derzeit keinerlei Anhaltspunkte für mögliche Langzeitwirkungen, bei Molnupiravir könnte das jedoch anders sein. Denn die Arznei wirkt dadurch, dass sie Mutationen im Virus verursacht. Eine US-Studie zeigte, dass auch im Erbgut von Säugetierzellen durchaus Veränderungen nach 32 Tagen Einnahme entstehen. „Allerdings nimmt man das Medikament sehr viel kürzer ein“, sagt Günthard. „Aber wir müssen Langzeitfolgen sehr genau untersuchen.“

Kombinationstherapie der Präparate möglich – als Notlösung

Womöglich ist das Nebenwirkungsprofil von Paxlovid günstiger, denn das Pfizer-Präparat wirkt anders. Es löst keine Mutationen aus, sondern hemmt ein Virusenzym, so dass sich der Erreger nicht mehr vermehren kann. „Über mögliche Nebenwirkungen von Paxlovid kann man momentan noch nicht viel sagen“, sagt Volker Thiel. „Wir müssen abwarten, bis klinische Daten von möglichst vielen Patienten vorliegen.“ Er sieht Chancen in einer Therapie, die mit beiden Wirkstoffen gleichzeitig durchgeführt wird – ähnlich wie bei HIV. „Da beide Präparate verschieden wirken, bietet sich die Möglichkeit einer Kombinationstherapie an, die nochmals effizienter sein und vor allem eine mögliche Resistenzbildung erschweren sollte.“

Gegen neue Varianten dürften die Medikamente allerdings unempfindlich sein. Sie setzen an Enzymen des Virus an, die erstens kaum verändert werden können, um funktionstüchtig bleiben zu können. Zweitens stehen diese bis jetzt auch noch nicht unter evolutionärem Druck, sich zu verändern. Es ist kaum vorstellbar, dass es für das Virus Vorteile geben könnte, wenn es diese Proteine verändert. Weder im Hinblick auf eine erleichterte Übertragbarkeit, noch was eine Immunevasion angeht.

Doch das bleibt eine Notlösung für Risikopatientinnen und -patienten, die durch eine Impfung unzureichend geschützt sind und deshalb erkranken – nicht nur aus individueller Sicht, auch aus gesellschaftlicher. Die Medikamente werden knapp sein – Pfizer wird zunächst 50 Millionen Dosen bis Ende 2022 herstellen, Merck sogar nur 20 Millionen seines Präparates. Die Preise der Pillen sollen um die 700 Euro liegen, demgegenüber stehen rund 35 Euro etwa für eine Dosis des teuersten Covid-Impfstoffs von Moderna. Zudem leisten die Medikamente keinen Beitrag, um die Pandemie einzudämmen. „Auf Bevölkerungsebene werden die Medikamente kaum einen Unterschied machen“, sagt Günthard. „Die Impfung wird auch weiterhin entscheidend sein, um die Pandemie in den Griff zu bekommen.“

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