Das nächste Corona-Dilemma: Warum die vierte Welle jetzt über Deutschland schwappt

  • Die vierte Corona-Welle ist da – und zwar mit „voller Wucht“, wie Bundesgesundheitsminister Jens Spahn jüngst verkündete.
  • Die Zahl der Neuinfektionen und die Sieben-Tage-Inzidenz haben in den vergangenen Tagen sogar neue Rekordwerte erreicht.
  • Doch warum nimmt die Infektionsdynamik derzeit überhaupt wieder zu? Eine Analyse.
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Vor vier Monaten war die Lage noch entspannt. Es war Anfang Juli, die Temperaturen waren sommerlich warm, man traf sich wieder mit Freunden, besuchte Veranstaltungen, reiste für den Sommerurlaub ins Ausland. Eine altbekannte Normalität stellte sich ein. Das Coronavirus schien verbannt zu sein – aus Deutschland und aus den Köpfen der Menschen. Kein Wunder, waren doch die Corona-Fallzahlen zum damaligen Zeitpunkt bemerkenswert niedrig: Über mehrere Wochen hatte das Robert Koch-Institut (RKI) bundesweit weniger als 1000 Neuinfektionen verzeichnet.

Während die Deutschen die ruhige Corona-Lage genossen, keimte beim RKI Besorgnis auf. Ende Juli veröffentlichte die Berliner Behörde einen Leitfaden, in dem sie auf präventive Maßnahmen für den Herbst und Winter pochte. Modellierungen hätten gezeigt, dass die Fallzahlen bald wieder mal langsam, mal beschleunigt steigen würden, schrieb das RKI. Besonders vulnerable Gruppen wie Bewohnerinnen und Bewohner von Alten- und Pflegeheimen, aber auch Kinder und Jugendliche würden in den kommenden Wochen eine stärkere Rolle für das Infektionsgeschehen spielen.

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Die Befürchtungen des RKI sollten sich bewahrheiten. Jetzt, vier Monate später, spiegeln die Corona-Kennzahlen eine alles andere als entspannte Situation wider. Die Zahl der Neuinfektionen und die Sieben-Tage-Inzidenz steigen – und haben zuletzt sogar neue Höchstwerte erreicht. „Die Pandemie ist offenkundig nicht nur weiterhin da, sondern die vierte Welle ist es mit besonderer Wucht“, machte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) in der vergangenen Woche bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit RKI-Chef Lothar Wieler und Impfstoffforscher Prof. Leif-Erik Sander von der Berliner Charité deutlich. Doch wie konnte es überhaupt so weit kommen?

Das Problem mit den Ungeimpften

Nicht nur das RKI hatte frühzeitig vor einem beschleunigten Anstieg der Corona-Fallzahlen gewarnt, sondern auch führende Experten wie der Virologe Christian Drosten. In einem Interview mit der Deutschen Presse-Agentur (dpa) von Ende Juli hatte er sich besorgt über die geringe Impfquote gezeigt: „Wenn die Impfquote nicht signifikant erhöht wird, ist eine schwere Winterwelle zu erwarten.“ Das Impftempo sei zu langsam, um sorglos durch den kommenden Winter zu kommen, hatte er gewarnt.

Tatsächlich hat das Impftempo seit Ende Juli nur mäßig zugenommen. Inzwischen sind rund 85,5 Prozent der über 60-Jährigen vollständig geimpft. Zum Vergleich: Als Virologe Drosten der dpa ein Interview gegeben hatte, waren es rund 75 Prozent. Dass nach wie vor noch viele ältere Menschen ungeimpft sind, ist deshalb problematisch, weil sie ein erhöhtes Risiko haben, schwer an Covid-19 zu erkranken. Wie aus dem Intensivregister der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) hervorgeht, ist der Anteil der älteren Menschen, die auf den Intensivstationen wegen einer Corona-Erkrankung versorgt werden müssen, in den vergangenen Wochen wieder gestiegen.

Aber auch in den anderen Altersgruppen haben noch viele Menschen keine Corona-Impfung erhalten. Bei den 18- bis 59-Jährigen sind noch rund 26 Prozent ungeimpft, bei den Zwölf- bis 17-Jährigen sind es 57,2 Prozent. In absoluten Zahlen bedeutet das: Rund 18 Millionen Menschen in Deutschland, für die ein Impfstoff zugelassen ist, sind noch nicht gegen Covid-19 geimpft.

„Wir haben eine signifikante Anzahl an empfänglichen Personen“, sagte auch Prof. Ralf Bartenschlager, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Virologie (GfV), im Gespräch mit dem Redaktions­Netzwerk Deutschland (RND). Weil die Delta-Variante infektiöser ist als ihre Vorgänger, sei es wahrscheinlich, dass sich die Mehrheit der Ungeimpften früher oder später mit der Mutante anstecken wird. Das RKI stuft die Gefahr für die Gesundheit der Ungeimpften beziehungsweise Einmal­geimpften inzwischen als sehr hoch ein. Vor allem bei Menschen mit Risikofaktoren wie etwa Älteren müsse nun die Impfquote erhöht werden, um Infektionen und schweren Krankheits­verläufen vorzubeugen, so der Virologe.

Impfschutz lässt nach – Risiko für Durchbruchs­infektionen steigt

Bei älteren Menschen kommt noch ein anderes Problem hinzu: Ihr Impfschutz dürfte mittlerweile deutlich nachgelassen haben. Sie waren die ersten, die in Deutschland gegen Covid-19 geimpft wurden. Somit liegt ihre zweite Impfung meist schon mehr als sechs Monate zurück. Ein Team um den Impfstoffforscher Prof. Leif-Erik Sander von der Berliner Charité konnte erst kürzlich in einer Studie zeigen, dass Ältere nach einem halben Jahr meist nicht mehr genügend neutralisierende Antikörper gegen die Delta-Variante haben. Bei der Untersuchung hatten nur 40 Prozent der 82 Studienteil­nehmerinnen und Studienteilnehmer, die älter als 70 Jahre waren, nach sechs Monaten noch einen ausreichenden Impfschutz.

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Ein geringer Impfschutz bedeutet, dass es zu Durchbruchs­infektionen kommen kann – also, dass sich vollständig Geimpfte wieder mit dem Coronavirus infizieren. So lassen sich 60,5 Prozent der Neuinfektionen in der Altersgruppe der über 60-Jährigen, die im Zeitraum vom 4. bis 31. Oktober aufgetreten sind, auf einen Impfdurchbruch zurückführen, wie der aktuelle Wochenbericht des RKI zeigt. Das heißt: Die steigenden Infektionszahlen sind nicht nur durch eine allgemein niedrige Impfquote bedingt, sondern auch durch Impfdurchbrüche etwa bei Seniorinnen und Senioren.

Virologe: Booster für alle ist „Idealvorstellung“

Wegen des nachlassenden Impfschutzes rät die Ständige Impfkommission (Stiko) älteren Menschen sowie allen anderen Risikogruppen zu Booster­impfungen. Sie sollen sich ein drittes Mal gegen Covid-19 impfen lassen. Bundesgesund­heitsminister Jens Spahn will die Auffrischungs­impfungen hingegen allen Menschen, deren Zweitimpfung sechs Monate zurückliegt, anbieten. Die Idee dahinter: Deutschland soll sich aus der vierten Corona-Welle herausboostern, so wie es auch Israel gemacht hat.

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Inzidenz so hoch wie nie: RKI meldet starken Anstieg von Corona-Fällen
1:58 min
Mediziner erwarten in den kommenden Wochen einen deutlichen Anstieg der Corona-Fälle auf den Intensivstationen.  © Reuters

GfV-Präsident Bartenschlager spricht beim Booster für alle von einer „Idealvorstellung“. Ohne Frage würde sich eine breite Anwendung der Auffrischungsimpfungen positiv auf die Infektionszahlen auswirken. „Allerdings wird es schwierig, genügend Menschen davon zu überzeugen, das Angebot anzunehmen, wenn man sieht, wie schwierig es ist, eine hohe Impfabdeckung in der Bevölkerung zu erreichen“, sagte er.

Noch geht es mit den Auffrischungsimpfungen ohnehin nur schleppend voran. Gerade einmal 2,7 Millionen Menschen haben sich bislang ein weiteres Mal impfen lassen. Die Physikerin Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation hat auf Twitter ausgerechnet, wie lange es dauern würde, um eine 50-prozentige Boosterquote zu erzielen. Ihr Ergebnis: Wenn man jede Woche einen Fortschritt von fünf bis sieben Prozent verzeichnet, braucht es sieben bis zehn Wochen. „Das gelingt also nicht von heute auf morgen“, schrieb sie. Die vierte Welle ist also auch mit den Boosterimpfungen nicht sofort gebrochen.

Risikowahrnehmung und Schutzverhalten gesunken

Andere Maßnahmen wie die AHA+L-Regeln (Abstand, Hygiene, Alltag mit Maske und Lüften) können allein nur wenig gegen die Delta-Variante ausrichten. Prof. Stephan Ludwig, Virologe von der Universität Münster, sagte vergangenen Donnerstag im RND-Interview zudem, er nehme wahr, „dass diese nicht mehr von allen Bürgerinnen und Bürgern so beherzigt werden, wie es notwendig wäre“. „Hinzu kommt, dass wir uns jetzt wieder vermehrt in geschlossenen Räumen aufhalten“, sagte er. „Deshalb war ein Anstieg der Fallzahlen erwartbar.“

Dass die Menschen nachlässiger im Umgang mit dem Coronavirus sind, zeigt auch die jüngste Cosmo-Befragung der Uni Erfurt. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass die Risikowahrnehmung insgesamt geringer ist als zum Zeitpunkt der dritten Welle. Mit den steigenden Fallzahlen werde die Gefahr, sich mit dem Coronavirus zu infizieren, zwar wieder höher eingestuft, allerdings sei der Anstieg der Risikowahrnehmung eher unter den geimpften Befragten aufgetreten. Das Schutzverhalten sei wiederum nach dem Höhepunkt der dritten Welle zurückgegangen. Dieser Trend habe sich im Zuge des dynamischer werdenden Infektionsgeschehens nun verlangsamt beziehungsweise teilweise umgekehrt.

Der Gefahr der vierten Corona-Welle scheinen sich erst jetzt immer mehr Menschen bewusst zu werden. Sie meiden wieder Menschenansammlungen und reduzieren ihre Kontakte. Ein derart wachsames Verhalten dürfte auch in den kommenden Wochen wieder von Nöten sein – auch vonseiten der Geimpften, die sich derzeit in falscher Sicherheit wiegen würden, wie der Bonner Virologe Hendrik Streeck im RND-Gespräch herausstellte. „Viele geimpfte Menschen haben das Gefühl, sie seien nicht mehr Teil der Pandemie und es wäre nur noch eine Pandemie der Ungeimpften.“ Das Virus ist zwar für sie weniger gefährlich, aber auch sie können sich noch infizieren und andere anstecken.

Kostenpflichtige Schnelltests und die Dunkelziffer

Streeck stufte vor allem einen Schritt in der Pandemiebekämpfung als problematisch ein: das Ende der kostenlosen Schnelltests. Seitdem ließe sich das Infektionsgeschehen nur noch sehr schlecht erfassen, sagte der Virologe. „Das Infektions­geschehen kann sich unter dem Radar sehr schnell ausbreiten.“

Seit dem 11. Oktober sind Schnelltests für die meisten Bürgerinnen und Bürger kostenpflichtig. „Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass bei höheren Kosten/Schwellen für Tests die Zahl heruntergehen wird und Personen mit Vermutungen oder milden Symptomen, die vielleicht bisher einen kostenfreien Test gemacht haben, dies seltener tun“, hatte Prof. Hajo Zeeb vom Bremer Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie vor dem Inkrafttreten der Regelung zu bedenken gegeben.

Diese Befürchtung hat sich ebenfalls bewahrheitet, wie die Cosmo-Befragung nahelegt. Mehr als die Hälfte der rund 1000 Befragten hat in den vergangenen vier Wochen keinen Schnelltest mehr durchgeführt. Das Problem daran: Wird weniger getestet, kann dies dazu führen, dass Infektionen nicht rechtzeitig erkannt werden. Infizierte können folglich das Coronavirus unbemerkt verbreiten. Tatsächlich sind die Fallzahlen seit dem Ende der kostenlosen Schnelltests zunehmend angestiegen. Alleinige Ursache für die aktuelle Infektionsdynamik dürften die kostenpflichtigen Tests jedoch nicht sein.

Coronavirus ist ein saisonaler Erreger

Auch die Saisonalität spielt eine Rolle. Sars-CoV-2 hat im Herbst und Winter – wie andere endemische, humane Coronaviren und Atemwegserreger – ein leichtes Spiel. Im Sommer kommt es hingegen seltener zu Infektionen. Wie groß der jahreszeitliche Einfluss genau ist, ist bislang nicht geklärt.

Schon im vergangenen Herbst hatte es einen starken Anstieg der Corona-Fallzahlen gegeben. Damals gab es noch keinen zugelassenen Impfstoff in Europa und die vergleichsweise weniger ansteckende Ursprungsvariante aus Wuhan kursierte in Deutschland. Die Reaktion auf die zunehmende Zahl an Neuinfektionen war ein Teillockdown. Diesen wollen Bund und Länder dieses Mal unbedingt vermeiden.

Krisenmanagement hat Vertrauen verloren

Das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in das Corona-Krisenmanagement der Bundesregierung ist jedoch geschwächt, wie die Cosmo-Befragung zeigt. Mehr als die Hälfte der Befragten hat kein oder nur sehr wenig Vertrauen. Über die Ursachen dafür lässt sich nur spekulieren.

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Lockdown oder 2G? Wie es jetzt mit Corona weitergehen könnte
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Es fühlt sich an wie ein leichtes Déjà-vu: Wir stehen mal wieder vor einem ziemlich langen Corona-Winter. Und keiner weiß so richtig, wie es jetzt weiter geht.  © RND

Den Vertrauensverlust befeuert haben dürften etwa die von einigen Expertinnen und Experten als „Flickenteppich“ bezeichneten Corona-Regelungen. Einheitliche Maßnahmen gibt es zurzeit kaum, jedes Bundesland entscheidet selbst, wie es die Ausbreitung des Coronavirus unter Kontrolle bringen will. Das zeigt sich auch im Fall der Maskenpflicht in den Schulen.

Lehrerverband warnt vor Kontrollverlust

Während in Bremen eine Maskenpflicht nur im Schulgebäude und in den Fluren, aber nicht während des Unterrichts gilt, müssen Schülerinnen und Schüler in Niedersachsen grundsätzlich Masken tragen. Die Mehrheit der Bundesländer hat eine Maskenpflicht im Klassenraum jedoch abgeschafft. Dies dürfte nur einer der Gründe sein, warum sich derzeit vor allem jüngere Menschen mit dem Coronavirus infizieren. Allein in der Altersgruppe der Zehn- bis 14-Jährigen liegt die Sieben-Tage-Inzidenz derzeit bei 356.

Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, bezeichnete diese Zahlen im RND-Interview als „erschreckend“. „Die Vielzahl der Corona-Ausbrüche an den Schulen muss uns große Sorgen bereiten“, sagte er. „Die Gefahr ist immens, dass wir die Kontrolle über das Pandemiegeschehen an Schulen verlieren.“ Dass sich einige Bundesländer nun von der Maskenpflicht verabschiedet hätten, sei „höchst bedenklich“. „Die Maskenpflicht macht unsere Schulen sicherer, das zeigen auch ganz aktuelle Studien“, so Meidinger. „Deshalb müssen wir an ihr voraussichtlich solange festhalten, wie die vierte Welle durch die Schulen rollt.“

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