Omikron-Variante: Sechs Corona-Maßnahmen, die es jetzt braucht

  • Noch ist unklar, wie gefährlich die Omikron-Variante des Coronavirus ist.
  • Die WHO warnt aber bereits: Es gibt ein großes Risiko, dass sich die Variante weltweit verbreitet.
  • Abwarten sei keine gute Idee, sagen Forschende. Was ist nun zu tun?
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Von Omikron geht nach Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ein insgesamt „sehr hohes“ Risiko aus. Weltweit werden seit einigen Tagen Fälle der erstmals in Südafrika neu entdeckten Variante des Coronavirus bestätigt. Zum einen, weil man näher hinschaut, häufiger und aufwendiger Testergebnisse auswertet. Zum anderen, so die Vermutung, weil sich die Oberfläche dieses Virustyps in besorgniserregendem Maße verändert hat.

Omikron hat 30 relevante Spike-Mutationen, eine bislang beispiellose Anzahl. Die Folge: Das Virus könnte sich noch rasanter ausbreiten, noch ansteckender als Delta sein und dem Immunsystem leichter entkommen. Bewiesen ist das noch nicht. Es braucht mehr klinische Befunde und Auswertungen – doch das dauert. Frühestens in zwei Wochen rechnen Fachleute mit ersten für das Pandemiegeschehen wichtigen Antworten: wie viel ansteckender das Virus ist, ob es Geimpfte und bestimmte Gruppen in der Bevölkerung eher krank macht.

Das heißt aber nicht, dass die WHO der Politik und Bevölkerung empfiehlt, erst einmal in Ruhe die Ergebnisse aus der Wissenschaft abzuwarten. Omikron kann im Worst-Case-Szenario ein noch ernsthafteres Problem als Delta werden – für die Welt, Europa und Deutschland. Die Wahrscheinlichkeit einer weiteren globalen Ausbreitung sei groß, warnte die WHO am Montag in einem Schreiben an ihre 194 Mitgliedsstaaten. Es sei mit steigenden Fallzahlen zu rechnen. Welche Maßnahmen braucht es also?

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1) Auf Reisen verzichten

Erfahrungen mit anderen Virusvarianten wie Alpha und Delta haben gezeigt: Die Mobilität einzuschränken, um neue Virusvarianten aufzuhalten, kann eine sinnvolle Maßnahme sein, um Zeit zu gewinnen. Die strengsten Maßnahmen wählt bereits Israel – das Land hat seine Grenzen am Wochenende bereits für alle Ausländer und Ausländerinnen komplett dicht gemacht. Aber auch ein freiwilliger Verzicht auf Reisen kann helfen. Auch das Auswärtige Amt warnt vor nicht notwendigen, touristischen Reisen nach Südafrika.

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Komplett aufhalten lässt sich das Virus dadurch aber nicht mehr – Omikron ist bereits in Europa und Deutschland angekommen, erste Fälle wurden bestätigt. Wichtig bei der Einschränkung von Mobilität sind Corona-Expertinnen und Experten zufolge auch Absprachen, die über die eigenen Landesgrenzen hinausgehen. „Wird nicht gemeinsam koordiniert, ist der Erfolg von Maßnahmen wahrscheinlich nur von kurzer Dauer“, erklärte der Epidemiologe Jörg Timm vom Universitätsklinikum Düsseldorf bereits Anfang Januar, als die Alpha-Variante sich von Großbritannien aus weiter in Europa verbreitete.

2) Kontaktverzicht und Notfallvorbereitung

Eine Grundregel der Pandemiebekämpfung bleibt auch bei der neuen Omikron-Variante zentral: Weniger Kontakte führen zu weniger Infektionen. Auch dadurch wird Zeit gewonnen – und die hat Deutschland bei geringer Impfquote gegenwärtig sowieso mehr als nötig. Auch ohne Omikron gibt es hierzulande bereits eine Notlage. Die Ansteckungsdynamik ist schon außer Kontrolle. Die Folge: Das Gesundheitssystem ist stark überlastet, Kliniken in großen Teilen des Landes stehen kurz vor dem Kollaps.

Ohne Kontaktreduzierung wird sich diese Dynamik in den kommenden Wochen weiter verschärfen. In mehreren Bundesländern sei bei gleichbleibender Dynamik im Dezember mit einer 7-Tage-Inzidenz von mehr als 1000 Infektionen auf 100.000 Einwohner zu rechnen, schreiben Forschende um die Physikerin Viola Priesemann und den Intensivmediziner Christian Karagiannidis in einem am Montag veröffentlichten Paper.

„Ein rasches und konsequentes Handeln, das zu einer deutlichen Eindämmung des Infektionsgeschehens führt, ist zu diesem Zeitpunkt essentiell“, betonen die Autorinnen und Autoren. Das sei nicht nur nötig, um die aktuelle Welle zu brechen, sondern auch um Infektionen mit der Omikron-Variante zu identifizieren, konsequent nachzuverfolgen und einzudämmen, bis man mehr über diese besorgniserregende Variante wisse.

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Omikron: Was bislang über die neuartige Corona-Variante bekannt ist
1:58 min
Die Weltgesundheitsorganisation stuft Omikron wegen der großen Zahl an Mutationen als „besorgniserregend“ ein.  © AFP

Eine Eindämmung auf freiwilliger Basis reicht den Forschenden zufolge nicht mehr aus. Es brauche die flächendeckende Einführung, Umsetzung und Kontrolle von 3G- bis 2G-plus-Maßnahmen. Um im Notfall effektiv und adäquat handeln zu können, brauche es zudem sofort den gesamten Instrumentenkasten der Pandemiebekämpfung. „Deswegen sollte man jetzt die rechtliche Grundlage für einen Notschutzschalter und andere weitreichende Maßnahmen schaffen“, heißt es in der Stellungnahme. „Gerade in Hinblick auf die neue Omikron-Variante ist eine solche Vorsorge dringend erforderlich.“

Das Auftreten der Omikron-Variante mache ein schnelles und konsequentes Handeln noch dringlicher, machen auch Forschende der Leopoldina in einer aktuellen Stellungnahme deutlich. Der Anstieg der vierten Welle könnte beendet werden, wenn es kurzfristig ab Beginn der kommenden Woche für wenige Wochen eine deutliche Reduktion der Kontakte gäbe – im privaten Bereich, in Innenräumen und in Situationen, in denen viele Menschen zusammenkommen, also etwa Bars, Clubs und Veranstaltungen.

3) Überfüllte Räume meiden und Maske tragen

Neben dem freiwilligen Verzicht auf Kontakte im Alltag rät die Weltgesundheitsorganisation auch unabhängig von politisch beschlossenen Maßnahmen, das eigene Risiko für eine Ansteckung mit dem Coronavirus zu verringern. Dazu zählten die bewährten Maßnahmen: also Maske tragen, Hände waschen, Abstand halten, Lüften. Auch das Vermeiden überfüllter Räume erwähnt die WHO explizit als Maßnahme.

4) Noch schneller impfen und boostern

Man könne noch nicht sagen, wie sich die Variante hierzulande verhalte, wo viele Menschen geimpft seien, erklärte der Virologe Christian Drosten im Gespräch mit dem ZDF. „Keiner kann im Moment sagen, was da auf uns zukommt“, sagte der Leiter des Instituts für Virologie an der Berliner Charité. „Das Einzige, was man wirklich mit Sicherheit sagen kann, ist: Es ist besser, wenn man geimpft ist. Es ist noch besser, wenn man geboostert ist.“ Die verfügbaren Impfstoffe würden vor einem schweren Krankheitsverlauf wohl schützen.

Die Forschenden um Priesemann sprechen sich angesichts der Omikron-Variante und dem Verlauf der vierten Welle für noch zügigeres Boostern und Impfen aus. Rund 2 Prozent der Bevölkerung oder mehr müssten pro Tag erreicht werden. Das wären dann 1.5 Millionen Impfungen täglich. Wichtig seien auch spezielle Kapazitäten für Ältere und vulnerable Gruppen. Auch die Leopoldina befürwortet mehr Tempo beim Impfen: Bis Weihnachten sollten neben Erst- und Zweitimpfungen rund 30 Millionen Drittimpfungen ermöglicht werden. Deutlich belegt sei inzwischen, dass bei Geimpften der Impfschutz vor Infektion bereits nach wenigen Monaten abnimmt. „Unbedingt erforderlich“ sei deshalb der Booster.

Als Hauptproblem sieht die Leopoldina in Deutschland aber die „viel zu hohe Zahl noch ungeimpfter Menschen“, wie sie in ihrer Stellungnahme schreiben. Rund 15 Millionen Menschen hierzulande haben keinen Impfschutz – und Ungeimpfte machten rund acht bis neun von zehn Ansteckungen aus. Das Gremium empfiehlt Vorbereitungen zur Einführung einer allgemeinen Impfpflicht, die flächendeckende Wiedereinrichtung von Impfzentren mit langen Öffnungszeiten und mehr Angebote zum Impfen.

5) Impfstoffe anpassen

Ob die Impfstoffe wegen der Omikron-Variante wirklich verändert werden müssen, werden die nächsten Wochen zeigen. Dass eine Anpassung der mRNA-Impfstoffe grundsätzlich möglich sei, versicherte Biontech bereits. Gemeinsam mit dem US-Partner Pfizer habe man schon vor Monaten Vorbereitungen getroffen, um im Fall einer sogenannten Escape-Variante des Virus den Impfstoff innerhalb von sechs Wochen anzupassen und erste Chargen innerhalb von 100 Tagen auszuliefern, erklärte der Hersteller.

Auch bei Moderna bräuchte es wahrscheinlich Zeit, den Impfstoff auf die neue Variante auszurichten. Der Chef des US-Pharmakonzerns Moderna Stephane Bancel erklärte, es könne Monate dauern, bevor ein auf das Omikron-Virus abgestimmtes Vakzin ausgeliefert werden könnte. Es werde zwei bis sechs Wochen dauern, bis Daten über die Wirksamkeit der bestehenden Impfstoffe vorliegen würden.

6) Testen, testen, testen – und das Virus besser überwachen

Laut dem Robert Koch-Institut kann eine Infektion mit der Omikron-Variante auch mit den aktuell genutzten Tests wie PCR und Antigen nachgewiesen werden. Sollte das Virus also in Deutschland im Umlauf sein, kann die Bevölkerung nach ersten Erkenntnissen trotzdem auf bisherige Tests setzen und herausfinden, ob eine Ansteckung vorliegt oder nicht. Um aber herauszufinden, ob es sich um speziell diese Variante handelt, braucht es eine aufwendige Genomanalyse in speziellen Laboren. Fachleute nennen das Sequenzierung. Das Gute auch hier: Die bisher etablierte Diagnostik funktioniert offensichtlich auch bei Omikron.

In Deutschland wird nur ein Bruchteil aller PCR-Tests auf neue Varianten hin analysiert. Angesichts der Ausbreitung der Omikron-Variante fordert die WHO die Länder nun auf, vermehrt Proben zu sequenzieren, um die zirkulierende Variante besser verstehen zu können. Vollständige Genomsequenzen und zugehörige Metadaten sollten an eine öffentlich zugängliche Datenbank wie „Gisaid“ übermittelt werden, ebenso wie bestätigte Fälle, Cluster und Laborauswertungen.

Auch die Forschenden um Priesemann fordern, dass die Kontaktnachverfolgung der neuen Virusvariante Omikron aktuell absolute Priorität haben sollte. „Hierfür sollten ausreichend Personal und Ressourcen zur Verfügung gestellt werden“, heißt es. Eine systematische genomische Überwachung, die die neue Variante einschließt, sei essenziell.

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