Corona: sieben Kernfragen, die immer noch ungeklärt sind

  • Viele Fragen rund um Sars-CoV-2 und Covid-19 sind weiterhin offen.
  • Für den weiteren Pandemieverlauf spielen die Antworten jedoch eine entscheidende Rolle.
  • Forschende erklären, woran ihrer Meinung nach nun ganz dringend geforscht werden müsste.
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Seit gut anderthalb Jahren ist das Coronavirus Teil unseres Alltags. Zahlreiche Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen beschäftigen sich seither damit herauszufinden, wie sich Sars-CoV-2 verbreitet, wie man sich am besten gegen das Virus schützt und was eine Infektion im Körper anrichten kann. Viel haben sie schon herausgefunden: Die Forschenden haben beispielsweise Impfstoffe und Schnelltests entwickelt und bereits gut verstanden, wie das Virus im Körper angreift.

Doch trotzdem sind noch weiterhin viele Fragen rund um Sars-CoV-2 und Covid-19 offen. Das Science Media Center hat zahlreiche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gefragt: Welche wichtigen Forschungsfragen rund um Corona, die Pandemie und das Virus sind noch unbeantwortet? Aus den Antworten ergeben sich verschiedene Forschungsfragen, die künftig eine große Rolle spielen werden. Eine Auswahl.

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1. Wann gibt es ein eigenes Corona-Medikament?

Bei der Behandlung von Corona-Patienten und -Patientinnen kommen verschiedene Medikamente zum Einsatz. Aber ein spezifisches Corona-Medikament gibt es bisher nicht. „Mit welcher medikamentösen Therapie kann man eine Covid-19-Erkrankung heilen?“, bringt Ute Teichert, Vorsitzende des Bundesverbandes der Ärztinnen und Ärzte des öffentlichen Gesundheitsdienstes e. V., daher die entscheidende Forschungsfrage auf den Punkt.

Es brauche erstens etwa eine Tablette, die unkompliziert verabreichbar sei und verhindere, dass Menschen schwer erkrankten, erklärt Maria Vehreschild vom Universitätsklinikum Frankfurt. „Zweitens wird ein Medikament benötigt, das bei Patienten, die aufgrund der Schwere ihrer Erkrankung bereits hospitalisiert sind, die Notwendigkeit einer Beatmung verhindert.“ Das sei auch gerade angesichts neuer Virusvarianten besonders wichtig, sagt Gerd Fätkenheuer von der Uniklinik Köln. Denn wenn diese dafür sorgen, dass der Impfschutz nachlässt, brauche es antivirale Medikamente, die Viren hemmen.

2. Wie kommt es zu Long Covid - und was hilft dagegen?

Was sich im Laufe der Pandemie gezeigt hat: In vielen Fällen kann eine Corona-Infektion lange Folgen nach sich ziehen. „Mit der Long-Covid-Erkrankung ist ein neues Krankheitsbild entstanden, welches bei bis zu 10 Prozent der Patienten auftritt und das in seiner Vielschichtigkeit noch nicht gut verstanden ist“, sagt Julian Schulze zur Wiesch vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. So ist zum Beispiel noch nicht geklärt, welche Mechanismen zu den verschiedenen Formen von Long Covid führen – und was dagegen hilft.

3. Warum reagieren Menschen so verschieden auf eine Infektion?

Eine Corona-Infektion kann völlig unterschiedlich verlaufen. Manche Menschen merken kaum etwas davon oder wissen nicht einmal etwas von ihrer Infektion. Andere müssen ins Krankenhaus oder sterben sogar. Man müsse dringend herausfinden, welche Faktoren das Risiko für einen schweren Verlauf bestimmen, „gerade auch außerhalb der bekannten Klassifikatoren wie Alter, Adipositas und Diabetes“, sagt Andreas Schuppert von der RWTH Aachen.

4. Welches (Long)-Covid-Risiko haben Kinder?

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Es ist ein Dauerthema in dieser Pandemie: Kinder und Corona. Das liegt unter anderem auch daran, dass viele Fragen, wenn es um die Kinder geht, noch offen sind. „Nach wie vor die wichtigste Frage für mich ist, warum die Erkrankung bei Kindern so komplett anders verläuft als bei Erwachsenen“, sagt zum Beispiel Johannes Hübner vom Klinikum der Universität München (LMU). Dafür gebe es zwar verschiedene Hypothesen, aber letztlich „keine Klarheit“.

Unklar ist auch, wie schwer Kinder eigentlich an Covid-19 oder auch Long Covid erkranken. Das aber wiederum ist entscheidend, wenn es etwa um die Frage einer allgemeinen Impfempfehlung für Kinder geht. „Die Abwägung zwischen dem Ausmaß von Long Covid in Kindern, dem Ausmaß der Kollateralschäden von Schulschließungen und Nebenwirkungen von Sars-CoV-2-Impfungen in Kindern wird unseren Herbst bestimmen und ist enorm wichtig für unsere Kinder“, sagt daher Claudia Denkinger vom Universitätsklinikum Heidelberg.

5. Wie lange schützen die Impfungen?

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Es ist wohl die entscheidende Fragen dieser Pandemiephase: Was passiert in Sachen Impfstoff? Die daran anschließenden Fragen sind zahlreich:

  • „(…) wie lange dauert Immunität nach Impfung oder Genesung an, wann müssen Auffrischungsimpfungen in welchen Bevölkerungsgruppen stattfinden, und welche Strategie verfolgen wir hier in den nächsten Monaten und Jahren?“, fragt Marylyn Addo vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.
  • „Wie ist die Wirksamkeit der Impfungen bei Varianten und wie stark unterbinden die Impfungen gegebenenfalls die Übertragung einer Infektion?“, fragt Thomas Götz von der Universität Koblenz-Landau.
  • „Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich eine Sars-CoV-2-Variante entwickelt, die den Schutz vor einem schweren Verlauf trotz Immunisierung/Impfung deutlich reduziert?“, fragt Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation, Göttingen.
  • „Wird es uns gelingen, die gesundheitlichen Auswirkungen der Pandemie mithilfe der Impfstoffe auf das Niveau einer saisonalen Influenza zu drücken? Oder werden neu entstehende Varianten dazu führen, dass wir weiterhin mit gewissen Maßnahmen gegen das Virus vorgehen müssen?“, fragt Christian Althaus von der Universität Bern.

Antworten auf diese enorm wichtigen Fragen wird es wohl erst in den kommenden Wochen und Monaten geben.

6. Wo und wie stecken sich Menschen an?

Niemand möchte zurück in den allgemeinen Lockdown. Doch eine der wichtigsten Informationen, die nötig sind, um gezielte und präzise Maßnahmen einzusetzen zu können, ist immer noch von großer Unsicherheit geprägt. „Für einen großen Teil der Sars-CoV-2-positiven Personen ist weiterhin nicht klar, wo sie sich angesteckt haben. Bessere Daten über Ansteckungswege wären wichtig, um gezielt Interventionen umzusetzen, die effektiv Kontaktketten unterbrechen können“, sagt Ralf Krumkamp vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM) in Hamburg.

Klar ist, sagt Ralf Rentjes von der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg, dass nicht jede Aktivität das gleiche Risiko hat. „Es bestehen sicherlich große Unterschiede zum Beispiel zwischen einem kurzen Einkauf im Supermarkt und einer durchtanzten Nacht in einem vollen Club.“ Doch um das besser zu quantifizieren, braucht es entsprechende Studien. „Um die Dynamik der Pandemie wirklich zu verstehen, müssen wir über diese Netzwerke viel mehr wissen und erforschen“, sagt auch Dirk Brockmann vom Robert Koch-Institut.

7. Wie kam Corona zum Menschen?

Wie und wo das Sars-CoV-2-Virus das erste Mal auf einen Menschen übertragen wurde, ist weiterhin unklar. Auch wie genau die Pandemie in der ersten Zeit ihren Verlauf genommen hat. „Was ist der Ursprung dieses pandemischen Virus? Food Market versus ‚Laborunfall‘?“, formuliert Clemens Wendtner von der München Klinik Schwabing eine Frage, die sich auch viele andere Menschen stellen.

Für die Forscherin Isabella Eckerle von der Universität Genf besteht daher die Aufgabe, möglichst schnell den zoonotischen Übergang des Virus auf den Menschen zu klären – also die Frage, von welchem Tier das Virus auf den Menschen übergesprungen ist. „Selbst wenn wir den genauen Übergang von Sars-CoV-2 noch nicht kennen, so wissen wir doch eigentlich schon längst, wie Zoonosen begünstigt werden: Durch Zerstörung und Ausbeutung von Ökosystemen und zunehmenden Kontakt von Wildtieren mit Nutztieren und dem Menschen. Es braucht dringend internationale Bestrebungen, um das Risiko für zukünftige Zoonosen zu minimieren“, fordert sie.

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