Corona und kein Ende: Wie lange halten wir das noch durch – und wie?

  • Seit gut eineinhalb Jahren leben wir als Gesellschaft in Habachtstellung. Die Pandemie verlangt uns Fähigkeiten ab, die bislang so nie nötig waren.
  • Wer in Krisenzeiten mit einer guten seelischen Widerstandskraft ausgestattet ist, ist klar im Vorteil.
  • Doch wie ist es um die Resilienz der Deutschen bestellt, und lässt sich Widerstandskraft trainieren – Antworten von Resilienzforscher Prof. Dr. Klaus Lieb.
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Prof. Dr. Klaus Lieb ist Direktor des Leibniz-Instituts für Resilienzforschung (LIR Mainz) und Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsmedizin Mainz. Er befasst sich vor allem mit der seelischen Widerstandskraft des Menschen. Inwieweit die gerade in Pandemiezeiten gefragt und von Nutzen ist und inwieweit sich Resilienz trainieren lässt, verrät er im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

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Herr Prof. Lieb, wie ist es nach gut eineinhalb Jahren Pandemie und Unsicherheit um die Resilienz der Deutschen bestellt?

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Prof. Dr. Klaus Lieb: Die Einschätzung der Deutschen zu ihrer eigenen Resilienz, also der Fähigkeit trotz Stressbelastung psychisch gesund zu bleiben, hat sich zumindest im ersten Jahr der Pandemie durchschnittlich nicht verändert. Das ist erst mal ein gutes Zeichen – die meisten Menschen sind bisher letztendlich psychisch stabil durch die Pandemie gekommen. Und das, obwohl wir in den intensiven Pandemiephasen erhöhte Werte für depressive Verstimmung, Ängstlichkeit und Einsamkeitsgefühle in der Bevölkerung gesehen haben. Die von uns ausgewerteten Studien zeigen, dass insbesondere Frauen, Menschen mit niedrigem sozioökonomischen Status, einsame Menschen und Menschen mit psychischen Erkrankungen besonders belastet waren.

Mit Blick auf den Herbst: Was bedeutet es, wenn wir den Sommer zwar zur Regeneration nutzen konnten, aber uns nun Sorgen um die bevorstehenden Monate machen müssen?

Zum Glück konnten viele Menschen den Sommer zur Regeneration nutzen – solche Erholungsphasen sind wichtig, um langfristig resilient bleiben zu können. Auch war es für viele Menschen wichtig, soziale Kontakte wieder intensiver pflegen zu können und über einen „Tapetenwechsel“ dem Leben wieder neue Perspektiven zu geben. Gleichzeitig bleibt die Sorge, wie es im Herbst weitergeht. Im Vergleich zum Vorjahr haben wir die Situation aber besser in der Hand: Jeder kann sich impfen lassen und somit für die Sicherheit aller und letztendlich auch für die psychische Stabilität aller sorgen.

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Energiespeicher müssen regelmäßig aufgefüllt werden

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Also funktioniert die Resilienz wie ein „Tank“, der sich bei Extrembelastungen langsam leert und in ruhigeren Phasen wieder auffüllen lässt?

Ja, grundsätzlich ist das so: In Situationen besonderer psychischer und körperlicher Belastung verbrauchen wir für die gleiche Leistung mehr Energie. Wenn ich nun diese geleerten Energiespeicher nicht durch Phasen der Erholung und des Ausgleichs regelmäßig auffülle oder dysfunktional mit Stress umgehe, etwa durch erhöhten Alkoholkonsum, hohen Medienkonsum oder mangelnder Bewegung, besteht die Gefahr, dass sich ein chronischer Stresszustand entwickelt, den wir auch als Burn-out bezeichnen. Dadurch erhöht sich das Risiko, letztendlich eine psychische Erkrankung wie eine Depression, eine Angststörung oder eine Abhängigkeitserkrankung zu entwickeln.

Zur Person: Prof. Dr. Klaus Lieb ist Direktor des Leibniz-Instituts für Resilienzforschung (LIR Mainz) und Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsmedizin Mainz. © Quelle: Hartmann/JGU Mainz

Und das kann nur passieren, indem ich aus der Situation rausgehe oder auch, indem ich mich anders fokussiere?

Zu einem gesunden Umgang mit Stress gehört, dass man ein Sensorium dafür entwickelt, was Stress mit einem macht – körperlich und psychisch. So kann man rechtzeitig gegensteuern und dafür Sorge tragen, dass der Stress nicht überhandnimmt und man nicht in einen Teufelskreis gerät. Stress hat aber auch viel mit Bewertungen zu tun: Diese tragen wesentlich dazu bei, ob eine Situation als mehr oder weniger stressvoll erlebt wird. Und auch das kann man ändern: Wir haben gesehen, dass gerade Menschen, die in der Lage waren, der Pandemie auch positive Aspekte abzugewinnen, besser durch die Krise gekommen sind.

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Was wären denn ganz klassische alarmierende Stresssymptome?

Das ist bei jedem Menschen anders. Typisch sind Schlafstörungen, Gedankenkreisen, nicht mehr abschalten können und Konzentrationsstörungen, aber auch körperliche Symptome wie Herzrasen und Bluthochdruck, innere Unruhe, schwere Glieder oder vermehrtes Schwitzen.

Vorläufige Studien zeigen, dass im Schnitt (noch) mehr Menschen während der Pandemie schlecht schlafen. Welche Rolle spielt der Schlaf bei der Stressentwicklung?

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Schlaf ist wie gesagt ein sehr guter Indikator für Stress, aber gleichzeitig auch ein aufrechterhaltender Faktor. Wenn ich schlecht schlafe, bin ich am nächsten Tag schlecht erholt und erbringe möglicherweise schlechtere Leistungen. Dies wiederum erhöht die Stressbelastung und kann in einem Teufelskreis enden. Maßnahmen zur Verbesserung des Schlafes sind daher auch ein wichtiger Ansatzpunkt bei Resilienztrainings.

Wie lässt sich der Schlaf verbessern?

Vorübergehende Schlafstörungen unter erhöhter Stressbelastung sind völlig normal. Mit einfachen Regeln kann ich aber dafür sorgen, dass daraus kein Dauerzustand wird. Hilfreich für einen gesunden Schlaf etwa sind regelmäßige Bewegung, kein Koffein nach 14 Uhr, keine schweren Mahlzeiten oder zu viel Alkohol am Abend, Einschlafrituale mit langsamer Reduktion der Aktivitäten vor dem Schlafengehen, eine ruhige und kühle Schlafumgebung und nachts nicht auf die Uhr schauen.

Positive Lernerfahrungen im Umgang mit Stress sind entscheidend

Welche inneren und äußeren Faktoren nehmen Einfluss auf die Resilienz?

Jeder kennt Menschen, die stark sind und gut mit Stress umgehen können. Diese Menschen haben in Kindheit, Jugend und jungem Erwachsenenalter meist positive Erfahrungen im Umgang mit Stress gemacht und dabei gelernt, dass Stress nicht nur belastend, sondern auch eine Herausforderung sein kann, an der man wachsen kann. Dadurch haben sie eine Selbstwirksamkeit entwickelt, die ihnen die Erwartung gibt, dass sie auch zukünftige Krisen gut bewältigen können. Auch in der gegenwärtigen Pandemie haben wir gesehen, dass Menschen, die auf Gelerntes aus früheren Krisen zurückgreifen konnten, besser durch die Krise gekommen sind.

Gibt es auch einen genetischen Einfluss?

Biologische Anlagefaktoren machen für die Resilienz vielleicht 10 bis 20 Prozent aus. Viel relevanter sind Entwicklungs- und Lernerfahrungen. Traumatische Erfahrungen insbesondere in der Kindheit können langfristige negative Auswirkungen auf die Resilienz haben, aber gleichzeitig sollte man Kinder nicht vor Stress und Herausforderungen bewahren wollen – indem man sie dabei unterstützt, positive Lernerfahrungen bei der Stressbewältigung zu machen, kann man ihre Resilienz fördern.

Für die Menschen, die nicht mit einer guten Resilienz ausgestattet sind: Lässt sich Resilienz trainieren?

Auf jeden Fall. Resilienz ist etwas Dynamisches und damit auch trainierbar. Die meisten Trainings setzen am Training von Resilienzfaktoren an, die ich teilweise genannt habe: Flexibles Denken, Neubewertung von Stressoren, Kontakte aktivieren, Optimismus trainieren, Selbstwirksamkeit erleben, für ausreichend Bewegung und guten Schlaf sorgen. Das kann jeder tun und heute schon damit beginnen!

Schutzmaßnahmen auch an psychischer Belastung orientieren

Wie können wir uns auch nach so langer Zeit weiterhin vor den Belastungen durch die Corona-Pandemie schützen?

Für seine eigene Resilienz und psychische Gesundheit vorzusorgen ist eine beständige Aufgabe. Und wir sollten sie genauso wichtig nehmen wie beispielsweise für die Herzgesundheit vorzusorgen. Gleichwohl hat es während der Pandemie nicht nur durch Infektionen, sondern auch durch die Folgen der Schutzmaßnahmen wie Privatinsolvenzen, Schulschließungen und so weiter erhebliche psychische Belastungen für Einzelpersonen und Familien gegeben. Daher ist es sehr wichtig, dass wir in Zukunft auch die Verhinderung psychischer Belastungen als Kriterium für den Einsatz von Schutzmaßnahmen einsetzen.

Sie selbst sind an diversen Studien zu den psychischen Auswirkungen der Pandemie beteiligt, ist mit Spätfolgen zu rechnen?

Aus den bisher verfügbaren Langzeitstudien wissen wir noch nicht, ob psychische Erkrankungen oder Suizide durch die Pandemie wirklich zugenommen haben. Auch über das Post-Covid-Syndrom wissen wir noch zu wenig. Dafür müssen wir weitere Studien abwarten. In unserem Bemühen, die psychische Gesundheit zu fördern und psychisch Kranken schnelle und wirksame Therapien zu ermöglichen, dürfen wir in jedem Fall nicht lockerlassen.

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