Schwere Entzündungen bei Kindern: Wie hängen Covid-19 und das Kawasaki-Syndrom zusammen?

  • Eigentlich verläuft eine Corona-Infektion bei Kindern eher mild.
  • Inzwischen häufen sich jedoch die Meldungen von schweren Entzündungen bei Kindern – ähnlich wie beim Kawasaki-Syndrom.
  • In Deutschland erkranken jährlich rund 430 bis 500 Kinder an dem Syndrom.
Laura Beigel
|
Anzeige
Anzeige

Bergamo. Weltweit gibt es Berichte über schwere Entzündungen bei Kindern im Zusammenhang mit einer Corona-Infektion. Nun beleuchtet eine Studie aus Bergamo, dem Zentrum der Pandemie in Italien, die charakteristischen Merkmale der seltenen Entzündungskrankheit, die dem sogenannten Kawasaki-Syndrom ähnelt.

Wie die Ärzte im Fachblatt „The Lancet” berichten, könne diese tatsächlich mit Covid-19 in Verbindung stehen – die Mediziner betonen aber, dass nur ein geringer Anteil jüngerer Patienten betroffen sei.

Kawasaki-Syndrom sorgt für Überreaktion des Immunsystems

Weiterlesen nach der Anzeige
Anzeige

In der Regel verläuft eine Corona-Infektion bei Kindern eher mild. Das bestätigt auch eine Studie aus der Millionenmetropole Shenzhen, die auf dem Preprint-Server MedRxiv publiziert wurde. Analysiert wurden knapp 400 Infizierte und ihre fast 1300 Kontakte. „Wir zeigen, dass Kinder ein ähnliches Infektionsrisiko haben wie die Allgemeinbevölkerung, obwohl es weniger wahrscheinlich ist, dass sie schwere Symptome haben", heißt es in den Ergebnissen.

Doch in einigen wenigen Fällen kann eine Covid-19-Erkrankung anscheinend zu Symptomen führen, die an das Kawasaki-Syndrom, eine seltene Kinderkrankheit, erinnern. Dieses Syndrom löst eine Überreaktion des Immunsystems aus, eine sogenannte Hyperinflammation, die vermutlich durch Bakterien oder Viren verursacht wird.

Kawasaki-Syndrom hat breites Symptom-Spektrum

Anzeige

„Das Kawasaki-Syndrom ist eine Gefäßentzündung der kleinen und mittleren Arterien”, heißt es auf der Internetseite des Klinikums Stuttgart. „Besonders bedeutsam ist die mögliche Beteiligung der Herzkranzgefäße. Klinisch ist das Kawasaki-Syndrom durch eine akute systemische fieberhafte Erkrankung gekennzeichnet." Es tritt vor allem bei Kindern im ersten und zweiten Lebensjahr auf.

Coronavirus: Immer informiert
Abonnieren Sie Updates für das Thema "Coronavirus" und wir benachrichtigen Sie bei neuen Entwicklungen
Anzeige

Bekannte Symptome des Kawasaki-Syndroms sind:

  • hohes Fieber (mehr als 40 Grad Celsius) über mindestens fünf Tage
  • nicht-eitrige Augenentzündungen
  • rissige Lippen und Schwellungen in der Mundhöhle
  • Rötungen und Schwellungen an Handtellern und Fußsohlen sowie Schuppungen der Fingerspitzen
  • nicht juckender Hautausschlag
  • Schwellungen der Lymphknoten im Hals

Corona-Symptome ähneln Kawasaki-Syndrom

Dass auch das Corona-Virus derartige Symptome und Überreaktionen bewirken kann, ist von Erwachsenen bereits bekannt. Eine direkte Verbindung zwischen Kawasaki und Covid-19 wurde indes noch nicht belegt. Allerdings gibt es mittlerweile Berichte aus mehreren Ländern über Kinder, bei denen entzündete Blutgefäße, Hautausschläge und Fieber auftreten – Symptome, die einer Kawaski-Erkrankung zumindest ähneln.

Ärzte aus dem „Papa Giovanni XXIII"-Krankenhaus in Bergamo haben nun die Fälle von Kindern, die zwischen dem 18. Februar und dem 20. April derartige Krankheitsmerkmale zeigten, mit Kawasaki-Fällen in der Region aus den fünf Jahren vor Beginn der Pandemie verglichen.

Anzeige

Sechs Kinder hatten Herzkomplikationen

Insgesamt gab es demnach zwischen Januar 2015 und Mitte Februar dieses Jahres 19 Fälle von Kawasaki. In den zwei Monaten seither wurden bereits 10 Kinder mit Kawasaki-ähnlichen Symptomen behandelt, was den Studienautoren zufolge einer 30-fachen Zunahme entspräche – wobei die Mediziner selbst darauf hinweisen, dass es schwierig sei, auf Grundlage solch geringer Zahlen valide Schlussfolgerungen zu ziehen.

Acht der zehn Kinder, die nach dem 18. Februar ins Krankenhaus gebracht wurden, wurden in einem Antikörpertest positiv auf Sars-CoV-2 getestet. Alle Kinder in der Studie überlebten, doch diejenigen, die während der Pandemie erkrankten, zeigten schwerwiegendere Symptome als jene aus den fünf Jahren zuvor. So kam es bei sechs der Kindern zu Herzkomplikationen, fünf hatten Anzeichen eines toxischen Schocksyndroms.

Video
Ein näherer Blick auf das Coronavirus
0:56 min
Die Coronakrise hält Deutschland, Europa und die Welt in Atem und legt das öffentliche Leben weitgehend lahm. Hier ein näherer Blick auf den Übeltäter.  © Reuters

Kinder leiden an atypischem Kawasaki-Syndrom

Anzeige

Zudem mussten mehr von ihnen mit Steroiden behandelt werden als in der Gruppe vor Ausbruch der Pandemie. Ein weiterer Unterschied: Die Kinder, die während der Corona-Welle erkrankten, waren im Durchschnitt älter als diejenigen, bei denen zuvor Kawasaki diagnostiziert wurde. Aufgrund dieser Unterschiede plädieren die Autoren dafür, die Entzündungserkrankung als „Kawaski-ähnliches Syndrom” zu klassifizieren.

Tatsächlich zeige die italienische Studie, ebenso wie eine ähnliche Zusammenfassung aus Großbritannien, unterschiedliche Verläufe, die nur zu einem Teil einem typischen Kawasaki-Syndrom entsprächen, häufig aber ein sogenanntes atypischen Kawasaki-Syndrom darstellten, betont Johannes Hübner, stellvertretender Leiter der Kinderklinik an der Uni München, in einer unabhängigen Einordnung.

„Ein atypisches Kawasaki-Syndrom zeigt einige sehr unspezifische Symptome, die wir bei vielen Virusinfektionen beobachten, wie beispielsweise Fieber und einen Hautausschlag.” Zudem sei der Zusammenhang mit Covid-19 bei einigen der berichteten Fälle unklar oder nicht gesichert.

Kinderärzte sollten wachsamer sein

Für Prof. Dr. Ania C. Muntau, Direktorin der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf, stellt sich die Verbindung zwischen Sars-CoV-2 und dem Kawasaki-Syndrom anders dar: „Wenn Sie mich dazu letzte Woche gefragt hätten, dann hätte ich gesagt: ‘Das ist eine Rarität und wir haben keinerlei wissenschaftliche Evidenz, dass es da einen kausalen Zusammenhang gibt’. Heute sehe ich das völlig anders.”

Die Kinderklinik-Direktorin verweist auf Berichte aus den USA, genauer gesagt aus New York. Dort meldeten Ärzte mehr als 100 Fälle einer neuen Krankheit bei Kindern. Bei allen Patienten war entweder akut Covid-19 nachweisbar oder sie wurden positiv auf Antikörper getestet. „Das ist ein Zusammenhang, der nicht mehr von der Hand zu weisen ist”, sagt Muntau. Sie rät allen Kinderärzten, wachsamer zu sein, wenn sie Kawasaki-ähnliche Symptome bei Patienten bemerken.

Keine generelle Gefährdung von Kindern

„Aus Deutschland haben wir aber bisher von keinen derartigen Häufungen von Fällen gehört”, fasst Hübner zusammen, der auch Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) ist. Die DGPI sei gerade dabei, ein Meldesystem für Verdachtsfälle zu etablieren und werde die Situation aufmerksam beobachten. „Im Moment ist die Situation in Deutschland aber sicher nicht beunruhigend”, so der Mediziner.

Nach Zahlen der DGPI wurden bis Anfang Mai 128 Kinder mit Covid-19 stationär behandelt, 17 Kinder benötigten eine intensivmedizinische Behandlung, zwei der Kinder wiesen ein Kawasaki-Syndrom auf. Aber: Keiner der jungen Patienten verstarb. In Deutschland erkranken jährlich rund 430 bis 500 Kinder im Alter von bis zu fünf Jahren am Kawasaki-Syndrom.

Auch Russell Viner, Präsident des britischen Royal College für Kinderheilkunde und Kindergesundheit, beruhigt: „Obwohl die Studie aus Bergamo ein mögliches neu auftretendes entzündliches Syndrom im Zusammenhang mit Covid-19 vorschlägt, ist es wichtig – sowohl für Eltern als auch für Beschäftigte im Gesundheitswesen – erneut zu betonen, dass Kinder insgesamt nur minimal von der Sars-CoV-2-Infektion betroffen sind.”

Das Verständnis des Phänomens bei Kindern könne indes wichtige Informationen über Immunantworten auf Sars-CoV-2 liefern, die für Erwachsene und Kinder relevant sein könnten, so Viner. „Insbesondere, wenn es sich um ein durch Antikörper vermitteltes Phänomen handelt, kann dies Auswirkungen auf Impfstoffstudien haben und auch erklären, warum einige Kinder schwer an Covid-19 erkranken, während die Mehrheit nicht betroffen oder asymptomatisch ist."

Laura Beigel mit dpa

“Staat, Sex, Amen”
Der neue Gesellschaftspodcast mit Imre Grimm und Kristian Teetz
  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen