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Befragung unter Psychiatern: Frauen und Familien leiden besonders unter dem Lockdown, häusliche Gewalt ein Thema

  • Während der Corona-Pandemie ist die Dunkelziffer häuslicher Gewalt sehr hoch, meinen 154 Psychiater und Psychotherapeuten.
  • In einer Befragung mit dem Titel „Psychische Gesundheit in der Krise“, die dem RND vor Veröffentlichung vorliegt, berichteten sie aus ihrem Arbeitsalltag.
  • Sie gaben an, dass sich die Symptome von Patientinnen während der Pandemie noch häufiger verschlimmerten als die von Patienten.
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Dass die Dunkelziffer an häuslicher Gewalt während der Corona-Krise sehr hoch ist, dieser Aussage stimmen neun von zehn Psychiatern und Psychotherapeuten zu. So lautet ein Ergebnis der Befragung „Psychische Gesundheit in der Krise“ im Auftrag der Pronova BKK, die dem RND vor Veröffentlichung bereits vorliegt. Der Zusammenschluss der Betriebskrankenkassen ließ insgesamt 154 Psychiater und Psychotherapeuten dazu befragen, wie sich die psychische Gesundheit ihrer Patientinnen und Patienten im Verlauf des ersten Pandemiehalbjahres entwickelt hat.

Sinn eines Lockdowns ist es eigentlich, Menschen zu schützen. Dass diese Idee nicht für alle aufgeht, hat die TU München bereits im Juni mit Zahlen belegen können. Rund 3 Prozent der Frauen in Deutschland haben während der strengen Kontaktbeschränkungen körperliche Gewalt erlebt, 3,6 Prozent Vergewaltigungen durch den Partner. In jedem 15. Haushalt erlebten Kinder gewalttätige Bestrafungen. Finanzielle Sorgen erhöhten die Anzahl der Opfer.

Gewalt gegen Kinder und Frauen

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„Wenn Schulen, Kitas und Freizeiteinrichtungen geschlossen oder im eingeschränkten Betrieb sind, können Kinder aus schwierigen Situationen zu Hause schlechter entkommen. Zudem bleiben Gewalt oder Missbrauch häufiger unerkannt, weil die Frühwarnsysteme ausfallen: Lehrer und Erzieher verlieren die Kinder aus dem Blick“, sagt Patrizia Thamm, Psychologin bei der Pronova BKK.

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Neben Kindern trifft Gewalt vor allem Frauen, wie die aktuelle Auswertung des Bundeskriminalamtes bezüglich Partnerschaftsgewalt zeigt. 81 Prozent der Opfer dieser Form von Gewalt sind Frauen. Die Hälfte der Betroffenen, Männer wie Frauen, lebten zum Tatzeitpunkt mit dem Täter oder der Täterin in einem Haushalt.

Schlimmere Symptome durch Corona-Beschränkungen

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Quarantäne, eingeschränkte Kontakte und Lockdown-Langeweile dürften zu einem Anstieg von häuslicher Gewalt führen, warnt das Bündnis „Stärker als Gewalt“ des Bundesfamilienministeriums. „Wenn mehrere Stressfaktoren zusammenkommen, liegen die Nerven blank. Opfer von häuslicher Gewalt werden besonders häufig Frauen und Kinder – im Lockdown wächst diese Gefahr“, sagt auch Psychologin Thamm.

Laut der Befragung ihres Arbeitgebers zur psychischen Gesundheit in der Krise nehmen die Psychiater und Psychotherapeuten bei 70 Prozent ihrer Patienten und 86 Prozent ihrer Patientinnen stärkere Symptome als vor der Pandemie wahr.

In Haushalten, in denen sich zwei Menschen die Kinderbetreuung teilen, sind 84 Prozent von schlimmeren psychischen Beschwerden als vor der Pandemie betroffen. Alleinerziehende trifft es am stärksten – bei 92 Prozent stellen die Psychiater und Psychotherapeuten verschlimmerte Symptome fest. Knapp neun von zehn Alleinerziehenden sind laut dem Statistischen Bundesamt weiblich. Sie haben während des Lockdowns mit geschlossenen Kitas und Schulen noch mehr als sonst ein Problem, Kindern und Job gleichzeitig gerecht zu werden.

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Alleinlebende haben es auch schwer

Die Pronova BKK wollte von den 154 Psychiatern und Psychotherapeuten auch wissen, welche Aspekte der Corona-Krise es sind, die sich negativ auf die psychische Gesundheit der Patienten auswirken. Eine angespannte familiäre Situation (85 Prozent Zustimmung), fehlende Rückzugsmöglichkeiten zu Hause (80 Prozent) und finanzielle Sorgen (79 Prozent) sehen die Experten als Hauptgründe. Weniger oft nannten sie dagegen zu intensiven Medienkonsum (56 Prozent) und die falsche Ernährung (23 Prozent).

Mit 88 Prozent Zustimmung ist der Hauptfaktor laut den Psychiatern und Psychotherapeuten allerdings der fehlende Kontakt zu Freunden, Kollegen und der Familie. Das zeigt sich ebenfalls in der Zunahme der Schwere von psychischen Beschwerden bei Alleinlebenden. Bei 76 Prozent ihrer Patienten und Patientinnen, die allein wohnen, ist das laut den Psychiatern und Psychotherapeuten nämlich der Fall. Die am wenigsten betroffene Gruppe sind kinderlose Paare, die zusammenleben. In 49 Prozent der Fälle haben Patienten aus so einer Konstellation schlimmere Beschwerden als vor Beginn der Pandemie.

RND

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