Grippe versus Covid-19: Was ist gefährlicher?

  • Immer wieder wird das Coronavirus Sars-CoV-2 und die dadurch ausgelöste Lungenkrankheit mit der jährlich grassierenden Grippewelle verglichen.
  • Covid-19 und die Grippe haben Gemeinsamkeiten und Unterschiede.
  • Krankheitsverlauf, Übertragungswege, Ansteckungsgefahr und Risikogruppen spielen eine wichtige Rolle.
Irene Habich
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Immer wieder sagen Experten, das neuartige Coronavirus lasse sich nicht mit der Grippe vergleichen. Aber stimmt das? Die neuesten Erkenntnisse zu Gemeinsamkeiten und Unterschieden der beiden Erreger.

Hinweis: Wir haben diesen Artikel am 24. September umfassend aktualisiert.

Covid-19 vs. Grippe: Ansteckung

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Sowohl Influenzaviren als auch das neuartige Coronavirus werden durch Tröpfchen übertragen, die Infizierte beim Sprechen, Husten oder Atmen ausscheiden. Bei der Übertragung von Influenza und wohl auch des Coronavirus können außerdem Aerosole eine Rolle spielen: Feinste Flüssigkeitspartikel, die die Viren enthalten und sich in geschlossenen Räumen in der Luft anreichern können. Ansteckungsgefahr besteht daher vor allem in geschlossenen Räumen.

Ein Indikator dafür, wie ansteckend eine Krankheit ist, ist die sogenannte Reproduktionszahl. Sie gibt an, wie viele andere Menschen eine infizierte Person durchschnittlich ansteckt, wenn es noch keine nennenswerte Immunität in der Bevölkerung gibt. Bei Grippeviren wird diese Zahl je nach Saison auf etwa 1,2 bis 2 geschätzt. Beim neuartigen Coronavirus lag die Ansteckungsrate in Deutschland vorübergehend bei 3,5, sank dann aber schnell wieder und liegt nun bei etwa 1. Allerdings ist der Vergleich schwierig. So werden wahrscheinlich viele Infektionen mit dem Coronavirus gar nicht erkannt, das würde dann auch für Ansteckungen gelten.

Bei Influenzavieren geht die WHO davon aus, dass diese sich schneller verbreiten können als das Coronavirus. Demnach vergehen bei Corona von einer Ansteckung bis zur nächsten etwa fünf bis sechs Tage, bei einer Influenza drei Tage.

Covid-19 vs. Grippe: Symptome

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Zu den typischen Influenzasymptomen zählen hohes Fieber, Abgeschlagenheit, Husten und Schüttelfrost, Kopf- und Gliederschmerzen oder seltener auch Magen-Darm-Beschwerden. Vor allem bei älteren Menschen und Vorerkrankten (siehe Risikofaktoren) sind schwere und tödliche Verläufe möglich, bei denen es zu Lungenentzündungen, Gehirnentzündungen oder Herzmuskelentzündungen kommt.

Eine Covid-19 Erkrankung kann sehr unterschiedlich verlaufen. Viele Menschen haben nur milde oder gar keine Symptome, weshalb die meisten Infektionen vermutlich unentdeckt bleiben. Häufig treten laut RKI ebenfalls klassische Erkältungssymptome wie Husten, Fieber und Schnupfen auf. Einige Patienten berichten zudem von einem Verlust ihres Geruchs- und Geschmackssinns, oft ohne dass die Nase dabei verstopft zu sein scheint. Ebenfalls berichtet wurden Magen-Darm-Symptome.

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Vor allem in Risikogruppen (s.u.) sind schwere und tödliche Verläufe sind möglich. Dabei kommt es zu einer besonderen Form der Lungenentzündung mit Flüssigkeitseinlagerungen in der Lunge, die eine lebensbedrohliche Atemnot auslösen kann. Auch ein Übergreifen der Erkrankung auf den ganzen Körper ist in diesem Stadium möglich. Nach einer aktuellen Erhebung des Robert Koch-Instituts müssen 22 Prozent der Patienten mit schweren Atemwegserkrankung durch Covid-19 beatmet werden und 14 Prozent der Patienten mit schweren Atemwegserkrankung durch eine Grippe. Im Mittel waren Covid-19 Patienten 10 Tage auf eine Beatmung angewiesen, Grippe-Kranke nur 4.

Covid-19 vs. Grippe: Sterblichkeit

Wie hoch ist der Anteil der Infizierten, die nach einer Ansteckung versterben? Bei der Influenza schätzt das Robert Koch-Institut diesen Anteil in einer durchschnittlichen Grippesaison auf etwa 0,1 bis 0,2 Prozent. In einer schweren Saison sterben laut RKI geschätzt 25.000 Menschen in Deutschland an der Grippe. An Covid-19 sind bisher erst rund 9400 Menschen in Deutschland gestorben. Allerdings lässt sich nicht genau sagen, wie hoch die Zahl der Toten ohne Schutzmaßnahmen gewesen wäre.

Laut dem Netzwerk für Evidenzbasierte Medizin liegt der Anteil der nachweisbar mit dem Coronavirus Infizierten, die sterben, in Deutschland momentan zwischen 0,1 und 0,4 Prozent. Dabei sind die Dunkelziffer unerkannter und symptomloser Fälle sowie falsch positive Tests noch nicht berücksichtigt. Eine vorveröffenlichte Studie hatte für den Beginn des Ausbruchs an einem Hotspot im nordrhein-westfälischen Heinsberg eine Sterblichkeit zwischen 0,27 bzw. 0,36 Prozent ermittelt.

Covid-19 vs. Grippe: Risikofaktoren

Der wohl wichtigste Risikofaktor für einen schweren Verlauf von Covid-19 ist das Alter. 86 % der in Deutschland an Covid-19 Verstorbenen waren 70 Jahre alt oder älter, das mittlere Alter der Verstorbenen lag bei 82 Jahren. Auch litten die meisten Betroffenen an Vorerkrankungen. Herz-Kreislauferkrankungen, chronische Erkrankungen von Lunge, Leber oder Nieren, sowie Diabetes, Adipositas, Krebs oder ein geschwächtes Immunsystem erhöhen die Wahrscheinlichkeit, nach einer Corona-Infektion zu versterben. Die gleichen Vorerkrankungen begünstigen Komplikationen nach der Ansteckung mit der Influenza. Und auch an der Influenza sterben vor allem ältere Menschen.

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Covid-19 vs. Grippe: Kinder

Bei der Influenza spielen Kinder laut WHO eine wichtige Rolle für die Verbreitung der Viren. Bei der Verbreitung des Coronavirus geht man bisher eher nicht davon aus. Kinder scheinen nicht nur weniger schwer, sondern auch seltener daran zu erkranken und das Virus daher auch weniger stark zu verbreiten. Abschließend ist dies aber noch nicht geklärt.

Covid-19 vs. Grippe: Medikamente

Medikamente zeigen in beiden Fällen nur eine begrenzte Wirkung. Zur unterstützenden Behandlung der Grippe werden teilweise antivirale Mittel eingesetzt. Diese können die Erkrankungsdauer etwas verkürzen, wenn sie zu Beginn der Erkrankung verabreicht werden. In welchem Ausmaß schwere Verläufe verhindert werden können, ist aber unklar. Zur Behandlung von Corona-Patienten ist in der EU seit Juli das antivirale Mittel Remdesvir zugelassen, das ursprünglich gegen Ebola entwickelt wurde. Es soll ebenfalls die Erkrankungsdauer etwas verkürzen. Nur für schwere Fälle, also für Corona-Patienten, die bereits eine Sauerstofftherapie benötigen, empfiehlt die Europäische Arzneimittelagentur die Anwendung von Dexamethason.

Zur Behandlung von bakteriellen Begleitinfektionen werden sowohl Grippe- als auch bei Covid-Patienten Antibiotika verabreicht. Die WHO warnt aber davor, diese nicht unnötig einzusetzen, um Resistenzen nicht zu fördern.

Covid-19 vs. Grippe: Spätfolgen

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Experten befürchten nach einer überstandenen schweren Covid-19 Erkrankung mögliche Spätfolgen, die das Nervensystem betreffen. So könnten Beeinträchtigungen des Gedächtnis und Nervenleiden auftreten. Auch bei einigen Influenzaviren deuten Erkenntnisse auf mögliche Folgeschäden des Gehirns hin.

Covid-19 vs. Grippe: Impfung

Gegen Grippeviren sind Impfungen verfügbar, diese haben allerdings eine begrenzte Wirksamkeit. Das liegt unter anderem daran, dass die Impfstoffe produziert werden, ehe man weiß, welche Art von Grippeviren in einer Saison vermehrt auftreten wird. Und speziell ältere Menschen, denen die Impfung als Risikogruppe empfohlen wird, schützt sie nur unvollständig. Laut RKI kann eine Impfung das Erkrankungsrisiko bei ihnen nur etwa um die Hälfte reduzieren. An einer Schutzimpfung gegen das Coronavirus wird momentan weltweit geforscht. Zugelassen ist eine Impfung bisher nur in Russland, Wissenschaftler kritisieren aber die unklare Studienlage zu dieser Impfung.

Covid-19 vs. Grippe: Gefahr für die Bevölkerung

Zumindest, wenn man sich auf das Infektionsgeschehen in Deutschland fokussiert, scheint das Corona-Virus auf den ersten Blick kaum gefährlicher als eine Grippe. Allerdings können schwere Verläufe sehr unangenehm sein, auch wenn Betroffene diese überleben. Epidemiologen sehen zudem noch eine besondere Art von Gefahr: So kamen Grippewellen bisher von selbst zum Erliegen. Und obwohl sich Influenzaviren auch ständig verändern, geht man von einer gewissen Immunität in der Bevölkerung aus. Auch können Grippe-Impfungen Risikogruppen zumindest einen Teilschutz bieten. Bei dem neuartigen Coronavirus gilt die größte Sorge einer ungehinderten Ausbreitung in der Bevölkerung mit schlagartig vielen Patienten. Die Todesrate könnte deutlich steigen, wenn diese nicht alle gleichzeitig behandelt werden könnten – wie der Blick in andere Länder zeigt.

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