Infektiologe zu Corona-Ausbruch nach Gottesdienst: “Das Problem liegt in der Masse der Menschen”

  • Überraschend ist der Virusausbruch bei einer religiösen Versammlung für Matthias Stoll von der Medizinischen Hochschule Hannover nicht.
  • Im RND-Interview spricht der Infektiologe über Superspreading, die Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung und was Testverfahren mit Infektiosität zu tun haben.
  • Bereits jetzt führe die in Deutschland recht verbreitete diskriminierende Haltung gegenüber Covid-19-Erkrankten zu einem Nachlassen der Testbereitschaft, mahnt der RND-Experte.
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Matthias Stoll ist Infektiologe an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) erklärt der Experte während der Corona-Pandemie immer wieder komplizierte Sachverhalte und schätzt die aktuelle Lage ein. Diesmal geht es um die rasante Virusausbreitung bei Gottesdiensten, die Wahrscheinlichkeit eines Superspreadings und die Frage, wie lange ein Covid-19-Patient eigentlich infektiös ist und was das alles mit den Testverfahren zu tun hat.

Matthias Stoll ist Infektiologe der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) und ordnet als RND-Experte komplizierte Sachverhalte während der Corona-Pandemie ein. © Quelle: Ole Spata/dpa

In Frankfurt am Main haben sich viele Menschen bei einem Gottesdienst mit dem Coronavirus angesteckt. Welche Faktoren beeinflussen, wie viele weitere Personen sich infolge dieses einen Treffens noch infizieren?

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Wir sprechen von einem Gottesdienst am 10 Mai. – Stand 24. Mai sind bisher “über 40 Covid-19-Fälle” identifiziert worden. Infiziert haben die sich alle am 10. Mai durch eine (oder mehrere?) infizierte Person(en), die am Gottesdienst teilnahm(en). “Nachträglich” kann man sich nicht infizieren. Die Probleme: Erstens gibt es zunächst eine Inkubationszeit von mehreren Tagen, bevor man als Infizierter auffällt. Zweitens entwickeln nicht alle Infizierten Symptome. Asymptomatische Virusausscheider kann man nur durch Umgebungsuntersuchungen aufspüren, nachdem (!) man also an die Kirchenbesucher appelliert, sich als Kontaktperson testen zu lassen.

Welche Maßnahmen sind jetzt besonders wichtig, um den lokalen Ausbruch unter Kontrolle zu bekommen?

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Es hängt alles an der sorgfältigen und zeitgerechten Aufarbeitung des Gesundheitsamtes, das nach dem Gesetz verpflichtet ist, die direkten Kontaktpersonen aufzuspüren und zu überwachen. Da – wie ich annehme – beim Kirchenbesuch keine Teilnehmerlisten erstellt werden, kann hier die Presse mit dem Aufruf helfen, sich beim Gesundheitsamt zu melden und testen zu lassen.

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Nach Gottesdienst in Frankfurt: Gläubige mit Coronavirus infiziert
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Der Gottesdienst soll bereits am 10. Mai stattgefunden haben. Trotz der Einhaltung aller Sicherheitsmaßnahmen soll es Infizierte geben.  © Reuters
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Superspreading: Eine Frage der Wahrscheinlichkeit

Laut der Kirchengemeinde wurden alle Regeln beim Gottesdienst eingehalten. Wie kann es sein, dass sich trotzdem so viele Menschen auf einmal bei einem Treffen infizieren? Was sagt das über das Virus und seine Verbreitung aus?

Es ist wie bei der Verkehrsunfallstatistik. Es gibt Tage, da gibt es kaum welche und an anderen Tagen trotz guter Sicht und trockener Straße eine Massenkarambolage. Wenn der aktuelle R-Wert also bei 1 liegen würde, bedeutet es eben nicht, dass jeder Infizierte genau eine Person ansteckt. Vielmehr ist es so, dass recht viele Menschen niemanden anstecken und manche eben auch viele. Ein Kirchenbesuch war auch im Elsass Ausgang einer dort im März und April dramatischen Infektionswelle.

Epidemiologen sprechen im Zusammenhang mit der Virusausbreitung von sogenannten Superspreader-Ereignissen. Was ist damit gemeint und welche Erkenntnisse gibt es dazu in Bezug auf Sars-CoV-2?

Ich schlage das Wort Superspreader zum Unwort des Jahres vor. Es handelt sich eben nicht um eine besonders gefährlich ansteckende Person, sondern um den rechten Rand der statistischen Glockenkurve: Eine Person hat deutlich mehr Infektionsfälle bewirkt als erwartet. Wenn man das mit einem Anglizismus bezeichnen will, dann würde ich vorschlagen, statt Superspreader-Ereignis “Superspreading” zu sagen.

Das Phänomen ist nichts Neues bei Sars-CoV-2: Ein Kirchenbesuch war wie eben schon erwähnt auch im Elsass Ausgang einer dramatischen Infektionswelle. Im Landkreis Leer war es eine Gaststätte, in Wolfsburg und anderswo waren es Pflegeeinrichtungen.

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Was ist ausschlaggebend dafür, wie viele Personen sich bei so einem Superspreading anstecken?

Das Problem liegt in der Masse der Menschen, die dort zusammenkommen. Günstig für die Virusausbreitung bei einem Gottesdienst waren zudem das relativ lange Beieinandersein, der fehlende Luftaustausch – denn Kirchen haben meist keine Klimaanlagen oder offene Fenster – und die Tatsache des gemeinsamen Singens und/oder Sprechens: zum Beispiel beim Beten, was Virusausscheidung und -aufnahme verstärkt.

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Infektiosität: Regelmäßiges Testen hilft nicht immer

Sind alle Menschen, die sich mit Sars-CoV-2 infizieren, gleichermaßen infektiös? Und gibt es eine Möglichkeit, beispielsweise per Test oder Untersuchung zu erkennen, wie infektiös jemand ist?

Eine hohe Virusausscheidung ist ein möglicher Faktor, nachweislich aber nicht der wichtigste. Es sind die zusätzlichen Begleitumstände, oft in ihrer Summe, die das Ereignis erklären – neben dem statistischen Zufall, also dem “bad luck”. Ansteckende und angesteckte Personen waren zum falschen Zeitpunkt gemeinsam am falschen Ort.

Ein Problem kann sein, dass die infizierte Person symptomlos war, also ganz am Anfang der Erkrankung. In dieser Phase ist tatsächlich die Virusausscheidung oft schon sehr hoch, aber man ahnt nicht, dass man infiziert sein könnte.

Leider hilft auch regelmäßiges Testen an diesem Punkt nichts. Wenn Sie sich heute per Abstrich testen lassen, erfahren Sie das Ergebnis morgen. Dann wissen Sie also am nächsten Tag, dass der Test gestern negativ war, aber sie haben leider keine Gewähr, dass das Testergebnis heute auch weiterhin negativ ausfallen würde. Dennoch lässt sich eben auch nicht jeder Mensch täglich testen, weil er darüber beunruhigt ist, dass es ihm gut geht.

Schlachthof, Gottesdienst, Restaurant, Paketdienst: Das sind seit Beginn der Lockerungen neue Hotspots der Virusübertragung in Deutschland. Überrascht Sie das?

Nein. Aber wir sollten da trennen: Gottesdienst, Konzert und Restaurant sind die Orte sozialen, religiösen und kulturellen Zusammenseins, in die wir uns – leider nur schrittweise – wieder vorsichtig hineintasten müssen und sollten. Hingegen waren die Arbeits- und Lebensverhältnisse von Menschen, die als Scheinselbstständige oder Leiharbeiter unter unwürdigsten Bedingungen in Schlachtbetrieben oder den Paketzustelldiensten tätig sind, schon vor Covid-19 ein Skandal. Jetzt fällt unserer Gesellschaft durch Covid-19 dieses Problem auf die Füße, weil wir dort zu lange weggeschaut haben.

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Regierung verbietet Werkverträge in der Fleischindustrie
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Zusätzlich will die Regierung stärkere Kontrollen veranlassen, um die Arbeitgeber zur Einhaltung der Gesundheitsstandards in der Fleischindustrie zu zwingen.  © Reuters

Welche weiteren Orte sind seit Beginn der Lockerungen besonders anfällig für ein Superspreading?

Viele Menschen zusammen, für längere Zeit, in abgeschlossenen Räumen, mit wenig Luftaustausch.

Genesene weisen Virus erneut nach

Es gibt eine neuere Studie chinesischer Wissenschaftler, die Hinweise darauf gibt, dass Sars-CoV-2 auch Wochen nach einer offiziellen Genesung bei Patienten festgestellt wird. Machen Sie ähnliche Beobachtungen, können als genesen geltende Patienten erneut infektiös sein, ohne es zu wissen?

Die Studie aus China untersuchte Menschen, die Covid-19 vermeintlich überstanden hatten und sich auch nach bis zu acht Wochen später noch als positiv im Abstrich erwiesen. Solche Ergebnisse sind nicht neu und wurden bereits seit Ende März aus China und anderen vorwiegend asiatischen Ländern berichtet. Sie decken sich auch mit unseren Erfahrungen. Es wird dabei jedes Mal vom “viral shedding” gesprochen – und die Frage bleibt offen, inwiefern es sich nur um ein Ausscheiden von Bruchstücken des Virus oder aber um ein vermehrungsfähiges Virus handelt.

Dazu gibt es bisher nur wenige Untersuchungen und Berichte, noch weniger davon sind wissenschaftlich untersucht. Tenor: Vermutlich ist jenseits von 14 Tagen nach Symptombeginn und/oder drei Tagen nach Symptomende ein positives PCR-Signal “meist” nicht mit Ausscheidung von vermehrungsfähigen Viren verbunden. Aber das wird derzeit niemand für den Einzelfall garantieren können und wollen.

Sehr beunruhigend an der Studie ist das Ergebnis, dass unter den Fällen mit positiver PCR auch Spender von Rekonvaleszentenplasma waren. Das würde bedeuten, dass von diesem Plasma, von dem bisher noch nicht bewiesen ist, dass es vor Covid-19 schützt oder die Krankheit günstig beeinflusst, Gefahren der Ansteckung mit Sars-CoV-2 ausgehen würden.

Corona-Testverfahren sollte verbessert werden

Kann ein negativer PCR-Test die Möglichkeit einer Infektion mit Sars-CoV-2 also nicht ausschließen?

Leider nein! Im Gegenteil wird deswegen bei bestehendem klinischen Verdacht auf Covid-19 nach einem negativen Testergebnis ausdrücklich zu einem zweiten Abstrich geraten. Die Rate an falsch negativen Abstrichen dürfte in Deutschland vermutlich höher sein, als die Angaben zur Sensitivität, die meist mit mehr als 95 Prozent angegeben wird, vermuten lassen. Ich beobachte bis heute immer wieder in den Berichterstattungen, wo Abstriche aus dem Mundraum oder Naseneingang erfolgen statt aus dem Rachen. Ein Grund dafür ist, dass die für die richtige Abstrichtechnik notwendigen, über zehn Zentimeter langen Abstrichtupfer in Deutschland nicht ausreichend verfügbar sind.

Sollte es weitere solche Studienergebnisse geben: Hätte das Konsequenzen für das Entlassmanagement von Covid-19-Patienten in Deutschland?

Diese Probleme gibt es bereits jetzt. Nämlich immer dann, wenn tatsächlich ein zweifacher negativer Abstrich Voraussetzung für eine Verlegung ist. Für eine Entlassung in häusliche Umgebung oder die Beendigung der Quarantäne bei den zu Hause durchgemachten Erkrankungen ist eine solche Testung bisher nicht vorgeschrieben. Hier kommen wir dann auch in Zielkonflikte, wenn wir Überlegungen anstellen, auf Kosten der Erkrankten noch höhere Hürden durch Testungen aufzustellen.

Bereits jetzt führt die in Deutschland recht verbreitete diskriminierende Haltung gegenüber Covid-19-Erkrankten nach meiner Wahrnehmung zu einem Nachlassen der anfänglich hohen Testbereitschaft. Viele Menschen haben berechtigte Angst vor den negativen Konsequenzen eines positiven Covid-19-Tests in ihrem sozialen Umfeld und am Arbeitsplatz.

Wenn sich die Menschen aber nicht mehr testen lassen, dann riskieren einerseits die Betroffenen ihre Gesundheit, aber wir als Gesellschaft riskieren, unsere wertvollste Waffe im Kampf gegen die Pandemie dauerhaft zu verspielen: Solidarität, die bekanntlich keine Einbahnstraße ist. Verantwortung bei der Weiterübertragung tragen nicht allein die wenigen mit Covid-19 Infizierten, sondern genauso diejenigen, die vor einer Infektion geschützt bleiben wollen.

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