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Corona und die Psyche: „Angst ist in so einer Situation ein ganz normales Gefühl“

  • Die Pandemie und die Maßnahmen zur Eindämmung des Virus belasten viele Menschen stark – Ängste und Depressionen nehmen zu.
  • Forscher rechnen infolge der Pandemie mit mindestens 4 bis 5 Prozent mehr Suiziden.
  • Um die psychischen Folgen zu begrenzen, empfehlen Psychologen unter anderem, sich nicht permanent mit den neuesten Entwicklungen um das Virus zu belasten.
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Hannover. Ein Entkommen ist unmöglich. Auch wer nur für einen kurzen schönen Tag einmal innere Ferien vom Virus machen möchte, dem wird dies kaum gelingen. Es beginnt am Morgen, wenn das Smartphone zum Kaffee die Schreckensnachricht über neue Infektionshöchstwerte reicht. Am Mittag der Hinweis, dass der langersehnte Schwimmkurs für die Tochter auch ausfällt. Der Gang zum Lieblingsitaliener am Abend? Ohnehin unmöglich. Und beim Fernsehen zur Nacht dann noch die beiläufige Erkenntnis, dass die Rezession doch auch die eigene Branche bedroht – und damit den eigenen Job.

Ist das alles nicht vielleicht ein guter Grund, zwischendurch mal ein wenig wahnsinnig zu werden? Sind zumindest gemäßigte Formen von Angst und Verzweiflung nicht vielleicht ganz passende Reaktionen auf diese Pandemie? Und gibt es überhaupt Möglichkeiten, sie zu vermeiden?

Die Pandemie und wir Der neue Alltag mit Corona: In unserem Newsletter ordnen wir die Nachrichten der Woche, erklären die Wissenschaft und geben Tipps für das Leben in der Krise – jeden Donnerstag.
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Höhere Belastung durch Ängstlichkeit und Depressivität

Seit erneut die Corona-Beschränkungen greifen, seit also der nächste, wenn auch leichte Lockdown beginnt, ist vor allem eines klar: Er wird unsere Psyche erneut belasten. Covid-19 ist eine gefährliche, potenziell tödliche Lungenkrankheit – die Pandemie als Ganze ist vor allem eine Bedrohung für die Seele.

„Wir haben Daten von weltweit rund 250.000 Personen ausgewertet“, sagt Professor Klaus Lieb, wissenschaftlicher Geschäftsführer des Leibniz-Instituts für Resilienzforschung in Mainz. „Die Belastung durch Ängstlichkeit, Depressivität und Hoffnungslosigkeit war höher, als wir es vor der Pandemie hatten.“ Nur trifft auch die psychische Dimension dieser Krise nicht jeden gleich: So wie die einen eine Sars-CoV-2-Infektion ohne Symptome wegstecken, so leiden die anderen ganz erheblich – ähnlich ist es im Grunde mit den psychischen Folgen der Pandemie: „Wir müssen auch hier besonders auf die Vulnerablen schauen“, sagt Lieb.

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„Vor allem Alleinerziehende und Eltern von mehreren Kindern sind besonders belastet“: Professor Klaus Lieb, wissenschaftlicher Geschäftsführer des Leibniz-Instituts für Resilienzforschung in Mainz. © Quelle: imago images / Jürgen Heinrich

Unterscheiden müsse man zum Beispiel zwischen Gesundheitspersonal, schon zuvor psychisch Erkrankten oder auch dem großen heterogenen Feld der allgemeinen Bevölkerung – „jede der Gruppen ist auf ihre eigene Art betroffen“, sagt Dr. Samy Egli, leitender Psychologe am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München. Krankenschwestern und -pfleger zum Beispiel mussten (und müssen demnächst wohl wieder) mit einer extremen Arbeitsbelastung und gleichzeitiger Angst vor Ansteckung leben. Viele psychisch Kranke klagten über eine Verschlechterung der Symptome.

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In der wachsenden Gruppe der an Covid-19 Erkrankten fanden Forscher anschließend, ausgelöst und verstärkt auch durch Isolation und Vereinsamung, bei rund 30 Prozent depressive Symptome. Und dann ist da die riesige und uneinheitliche Gruppe der Allgemeinbevölkerung, bei der sich der Grad der psychischen Belastung auch dadurch bestimmt, ob ihr Job bedroht ist und ob sie Homeoffice und -schooling unter einen Hut bekommen muss. „Vor allem Alleinerziehende und Eltern von mehreren Kindern sind besonders belastet“, betont Lieb.

Stark betroffen sind Frauen – und Jüngere

In einer Metastudie im „Journal of Affective Disorders“ haben Forscher aus Kanada und Singapur ausgewertet, welche Gruppen in der Pandemie besonders anfällig für Depressions- und Angstsymptome sind: Frauen (wohl, weil sie besonders häufig in betroffenen Branchen wie Handel, Dienstleistungen und Gesundheitswesen arbeiten und obendrein einen Großteil der familiären Belastungen abfangen), unter 40-Jährige (möglicherweise, weil sie sich sowohl um Kinder als auch um Ältere kümmern müssen), die noch Jüngeren, die als Schüler und Studenten von Schul- und Unischließungen betroffen sind, und dazu die Vorerkrankten, die das Virus auch existenziell fürchten mussten.

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Insgesamt sind das: sehr viele Menschen, letztlich ein Großteil der Bevölkerung. Aufgrund der Erfahrungen aus früheren schweren Krisen, wie etwa der Finanzkrise, rechnen Forscher auch mit mehr Suiziden. Lieb etwa hält einen Anstieg von mindestens 4 bis 5 Prozent in diesem Jahr insgesamt wegen der wirtschaftlichen Probleme für realistisch – das wären allein in Deutschland 400 bis 500 zusätzliche Suizide.

Das Tückische an dieser Pandemie ist dabei, dass sie uns nicht nur psychisch massiv belastet, sondern zugleich auch die Möglichkeiten erschwert, uns zu stabilisieren. Üblicherweise sind soziale Kontakte, das Zusammensein mit Freunden, einer der sichersten Wege, psychische Krisen zu lindern – doch genau das ist nun massiv erschwert. Sport? Fällt ebenfalls weitgehend aus. Auch der Halt, den ein fester Tagesrhythmus aus Arbeit und Feierabend vorgibt, ist uns durch die Pandemie versagt. Ein Grundbedürfnis von uns ist es, Situationen möglichst gut kontrollieren zu können. Etwas unter Kontrolle zu haben – oder unter Kontrolle zu bringen – dämpft die Angst. Das Problem ist nur: Die Pandemie entzieht sich schon qua Definition der Kontrolle: Genau deshalb ist es eine Pandemie.

Verschwörungstheorien als untauglicher Versuch, das Kontrollbedürfnis zu befriedigen

Laut dem Psychologen Egli könnte man nun die Flucht in Verschwörungstheorien und Verharmlosung als Versuche deuten, sein Kontrollbedürfnis zu befriedigen und so die Angst zu reduzieren. Geeigneter, weil realitätskonformer, dürften dagegen jene anderen Strategien sein, die Psychologen als Wege empfehlen, psychisch heil durch die Pandemie zu kommen. Egli zum Beispiel schlägt vor, sich gerade jetzt verstärkt Bereichen und Tätigkeiten zu widmen, bei denen man tatsächlich auch jetzt die Kontrolle hat. Kochen zum Beispiel habe den doppelten Vorteil, auch gleich noch das Lustbedürfnis zu befriedigen. Gerade jetzt Hobbys zu pflegen, sich regelmäßig zu bewegen, sich den Tag zu strukturieren: alles Wege, auch psychisch stabil zu bleiben.

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Der Resilienzforscher Lieb rät zudem zu einem maßvollen Medienkonsum, beschränkt auf seriöse Quellen: „Sich zweimal am Tag über den neuesten Stand und die wichtigsten Regeln in seiner Region zu informieren reicht völlig aus.“ Sich permanent von Nachrichten überfluten zu lassen, „zu katastrophisieren“, wie Lieb es nennt, helfe nicht, sondern verstärke eher die Angst und vermittle ein Gefühl der Ohnmacht. Dabei sei man ja gar nicht ohnmächtig, sondern könne durch das Einhalten der Hygieneregeln das Entscheidende selbst tun – „das sollte man sich immer wieder klarmachen“. Hilfreich sei zudem, der Krise auch positive Aspekte abzutrotzen – ohne sie sich künstlich schönzureden: „Wer also sagt: Quarantäne ist zwar blöd, hat aber den Vorteil, dass ich dieses oder jenes endlich mal machen kann, der kommt auch besser durch die Krise.“

Ein weiterer Lockdown? „Das wäre für die Psyche wirklich noch mal ein erheblicher Schaden“

Die Erkenntnisse der Psychologen haben durchaus politische Folgen: Überbrückungshilfen und Kurzarbeitergeld dämpfen auch die psychischen Effekte; Appelle wiederum, die nicht nur alarmieren, sondern auch die Möglichkeiten, selbst zu handeln, stärken das Gefühl, selbst nicht einfach machtlos dem Virus ausgeliefert zu sein.

Doch am Ende, räumt auch der Psychologe Egli ein, haben alle diese Tipps auch ihre Grenzen. „Angst ist in so einer Situation bis zu einem gewissen Grad ein ganz normales Gefühl“, sagt Egli. Das anzuerkennen und zu akzeptieren, auch das könne psychischen Druck mindern. Letztlich aber, erklärt Resilienzforscher Lieb, müsse es vor allem darum gehen, jetzt einen weiteren, deutlich strikteren Lockdown zu verhindern: „Das wäre für die Psyche wirklich noch mal ein erheblicher Schaden.“

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