Booster-Impfkampagne: zu spät, zu verwirrend, zu ungeplant

  • Auffrischungs­impfungen spielen in der vierten Welle eine entscheidende Rolle.
  • Doch dass dazu auch eine gute Impfkampagne nötig ist, scheint Teile der Politik zu überraschen.
  • Gehandelt wird – wie leider so häufig in der Pandemie – erst dann, wenn der Ernst der Lage nicht mehr zu ignorieren ist, kommentiert Anna Schughart.
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Die Corona-Pandemie ist mit voller Wucht zurückgekehrt. Und auch die Frage, wann, wie und wo man sich denn impfen lassen kann, stellt sich plötzlich wieder. Lange Schlangen vor Impfzentren, ergebnislose Anrufe in der Praxis, mühsame Internetrecherche – wer sich derzeit um einen Termin für eine Auffrischungsimpfung bemüht, wiederholt oft leidvolle Erfahrungen der Erstimpfung. Ja, in gewisser Hinsicht verläuft die Booster-Kampagne derzeit sogar noch schlechter.

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Auch die erste Impfkampagne hatte Startschwierigkeiten. Aber immerhin waren sich Experten und Expertinnen und Politik weitgehend einig darüber, welche Gruppe wann an die Reihe kommen sollte. Im Fall der Auffrischungsimpfungen ist das kaum zu durchblicken.

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Da empfiehlt die Stiko wochenlang eine Impfung erst mal nur für Menschen ab 70 Jahren – und dann stellt ihr Vorsitzender in einer Talkshow eine Ausweitung für alle über 18-Jährigen in Aussicht. Bund und Länder dagegen haben sich längst darauf geeinigt, Auffrischungs­impfungen grundsätzlich allen zu ermöglichen. Und während die Experten und Expertinnen auf einem Impfabstand von sechs Monaten beharren, spricht sich Bundesgesundheitsminister Jens Spahn dafür aus, den Booster auch schon früher zu ermöglichen. Was gilt denn nun? Woran sollen sich Ärzte und Ärztinnen, aber auch Impfwillige in so einer Situation orientieren?

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Lauterbach: Brauchen Priorisierung für Booster-Impfung
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Noch immer sind in Deutschland mehrere Millionen Menschen gar nicht geimpft. Doch jetzt drängen auch immer mehr vor allem Ältere auf eine Booster-Impfung.  © dpa

„Wir brauchen massiv Hilfe“

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Doch die widersprüchlichen Empfehlungen sind nur ein Teil der Misere. Dass für das Boostern eine neue Kampagne nötig sein würde, scheint die Politik derzeit größtenteils zu überraschen. Die Städte sehen sich nicht in der Lage, die nächste Impfkampagne – bestehend aus Booster, Kinderimpfung und Grippeimpfung – allein zu stemmen. „Wir brauchen massiv Hilfe. Wir sind nicht sicher, ob die niedergelassenen Ärzte das allein schaffen“, sagte der Vizepräsident des Deutschen Städtetags, Markus Lewe, am Mittwoch. Ärzte und Ärztinnen fordern, vorhandene Impfzentren wieder zu reaktivieren, sowie etwa Pop-up-Impfstellen zu schaffen und Impfmobile loszuschicken.

Das Problem: Druck auf die Sache kommt – wie leider so häufig in der Pandemie – erst dann, wenn der Ernst der Lage nicht mehr zu ignorieren ist, wenn die Zahl der Neuinfektionen wieder und wieder neue Höchststände erreicht. Dabei war aus Sicht der Wissenschaft schon im Sommer klar: Die Boosterimpfung ist nötig – besonders für die Älteren. Bisher haben in Deutschland jedoch nur rund 5 Prozent der Menschen eine Auffrischungsimpfung erhalten. Das heißt, auch ältere Menschen, bei denen die Impfung länger als sechs Monate her ist, haben sich noch nicht ein drittes Mal impfen lassen. Um den aktuellen Trend umzukehren, müssten laut Berechnungen von Modellierern, rund 30 Prozent der Menschen geboostert sein. Man kann Zweifel haben, ob das unter den derzeitigen Bedingungen bis Weihnachten zu schaffen ist. Aber wir sollten trotzdem alles daransetzen.

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