Pandemieausrichtung an Älteren: Was ist die Ü50-Inzidenz?

  • Charité-Experte Christian Drosten hat weitere Maßstäbe zur Beurteilung des Infektionsgeschehens ins Spiel gebracht.
  • Darunter ist die sogenannte Ü50-Inzidenz, bei der nur noch Erkrankungsfälle von älteren Menschen erfasst würden.
  • Bisher war der Virologe immer gegen die Konzentration auf Risikogruppen gewesen.
Irene Habich
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Charité-Experte Christian Drosten hat einen neuen Maßstab ins Spiel gebracht, um das Infektionsgeschehen bei steigenden Fallzahlen besser beurteilen zu können. Auf Twitter führte der Virologe die Idee einer „altersspezifischen Betrachtung der Inzidenz“ auf. Dabei würden speziell die neu gemeldeten Fälle in den höheren Altersgruppen berücksichtigt.

Drosten spricht von der Ü50-Inzidenz, also dem Vorkommen von Infektionen in der Altersgruppe über 50 (nicht zu verwechseln mit dem Schwellenwert von 50 Neuinfektionen pro Woche und 100.000 Einwohner, an dem sich derzeit die Maßnahmen orientieren).

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Ü50-Inzidenz soll Krankenhauskapazität vorhersagen

Wie eine Sprecherin der Charité auf Nachfrage der „Bild“-Zeitung mitteilte, soll die Ü50-Inzidenz dazu dienen, den Bedarf an Krankenhausbetten vorherzusagen. Tatsächlich sind es vor allem ältere Menschen, die schwer an Corona erkranken – das mittlere Alter der Verstorbenen liegt in Deutschland bei 82 Jahren. Und nur die vielen schweren Verläufe älterer Patienten hatten in anderen Ländern dazu geführt, dass Krankenhäusern die Überlastung drohte.

In Deutschland waren zuletzt aber überwiegend junge Menschen positiv getestet worden. Die meisten von ihnen entwickeln keine oder nur milde Symptome. Trotz steigender Infektionszahlen sterben daher derzeit täglich deutschlandweit bisher nur etwa 30 Menschen an Corona.

Neuer Corona-Richtwert Käme Strategiewechsel gleich

Mit der Ü50-Inzidenz hatte Drosten einen Vorschlag aufgegriffen, den der Epidemiologe und ehemalige WHO-Mitarbeiter Klaus Stöhr zuvor in einem „Zeit“-Interview gemacht hatte. Stöhr hatte darin kritisiert, dass sich Maßnahmen „nicht längst“ an den freien Intensivbetten und der „Erkrankungshäufigkeit der Risiko- und Altersgruppen“ ausrichten.

Wenn sich Maßnahmen vor allem an der Zahl der schweren Fälle ausrichten würden, käme das einem Strategiewechsel gleich. Die „Durchseuchung“ von weniger gefährdeten Bevölkerungsgruppen würde dabei mehr oder weniger hingenommen und würde sich vermutlich fortsetzen, bis eine Herdenimmunität erreicht ist. Eine solche Strategie hatten zuletzt Wissenschaftler der Universitäten Oxford, Harvard und Stanford in der sogenannten Great Barrington Declaration vorgeschlagen.

Experten fordern Schutz von Risikogruppen

Auch ein deutsches Expertenteam um den Gesundheitsökonomen Gerd Glaeske hatte vor Kurzem von der Politik verlangt, sich auf den Schutz von Risikogruppen zu konzentrieren.

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Christian Drosten hatte solche Konzepte bisher immer abgelehnt. Erst vor wenigen Tagen hatte er eine Stellungnahme der deutschen Gesellschaft für Virologie unterzeichnet, in der das Anstreben einer Herdenimmunität und die Konzentration auf Risikogruppen scharf kritisiert werden. Bei Twitter schrieb Drosten nun: „Die Argumentation steht nur auf den ersten Blick dem #Great-Barrington-Memorandum nahe (‚Risikogruppen abschirmen‘)“, denn es wird gleichzeitig davor gewarnt, das Virus laufen zu lassen."

Wie seinen Tweets zu entnehmen ist, strebt Drosten die Orientierung an der Ü50-Inzidenz erst dann an, „wenn man sich irgendwann eingestehen muss, dass man nicht alle Infektionen verhindern kann und die Fallverfolgung nicht mehr möglich ist“.

Ohnehin zeigte sich das Bundesgesundheitsministerium nicht von Drostens Vorschlag beeindruckt. Wie die „Bild“-Zeitung mitteilte, will es an der bisherigen Inzidenzbestimmung festhalten.

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