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  • Corona-Todeszahlen: Was sagen sie wirklich aus und was hat der Flugzeugabsturzvergleich zu bedeuten

Jeden Tag ein Flugzeugabsturz? Was die aktuellen Corona-Todeszahlen wirklich bedeuten

  • Mit 410 Toten wurde am Mittwoch die höchste Zahl an Todesfällen seit Beginn des Corona-Ausbruchs gemeldet.
  • Bayerns Ministerpräsident Markus Söder wagte in diesem Zusammenhang einen drastischen Vergleich.
  • Warum die aktuellen Werte dennoch nicht bedeuten, dass sich das Infektionsgeschehen weiter verschlimmert. Ein detaillierter Blick auf die Zahlen.
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Mehr als 400 Corona-Tote wurden an einem Tag gemeldet. „Die Todeszahlen sind aktuell so hoch, als würde jeden Tag ein Flugzeug abstürzen“, hat Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) auf dem Bund-Länder-Gipfel laut einem Bericht der „Bild“ gesagt. Danach hatte Söder härtere Regeln gefordert.

Nur: Die hohe Zahl neuer Todesfälle mag erschreckend erscheinen. Sie bedeutet aber nicht, dass das Infektionsgeschehen außer Kontrolle gerät. Zunächst einmal sind tägliche Schwankungen bei den gemeldeten Fallzahlen normal – das gilt sowohl für die Neuinfektionen als auch für die gemeldeten Toten. Das ist zum Teil dem Zufall geschuldet, zum Teil dem Meldesystem: Weil viele Gesundheitsämter über das Wochenende keine neuen Zahlen erfassen, liegen die Werte, die montags beim Robert-Koch-Institut (RKI) einlaufen, regelmäßig niedriger als an anderen Tagen. Im Verlauf der Woche werden dann Meldungen nacherfasst. Aussagekräftiger als die Werte einzelner Tage sind daher die Durchschnittswerte einer Woche.

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Corona-Neuinfektionen auf Vorwochenniveau
1:08 min
Die Gesundheitsämter haben dem RKI 10.864 neue Corona-Fälle gemeldet.  © dpa
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Selbst wenn die Todesfälle in den nächsten Tagen tendenziell steigen, wäre das aber nicht überraschend. Es bedeutet nicht, dass sich das Virus sprunghaft wieder stärker ausbreitet oder plötzlich gefährlicher geworden wäre. Vielmehr war ein Anstieg der Todesrate bereits erwartet worden, weil wieder mehr ältere Menschen erkranken, die die Hauptrisikogruppe für tödliche Verläufe sind. Laut RKI waren 86 Prozent der Corona-Toten in Deutschland 70 Jahre und älter.

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Mehr Infektionen in höheren Altersgruppen

Seit Mitte September hatte das RKI wieder vermehrt Ausbrüche in Alten- und Pflegeheimen festgestellt und eine Zunahme der Erkrankungen bei über 60-Jährigen. Laut aktuellem Lagebericht hat das RKI in der vergangenen Woche außerdem einen zum Teil starken Anstieg in der Altersgruppe der über 80-Jährigen beobachtet. Einem solchen Anstieg der Erkrankungen in höheren Altersgruppen folgt stets ziemlich sicher ein Anstieg der Todeszahlen – allerdings zeitverzögert.

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Denn bis jemand an den Folgen von Covid-19 stirbt, können mehrere Wochen vergehen. Wenn ein Patient schwer erkrankt, dauert es laut RKI durchschnittlich vier Tage bis zur Einlieferung ins Krankenhaus. Bei tödlichen Verläufen vergehen weitere zwölf Tage, bis ein Kranker seinen Symptomen erliegt, also insgesamt 16 Tage von Symptombeginn an.

Zahl der Intensivpatienten erlaubt Vorhersage

Vorhersagen lassen sich Sterbefälle daher am besten anhand der täglichen Aufnahme neuer Covid-19-Patienten auf die Intensivstationen, etwa einer von fünf intensivmedizinisch behandelten Patienten stirbt. Seit einigen Wochen mussten laut Divi-Intensivregister mehr Covid-19-Patienten intensivmedizinisch behandelt werden. Das scheint sich jetzt auch deutlich beim Anstieg der Todesfälle bemerkbar zu machen.

Zuletzt sanken die Zahlen aber wieder: In den letzten sieben Tagen wurden pro Tag durchschnittlich knapp 400 Patienten neu aufgenommen, in der Woche zuvor waren es noch fast 500 gewesen. Weil gleichzeitig täglich Hunderte Patienten als geheilt entlassen werden, steigt die Gesamtzahl der Patienten auf der Intensivstation kaum noch. Eine Überfüllung der Stationen ist also derzeit nicht zu befürchten. Zu erwarten ist auch, dass die Zahl der Todesfälle mit Verzögerung wieder sinkt, nachdem die Zahl der Intensivpatienten abgenommen hat.

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Nur rückwirkende Aussagekraft

Steigende Todeszahlen zeigen also nicht an, dass sich das Infektionsgeschehen verschlimmert oder außer Kontrolle gerät – sondern, dass sich vor zwei bis drei Wochen mehr Personen in Risikogruppen infiziert haben. Umgekehrt bedeuten steigende Infektionszahlen in der Allgemeinbevölkerung nicht, dass sofort mehr Menschen versterben. Die Todesrate steigt nur, wenn mehr ältere Menschen sich infizieren und auch dann erst mit zeitlicher Verzögerung.

Nicht nur die Todeszahlen, auch andere Daten erlauben nur eine rückwirkende Einschätzung des Infektionsgeschehens. Dazu gehört die Reproduktionszahl, der sogenannte R-Wert. Ein R-Wert gibt an, wie viele Personen ein Corona-Infizierter durchschnittlich ansteckt. R-Werte unter eins werden angestrebt, sie bedeuten, dass ein Infizierter durchschnittlich weniger als eine andere Person ansteckt und die Zahl der Infizierten also abnimmt. Das RKI versucht, den aktuellen R-Wert abzuschätzen, das gelingt aber nur ungenau. Zuverlässig ermitteln lässt sich die Reproduktionsrate nur für einen Zeitraum, der acht bis 16 Tage zurückliegt.

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Corona weltweit: Infizierte, Todesfälle und Genesungen für jedes Land

Rechenmodelle helfen, Trends zu erkennen

Das Steuern von Maßnahmen wird dadurch erschwert. Inzwischen gelingt es Experten immer besser, Entwicklungen einzuschätzen und auch vorherzusagen. Sie stützen sich dabei aber grundsätzlich nicht auf einzelne Werte, sondern versuchen mit Rechenmodellen Trends zu erkennen. Für die Infektionszahlen gilt genau wie für die Zahl der Todesfälle: Einzelne Tageswerte sagen nur äußerst wenig aus und müssen kein Grund zur Beunruhigung sein.

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