Corona-Todesfälle: Jedes zweite Opfer kommt aus Lateinamerika

  • In Deutschland scheint Corona zwar nicht überwunden, aber doch gezügelt.
  • Dabei wütet das Virus global gesehen schlimmer denn je.
  • Fast 5000 Menschen sterben täglich, die Hälfte davon in Süd- und Mittelamerika.
Johannes Christ
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São Paulo. Der Kreis Gütersloh ist seit dem Corona-Ausbruch im Schlachthof Tönnies im Fokus der deutschen Öffentlichkeit. Mittlerweile hat die Region wieder den kritischen Grenzwert von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern in den vergangenen sieben Tagen unterschritten. Was hierzulande für große Aufregung sorgt, wäre in anderen Ländern nicht einmal eine Randnotiz: Nach deutschen Maßstäben lägen in den USA mehr als 1000 Bezirke über dem Grenzwert und müssten zu Ausgangsbeschränkungen zurückkehren. Weltweit sterben täglich etwa 4700 Menschen an oder mit Covid-19. Am stärksten betroffen sind die Länder Süd- und Mittelamerikas.

Corona wanderte einmal über den Erdball

Damit hat sich die Pandemie seit ihrem Beginn Anfang des Jahres einmal über den gesamten Erdball geschoben. Ausgehend vom chinesischen Wuhan erreichte das Coronavirus zunächst andere asiatische Länder und schließlich Europa. Über Norditalien, den Skitourismus und die Region Madrid verbreitete sich das Virus über weite Teile des Kontinents. In den USA kam es im Nordosten des Landes Ende März, Anfang April zu einem verheerenden Ausbruch. Zuletzt stiegen schließlich in zahlreichen Ländern Mittel- und Südamerikas die Fallzahlen stark an. Mit wenigen Wochen Verzögerung schlugen sich die gestiegenen Fallzahlen auch in der Todesfallstatistik nieder.

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In Europa starben auf dem bisherigen Höhepunkt Mitte April fast 4000 Menschen am Tag, vor allem in Italien, Spanien, Frankreich und Großbritannien. Seither hat sich der Wert auf rund 300 Menschen täglich reduziert. Dafür sind die Todeszahlen zuerst in Nordamerika und zuletzt in Mittel- und Südamerika rasant gestiegen.

Die Grafik zeigt den Verlauf in den Erdteilen. Klicken Sie auf “Prozent”, um sich die Anteile anzeigen zu lassen.

“Es gibt keinen Zweifel, dass unsere Region zum Epizentrum der Pandemie geworden ist”, sagte Carissa Etienne, die Direktorin der Pan American Health Organization. Dabei gehen die Länder in Lateinamerika sehr unterschiedlich mit dem Virus um. In Mexiko und Brasilien ist weiterhin vieles erlaubt. Die Bilder des brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro, wie er sich ohne Abstand und ohne Mundschutz durch Menschenmengen drängt, gingen um die Welt. Nun hat sich Bolsonaro selbst mit dem Virus infiziert.

Aber auch Peru, das Mitte März einen harten Lockdown verhängte, hat mehr als 11.000 Tote bei einer Bevölkerungsgröße von 32 Millionen zu beklagen. In dem Land geht ein Großteil der Menschen einer informellen Tätigkeit nach, sie verkaufen Essen an der Straße oder gehen putzen. Die meisten können es sich nicht leisten, zu Hause zu bleiben. Im Ergebnis melden Chile, Peru, Bolivien, Brasilien, Mexiko, Kolumbien und Ecuador die meisten Toten pro Tag in Relation zur Bevölkerung.

Solche Auswertungen können allerdings immer nur ein grobes Bild der wirklichen Entwicklung bieten, und Vergleiche zwischen Ländern sind mit Vorsicht zu interpretieren. Das gilt insbesondere für die Zahl der erkannten Infektionen, die stark vom Umfang der Tests abhängt. So kommt etwa die University of São Paulo Medical School in einer Studie zu dem Schluss, dass die Dunkelziffer der Angesteckten in Brasilien 15-mal höher sein könnte als die offizielle Zahl. Aber auch bei den prinzipiell verlässlicheren Todesfallstatistiken kommt es in vielen Ländern zu einer Untererfassung.

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