Corona-Tests in Schulen und Kitas: „Mehr Schaden als Nutzen“?

  • Während der dritten Corona-Welle infizieren sich vermehrt Kinder und Jugendliche in Deutschland mit dem Virus.
  • Um Ausbrüche in Kitas und Schulen zu verhindern, sollen dort häufiger Schnell- und Selbsttest zum Einsatz kommen.
  • Werden diese jedoch nicht richtig angewendet, droht ein noch höheres Infektionsrisiko in den Einrichtungen, mahnen Experten.
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Das Robert-Koch-Institut (RKI) beobachtet, dass sich Kinder und Jugendliche derzeit besonders häufig mit dem Coronavirus infizieren. In der Altersgruppe der unter 14-Jährigen hat sich die Sieben-Tage-Inzidenz in den vergangenen vier Wochen mehr als verdoppelt – auf zuletzt mehr als 100 Fälle pro 100.000 Einwohner. In ihrem gestrigen Situationsbericht schrieb die Behörde, dass das Infektionsgeschehen in Deutschland zunehmend auf Ausbrüche in Kitas und Schulen zurückgehe.

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Um Infektionsketten frühzeitig erkennen und unterbrechen zu können, haben sich Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsidenten der Länder am Dienstag darauf verständigt, die Testkapazitäten in den Einrichtungen auszuweiten. Zukünftig sollen sich Kinder und Jugendliche sowie Mitarbeiter zweimal pro Woche testen lassen können. Zur Verfügung stehen dafür Antigenschnelltests sowie Selbsttests. Wann und wie diese Tests durchgeführt werden, entscheidet jedes Bundesland selbst.

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Selbstauskunft genügt in Sachsen

Während einige Länder schon mit Corona-Testungen in den Bildungsstätten begonnen haben, wollen andere erst nach Ostern damit starten. Unterschiede gibt es auch in der Frage, wo diese Tests durchgeführt werden – ob schon zu Hause oder erst in der Schule.

In Niedersachsen regt sich beispielsweise Widerstand dagegen, dass sich Schüler in der Schule selbst testen müssen. Die Durchführung der Tests gehöre in die häusliche Umgebung, fordert die Arbeitsgemeinschaft der Elternräte. Bisher finden die Corona-Selbsttests unter Aufsicht der Lehrer in den Schulen statt. Von dieser Regelung ausgenommen sind Grundschüler. Die Elternräte plädieren dafür, dass die Schulen Testkits für zu Hause zur Verfügung stellen – oder anstelle der Lehrer medizinisches Personal einsetzen, um Ansteckungen und Verletzungen zu vermeiden.

Das sächsische Kultusministerium bietet auf seiner Internetseite wiederum ein Formular an, mit dem Eltern bescheinigen können, dass sie ihre Kinder zu Hause auf das Coronavirus getestet haben. Diese Selbstauskunft reiche als Bestätigung aus, damit Schüler am Unterricht teilnehmen können, teilte das Ministerium in einem Schreiben an die Schulleiter mit, das der Leipziger Volkszeitung vorliegt. Eltern, Lehrer und Direktoren sorgen sich nun, dass damit die Testpflicht untergraben werden könnte.

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Nur medizinisches Personal sollte Schnelltests durchführen

Mehrere Fachgesellschaften, darunter die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ), hatten sich Ende Februar ohnehin gegen einen flächendeckenden Einsatz von Antigenschnelltests in Schulen und Kitas ausgesprochen.

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„Es ist zu erwarten, dass die Zahl falsch negativer und falsch positiver Ergebnisse inakzeptabel hoch sein und weit mehr Schaden als Nutzen mit sich bringen wird“, hieß es in dem damals veröffentlichten Positionspapier. Deshalb sollten Schnelltests nur von geschultem Personal durchgeführt werden. „Weiterhin besteht die erhebliche Gefahr, dass Testergebnisse negativen Einfluss nehmen werden auf die konsequente Umsetzung der bewährten Hygieneregeln.“

Die Kernaussagen des Positionspapiers seien immer noch aktuell, sagte Burkhard Rodeck, Generalsekretär der DGKJ, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland. Der flächendeckende Einsatz von Antigenschnelltests wecke bei den Bürgern die Erwartung, dass sie sich auf die Testergebnisse ganz und gar verlassen könnten. „Das darf man aber nicht“, stellte Rodeck klar. „Kein Test ist zu 100 Prozent zuverlässig und das gilt gerade für Antigenschnelltests.“ Er warnte davor, dass sich negativ Getestete in einer „falschen Sicherheit“ wiegen und unachtsamer mit den AHA+L-Regeln umgehen könnten.

Für Selbsttest muss genügend Virusmaterial vorliegen

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Diese Befürchtung äußerte auch Matthias Orth, Vorstandsmitglied im Berufsverband Deutscher Laborärzte und Chefarzt des Instituts für Laboratoriumsmedizin im Stuttgarter Marienhospital. Negative Testergebnisse könnten zu einer Leichtfertigkeit im Umgang mit den AHA+L-Regeln führen, warnte er. Das hätte zur Folge, dass sich die Ansteckungsgefahr in den Bildungseinrichtungen erhöhe. Wichtig sei deshalb, dass die Selbsttests richtig angewendet werden: „Wenn man Kindern nur mal mit dem Teststäbchen vor der Nase rumfuchtelt, wird man kein brauchbares Resultat erhalten“, sagte Orth.

Im Zusammenhang mit den Selbsttests sei zudem wichtig, dass eine ausreichende Viruskonzentration im Untersuchungsmaterial vorliegt, machte DGKJ-Generalsekretär Rodeck deutlich. Zum Beispiel sollte man, bevor man einen Selbsttest durchführt, einmal kräftig schnäuzen. So gelangt genügend Virusmaterial in den vorderen Nasenbereich. „Wird das nicht beachtet, steigt die Gefahr falsch negativer Testergebnisse trotz vorliegender Infektion“, betonte er.

Schulen setzen auf Spuck- und Speicheltest

Alternativ gibt es noch Selbsttests, die das Coronavirus mithilfe einer Speichel- oder Spuckprobe nachweisen. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) listet unter anderem den Coronavirus (2019-nCoV)-Antigentest – Speichel der chinesischen Firma Beijing Hotgen Biotech Co sowie den AMP Rapid Test SARS-CoV-2 Ag Sputum des österreichischen Herstellers AMEDA Labordiagnostik.

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Momentan steigen die Corona-Infektionen zu schnell und die Virusvarianten machen die Lage besonders gefährlich, so Bundesgesundheitsminister Jens Spahn.  © Reuters
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In Potsdam werden Spuck- und Speicheltests bereits eingesetzt. Allerdings haben Recherchen der Märkischen Allgemeinen gezeigt, dass die dort verwendeten Tests gar nicht für den Laieneinsatz zugelassen sind. Werden Spuck- und Speicheltests falsch angewendet, können auch sie falsche Ergebnisse liefern.

Letztendlich handelt es sich bei jedem Corona-Testergebnis nur um eine Momentaufnahme. Das bedeutet, dass sich jemand, der negativ getestet wurde, trotzdem in den nächsten Stunden mit dem Coronavirus infizieren kann. Um Infizierte schon frühestmöglich zu identifizieren, rät Chefarzt Matthias Orth zu PCR-Tests. Diese dauern zwar länger als Schnelltests, sind aber zuverlässiger.

Vermehrte Tests könnten hohe Fallzahlen in jungen Altersgruppen erklären

Die von Bund und Ländern entwickelte Teststrategie müsse in mehrfacher Hinsicht überarbeitet werden, meint DGKJ-Generalsekretär Rodeck: „Der Schnelltest alleine ist nur ein Einstieg, er kann aber nur dann sinnvoll sein und langfristig Bestand haben, wenn sorgfältig eine Prätest- und Posttest-Strategie entwickelt wird – mit allen Implikationen, die dabei zu bedenken sind.“ Die aktuelle Vorgehensweise überfordere viele Bildungseinrichtungen. Sinnvoller seien anlassbezogene Testungen, zum Beispiel bei symptomatischen Patienten oder bei einem lokalen/regionalen Ausbruchsgeschehen.

Dass jetzt in den Schulen und Kitas mehr Corona-Tests durchgeführt werden, könne eine Ursache für den hohen Anstieg der Infektionszahlen in den jungen Altersgruppen sein, sagte Marco Binder, Virologe am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg, der „Zeit“. Die vermehrten Testungen könnten die Fallzahlen etwas in Richtung der Jüngeren verzerrt haben. Außerdem seien Schulen und Kitas frühzeitig geöffnet worden, noch vor anderen Bereichen des öffentlichen Lebens, sodass sich das Virus in den Einrichtungen jetzt verstärkt verbreite.

Sind Kinder und Jugendliche anfälliger für die britische Virusvariante?

Das RKI geht davon aus, dass die britische Coronavirus-Variante B.1.1.7 ursächlich für die zunehmenden Ausbrüche in den Bildungseinrichtungen sein könnte, weil sie leichter übertragen wird. Weitere Analysen sollen diese Vermutung überprüfen. Die Mutante macht inzwischen mehr als 72 Prozent aller Neuinfektionen in Deutschland aus und ist zum dominierenden Virustyp geworden.

Ob Kinder und Jugendliche anfälliger für B.1.1.7 sind, ist noch nicht abschließend geklärt. Eine Studie von Forschern des britischen King’s College Hospital NHS Foundation Trust hatte Mitte Februar nachweisen können, dass eine Infektion mit der Virusvariante „nicht zu einem nennenswert anderen klinischen Verlauf als beim ursprünglichen Stamm führt“. Ihre Ergebnisse hatten die Wissenschaftler im Fachmagazin „The Lancet“ veröffentlicht. Es gebe keine Hinweise darauf, dass bei Kindern und Jugendlichen, die sich mit der Mutante infizieren, schwerere Krankheitsverläufe auftreten.

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