Positiv getestet trotz Impfung, wie kann das sein?

  • Das Beispiel Seehofer zeigt: Eine Corona-Impfung verringert zwar die Wahrscheinlichkeit, dass sich jemand infiziert oder symptomatisch erkrankt.
  • Beides ist aber trotz Impfung nicht ausgeschlossen.
  • Daneben ist noch ein weiterer Faktor entscheidend beim Impfschutz.
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Horst Seehofer hat sich offenbar mit dem Coronavirus infiziert, obwohl er bereits eine Erstimpfung erhalten hat. Der Politiker hatte vor vier Wochen die erste Impfdosis mit der Vakzine von Biontech/Pfizer bekommen. Wie das Beispiel Seehofer zeigt, können Impfungen gegen das Coronavirus zwar die Wahrscheinlichkeit verringern, mit der jemand erkrankt, und die meisten schweren Verläufe verhindern. So soll auch der Minister bislang keine Symptome aufweisen. Infektionen und selbst symptomatische Erkrankungen sind aber auch bei Geimpften weiterhin möglich.

Von einer Infektion spricht man dann, wenn es einem Krankheitserreger gelingt, in einen Organismus einzudringen, sich dort festzusetzen und zu vermehren. Im Fall einer Coronavirus-Infektion wird das Virus hauptsächlich über die Atemwege aufgenommen und befällt deren Schleimhautzellen. Ob und wie stark sich der Erreger dann dort festsetzt, hängt auch von der Reaktion des Immunsystems ab: Je besser die körpereigene Abwehr funktioniert, desto besser wird das Virus daran gehindert, sich zu vermehren und in den Atemwegen auszubreiten. Es treten dann keine oder nur schwache Symptome auf. Bei einer schwächeren Immunantwort kommt es zu einer Erkrankung, weil sich das Virus dann schneller und stärker in den Atemwegen ausbreiten kann.

Impfung bereitet auf Infektion vor

Durch eine Impfung wird das Immunsystem auf den Kontakt mit dem Erreger vorbereitet. Dem Organismus werden dabei Bestandteile von Viren oder Bakterien präsentiert, die er als fremd erkennt. Er bildet daraufhin spezielle Abwehrzellen und produziert Antikörper: Proteine, die helfen, den Erreger unschädlich zum machen. Kommt es später zum Kontakt mit dem echten Krankheitserreger, werden Abwehrzellen und Antikörper schneller und in größerer Anzahl gebildet als bei Ungeimpften, die sich das erste Mal infizieren. In einigen Fällen genügt die Reaktion aber trotzdem nicht, um alle Viren abzutöten.

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Ähnlich ist es im Fall des Coronavirus auch bei Genesenen: Auch ihr Immunsystem erkennt den Erreger beim erneuten Kontakt wieder und kann ihn dadurch schneller und effektiver bekämpfen. So wird eine Infektion, also eine starke Vermehrung des Virus im Organismus, in den meisten Fällen verhindert.

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Wie gut und wie schnell die Erregerabwehr eines Organismus funktioniert, wird aber noch von weiteren Faktoren beeinflusst: Es kommt zum Beispiel darauf an, wie groß die in die Atemwege aufgenommene Virusmenge war – war sie sehr groß, kann die Vermehrung des Erregers nicht so leicht gestoppt werden –, aber auch darauf, wie leistungsfähig das Immunsystem generell ist. So kommen jüngere Menschen auch ohne Impfung in den meisten Fällen gut mit einer Coronavirus-Infektion zurecht, weil ihr Abwehrsystem den Erreger besiegt. Ältere Menschen hingegen erkranken sehr viel öfter schwer, weil die körpereigene Immunabwehr mit zunehmenden Alter weniger effektiv ausfällt.

70 Prozent weniger asymptomatische Infektionen nach zweiter Impfdosis

Auch für Impfungen und offenbar sogar durchgemachte Infektionen mit dem Coronavirus gilt, dass Jüngere danach einen stärkeren Immunschutz als ältere Menschen aufbauen. Im Fall der Impfung von Biontech/Pfizer geben die Hersteller an, dass ihre Vakzine in den Zulassungsstudien Covid-19-Erkrankungen zu etwa 95 Prozent verhindern konnten. Das heißt, es gab unter Geimpften 95 Prozent weniger Erkrankungen als unter Ungeimpften. Das mittlere Alter der Studienteilnehmer lag allerdings bei 52 Jahren. In den höheren Altersgruppen könnte die Wirksamkeit niedriger liegen, weil dies auch bei anderen Impfungen wie zum Beispiel der Grippeimpfung so ist.

Seehofer ist 71 Jahre alt, zudem hat der Minister bis jetzt nur die erste Impfdosis erhalten. In einer Studie aus Großbritannien wurde die Anzahl asymptomatischer Infektionen durch die Impfung von Biontech/Pfizer um 70 Prozent reduziert: Allerdings galt das erst nach der vollständigen Impfung.

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Fest steht, dass vollständig Geimpfte sich seltener infizieren und noch seltener symptomatisch erkranken, beides kann aber weiterhin vorkommen. Für die Ansteckungsgefahr, die von Geimpften ausgeht, bedeutet das: Auch sie ist gering, aber nicht gleich null. Hätte Seehofer andere anstecken können?

Testpflicht für Geimpfte aufgehoben

Das lässt sich nicht ohne Weiteres sagen. Bekannt ist lediglich, dass der Minister positiv getestet wurde. Ein PCR-Test kann auch dann positiv ausfallen, wenn nur geringe Mengen des Virus oder dessen Erbgutfragmente in Abstrichen aus dem Nasen-Rachen-Raum nachgewiesen werden. Nach den in Deutschland gültigen Regeln wird der Test auch dann noch als positiv gewertet, wenn jemand von einer so geringen Virenmenge befallen ist, dass er andere gar nicht anstecken kann. Ob hierbei im engeren Sinne von einer Infektion zu sprechen ist, ist daher umstritten.

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Theoretisch wäre es möglich, dass Seehofer durch den Impfschutz nur eine sehr geringe Viruslast aufweist und deshalb nicht ansteckend ist. Das Gleiche gilt aber auch für viele Ungeimpfte, die symptomlos infiziert sind und mit einem PCR-Test positiv getestet werden. Antigen-Schnelltests hingegen schlagen erst bei einer höheren Viruslast an und erkennen daher vor allem Infizierte, bei denen von Ansteckungsgefahr auszugehen ist. Dafür werden die Antigen-Tests von einigen als zu ungenau kritisiert.

Die Testpflicht für Geimpfte und Genesene wurde ohnehin aufgehoben, was auch für die Schnelltests gilt. Selbst womöglich infektiöse Geimpfte dürften daher nun kaum noch erfasst werden. Für Personen der Risikogruppen bedeutet all das: Einen guten Schutz vor einer schweren Erkrankung bietet ihnen eher die eigene Impfung als die Impfung ihres Umfelds.

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