Trotz positivem Corona-Test zur Arbeit: Eine Betroffene erzählt

  • Mehrere Wochen nach ihrem ersten Befund wurde Hannah Müller noch immer positiv auf das Coronavirus getestet.
  • Doch das hessische Landesgesundheitsamt ließ sie schon nach drei Wochen wieder zur Arbeit gehen.
  • Müller, die in einem Pflegeheim in der sozialen Betreuung tätig ist, erzählt von der frustrierenden Zeit.
Ben Kendal
|
Anzeige
Anzeige

Als Hannah Müller (Name von der Redaktion geändert) nach ihrer Covid-19-Erkrankung endlich negativ auf das Coronavirus getestet wurde, fiel ihr ein Stein vom Herzen. Ihre Symptome waren schon nach einer Woche weg, doch nach ihrem ersten Befund Anfang April fielen mehr als sechs Wochen lang ganze acht Tests immer wieder positiv aus. So erzählt sie es dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

Erst bei der neunten Untersuchung gab es Entwarnung. Aber schon drei Wochen nach ihrem ersten positiven Corona-Test bekam sie von ihrem Arbeitgeber die Nachricht, dass sie wieder zur Arbeit kommen könne.

Müller ist in der sozialen Betreuung in einem Pflegeheim in Hessen tätig. Sie müsse aufgrund ihres noch positiven Tests in den sogenannten Quarantäne-Bereich für alle Bewohner und Mitarbeiter, die sich mit dem Coronavirus infiziert haben, hieß es. “Ich hatte schon ein mulmiges Gefühl dabei, in dem Quarantäne-Bereich arbeiten zu müssen”, sagte Müller. Allen voran war ihr unklar, warum sie trotz der weiterhin positiv ausgefallenen Corona-Tests wieder zur Arbeit gehen durfte.

Weiterlesen nach der Anzeige
Anzeige

Totes genetisches Material: Trotz positivem Corona-Test nicht mehr infektiös?

Anzeige

Laut dem Robert Koch-Institut (RKI) gelten Patienten erst als genesen, wenn sie sich mindestens 14 Tage in Quarantäne begeben haben, seit 48 Stunden lang keine Symptome mehr aufweisen – und innerhalb von 24 Stunden zwei Untersuchung auf das Virus negativ ausfallen. So galt Hannah Müller zu dem Zeitpunkt der Nachricht nicht offiziell als genesen. “Im Pflegeheim waren zeitweise 60 Prozent des Personals krank, dementsprechend groß war der Bedarf an Mitarbeitern", sagte Müller.

Video
Coronavirus: Diese Maßnahmen schützen mich
0:55 min
Um eine zweite Ansteckungswelle in Deutschland zu vermeiden, sind einige Verhaltens- und Hygieneregeln zu beachten.  © Ben Kendal/RND
Anzeige

Aufgrund dieser Personalnot kontaktierte das Pflegeheim das hessische Landesgesundheitsamt und fragte nach, ob Müller wieder arbeiten gehen könne. Das Gesundheitsamt entschied, dass Müller wieder im Altenheim arbeiten dürfe – allerdings nur im Quarantäne-Bereich, da ihre Tests noch positiv ausgefallen waren.

Aber wieso war das überhaupt möglich, wenn Müller nach RKI-Definition streng genommen nicht als genesen galt? “Wir gehen davon aus, dass es sich um totes genetisches Material handelt, wenn die Untersuchungen 14 Tage nach dem ersten Befund noch positiv ausfallen”, sagte ein Sprecher des Niedersächsischen Landesgesundheitsamt. Es bestehe dann mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit keine Infektiosität mehr. Diese Information hat Müller auch von ihren Ärzten erhalten.

Trotzdem sei es eine Einzelfall-Entscheidung, ob Patienten 14 Tage nach dem ersten positiven Corona-Test die Erlaubnis bekommen, wieder arbeiten zu gehen: Bei Arbeitnehmern, die in medizinischen Bereichen tätig sind oder viel mit Menschen in Kontakt kommen, werde in manchen Fällen das Tätigkeitsverbot erst bei einem negativem Corona-Test aufgehoben.

Anzeige

Dauer der Infektiosität noch unklar - mehr Studien benötigt

Doch ob die Infektiosität tatsächlich 14 Tage nach dem ersten positiven Test und nach Abklingen der Symptome nicht mehr besteht, ist noch nicht bestätigt. Laut chinesischen Wissenschaftlern bleibe die Infektiosität unklar – auch wenn sie in Stuhlproben von Probanden keine infektiösen Viren mehr vorgefunden haben. Es müssten umfangreichere Studien durchgeführt werden, um mehr zu einer möglichen Infektiosität sagen zu können, schreiben die Forscher.

Stand jetzt schließt ein negatives PCR-Ergebnis laut dem Infektiologen Matthias Stoll von der Medizinischen Hochschule Hannover die Möglichkeit einer Infektion mit Sars-CoV-2 leider grundsätzlich nicht aus. Ein weiteres Problem: Abstriche erfolgten häufig aus dem Mundraum oder Naseneingang statt aus dem Rachen. “Ein Grund dafür ist, dass die für die richtige Abstrichtechnik notwendigen, über 10 Zentimeter langen Abstrichtupfer in Deutschland nicht ausreichend verfügbar sind", erklärt Stoll.

Coronavirus: Immer informiert
Abonnieren Sie Updates für das Thema "Coronavirus" und wir benachrichtigen Sie bei neuen Entwicklungen

Gesundheitsamt-Vorgabe: Kinder wurden nicht getestet

Anzeige

“Die Tests waren unangenehm: Mir wurde ein Abstrich aus dem Rachen und der Nase gemacht. Ich habe jedes mal gehofft, dass der Test endlich negativ ausfällt”, erinnert sich hingegen die gelernte Ergotherapeutin Müller. Erst musste bei ihr jeden Dienstag und Mittwoch ein Corona-Test durchgeführt werden, später dann nur einer pro Woche. Und immer wieder kamen neue Informationen vom hessischen Gesundheitsamt. Einige Anweisungen stießen bei ihr auf Unverständnis: Als ihre Quarantäne-Zeit zu Ende war, hieß es beispielsweise zunächst, dass sich auch ihre Kinder nicht mehr in Quarantäne befinden müssen.

“Wir waren in den zwei Tagen darauf Fahrradfahren, meine Tochter hat mit dem Nachbarskind gespielt. Dann erhielt ich jedoch die Information, dass die Kinder noch weiter in Quarantäne bleiben mussten, weil mein Mann auch noch in Quarantäne war”, erzählt Müller. Ihre Kinder mussten beispielsweise gar nicht getestet werden, ihr Mann jedoch schon. So wisse sie bis heute nicht, ob ihre Kinder bereits eine Infektion überstanden haben oder nicht. “Ich finde es ärgerlich, dass die Kinder so außen vor gelassen wurden", betont Müller.

Hannah Müller hatte einen vergleichsweise milden Verlauf mit grippeähnlichen Symptomen, darunter kurzzeitig Fieber. Ihr Mann erkrankte schwerer und musste für fünf Tage in eine Klinik. Die Erkrankung hat er jedoch mittlerweile überstanden. Seitdem ihr Corona-Test zum ersten Mal negativ ausfiel, musste Müller nicht mehr im Quarantäne-Bereich im Pflegeheim arbeiten.

In dieser Zeit waren ihre Mitarbeiter ihr großer Rückhalt: “Wir sind als Team ein bisschen mehr zusammengewachsen und haben uns unterstützt. Das hat die Zeit etwas angenehmer für alle gemacht”, sagte Müller. In ihrem Pflegeheim in Hessen starben mindestens zehn Menschen an den Folgen einer Infektion mit dem Coronavirus.

“Staat, Sex, Amen”
Der neue Gesellschaftspodcast mit Imre Grimm und Kristian Teetz
  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen