Positiv auf Corona getestet worden, aber nicht ansteckend? Was der Ct-Wert über die Infektiosität verrät

  • Nicht jeder, der positiv auf das Coronavirus getestet wird, ist auch ansteckend.
  • Wie infektiös ein Getesteter ist, ließe sich aus dem Ct-Wert ableiten.
  • Dieser wird zwar vom Labor erhoben, den Gesundheitsämtern aber nicht übermittelt.
Irene Habich
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Wer nur eine geringe Menge Viren in sich trägt, ist für andere kaum oder gar nicht ansteckend – und bekommt trotzdem ein positives Testergebnis. Anhand der genauen Laborwerte ließe sich zwar erkennen, wie infektiös jemand ist. Die Informationen werden aber nicht übermittelt.

Das Standardtestverfahren beim Verdacht auf eine Coronavirus-Infektion ist nach wie vor das PCR-Verfahren. Der PCR-Test kann Erbgutsequenzen des Virus in Abstrichen aus dem Nasenrachenraum aufspüren. Diese sind aber erst ab einer bestimmten Menge nachweisbar. In mehreren Durchlaufzyklen wird daher versucht, das Virenerbgut zu vermehren. Irgendwann liegt genug Erbgut vor und der Test schlägt positiv an.

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Viele positiv Getestete womöglich nicht ansteckend

Der PCR-Test liefert nebenbei aber noch eine weitere Information. So gibt der sogenannte Ct-Wert an, wie viele Vermehrungszyklen nötig waren, ehe ein Test angeschlagen hat. Wenn sich viele Viren in der Probe befinden, ist ein Test schon nach zehn bis 15 Durchläufen, also bei einem Ct-Wert von zehn bis 15, positiv. Enthält ein Abstrich hingegen nur sehr wenig Virusmaterial, sind mehr als 30 Vermehrungszyklen erforderlich, der Ct-Wert ist dann höher als 30. Untersuchungen des Robert-Koch-Instituts (RKI) zufolge ist ab einem Ct-Wert von über 30 aus einer Probe kein Virus mehr anzüchtbar. Das heißt: Infizierte dürften höchstwahrscheinlich nicht mehr in der Lage sein, andere anzustecken. Trotzdem gilt ein solches Testergebnis als positiv. Erst wenn nach 37 oder 40 Vermehrungszyklus kein Virus nachgewiesen wird, wird ein Testergebnis als negativ eingestuft.

In einem Artikel in der „New York Times“ hatte ein Epidemiologe der Harvard-Universität daher vor einigen Wochen gefordert, Tests mit Ct-Werten über 30 nicht mehr als positiv zu werten. In Labors in New York, Nevada und Massachusetts hatten demnach bis zu 90 Prozent der positiv Getesteten so hohe Ct-Werte, dass sie eigentlich gar nicht ansteckend waren.

Ct-Wert wird bei Quarantäneanordnung nicht berücksichtigt

Auf eine Anfrage der „Süddeutschen Zeitung“ teilte der deutsche Laborverbund LADR mit, dass 49 Prozent der von ihm seit Juli durchgeführten Tests Ct-Werte über 30 hatten. Die allermeisten Getesteten mit kaum nachweisbarer Viruslast werden aber genauso wie hoch Infektiöse behandelt. Wie Recherchen von NDR, WDR und SZ ergaben, werden die Gesundheitsämter meist nicht einmal über den Ct-Wert von Infizierten informiert. Das heißt: Sie ordnen die Isolation an, auch wenn Betroffene gar nicht oder nicht mehr ansteckend sind. Nur in Einzelfällen wird der Ct-Wert bei Entscheidungen über Isolation und Quarantäne berücksichtigt.

Das RKI empfiehlt bisher nur in einem Fall, den Ct zur Beurteilung heranzuziehen: Patienten mit schwerem Verlauf dürfen zehn Tage nach Symptombeginn aus der Isolation entlassen werden, wenn sie 48 Stunden symptomfrei sind und ihr Ct-Wert höher als 30 ist. Patienten mit leichten Symptomen oder Patienten ganz ohne Symptome sollen nach Auffassung des RKI auch bei hohen Ct-Werten nicht eher „entisoliert“ werden.

Zur Begründung verweist das RKI darauf, dass Ct-Werte je nach Probennahme und Testverfahren variieren können – allerdings gilt das insgesamt für die Aussagekraft der PCR-Tests. Der Test kann auch so schon Infektionen übersehen, wenn er nicht zum richtigen Zeitpunkt oder schlecht durchgeführt wird.

Drosten empfiehlt Auswertung der Ct-Werte

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Charité-Virologe Christian Drosten hatte bereits im September in seinem NDR-Podcast empfohlen, Ct-Werte zur Einschätzung der Infektiosität zu nutzen. Wenn ein standardisiertes Verfahren angewendet werde, sei das für jedes Labor möglich. Zusammen mit dem Testergebnis könne dann der Befund übermittelt werden, ob eine hohe oder niedrige Infektionsgefahr vom Getesteten ausgehe.

Falls die Gesundheitsämter Ct-Werte künftig berücksichtigen, würde das vielen nicht Ansteckenden die Isolation und ihren Familien und Freunden die Quarantäne ersparen. Auch die Ämter wären letztendlich entlastet, da bei nicht Ansteckenden auf eine Nachverfolgung der Kontakte verzichtet werden könnte. Maßnahmen könnten sich stärker auf Hochinfektiöse konzentrieren.

Antigentests sind vergleichbar mit Ct-Werten

Christian Drosten hatte in seinem Podcast noch einen anderen Vorschlag gemacht: Künftig stärker auf Antigen-Schnelltests zu setzen. Antigentests liefern schon in wenigen Minuten ein Ergebnis. Dafür sind sie weniger genau als die PCR-Testverfahren und schlagen erst bei einer höheren Viruslast an. Wenn der Antigentest negativ ausfällt, sei aber davon auszugehen, dass jemand mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht ansteckend ist. Die Schnelltests haben also eine ähnliche Aussagekraft wie der Ct-Wert.

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Laut Bundesgesundheitsministerium sollen Antigen-Schnelltests künftig eingesetzt werden – aber nur in Pflegeheimen und Krankenhäusern. In anderen Fällen werden weiterhin die PCR-Tests genutzt. Und der Ct-Wert wird vorerst nicht berücksichtigt werden.

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